Der Wrestler – Review

 

Darren Aronofsky schafft es irgendwie, einem so gut wie jede Sportart madig zu machen. Hier ist es das Wrestling, das von seiner dreckigsten und zerstörerischsten Seite dargestellt wird. In „Black Swan“ ist es das Ballett, In „Requiem for a dream“ ist es die olympische Disziplin des Heroin-Drückens, die…na gut, lassen wir das. 😀

Aber ein Schluss lässt sich aus Aronofskys Filmographie tatsächlich ziehen: Er hat etwas übrig für kaputte Persönlichkeiten, gescheiterte Existenzen und düstere Stories – Blumenwiesen werden dem Aronofsky sein Fall wohl nie sein. Nirgendwo wird das deutlicher als in seinem preisgekrönten und vielfach gefeierten Werk „Der Wrestler“. Doch das Resultat ist eher zwiespältig.

Zur Story: Der Wrestler Randy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke) hat den Zenit seiner glorreichen Karriere längst überschritten und trägt zusammen mit weiteren gealterten Ex-Stars Fights in kleinen Turnhallen aus. Er lebt in einem Wohnwagen, hat Geldprobleme und kaum soziale Kontakte. Auch der übermäßige Medikamentenkonsum ist ihm deutlich anzusehen. Seine Abende verbringt er regelmäßig im Stripclub, wo er sich mit der Nackttänzerin Cassidy (Marisa Tomei) anfreundet. Schließlich nimmt Ram an einem großen und gefeierten Rematch gegen einen seiner ehemaligen Gegner aus seiner Glanzzeit teil. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft, zum Einsatz kommen unter anderem Stacheldraht und ein Tacker. Randy gewinnt (nach Absprache), doch der blutige Kampf fordert sein Tribut – er erleidet einen Herzinfarkt, den er nur mit viel Glück überlebt. Der Arzt, der olle Spielverderber, erklärt ihm, dass ein weiterer Wrestling-Einsatz tödlich sein könnte. Schließlich gibt Randy seine Wrestling-Karriere auf und beginnt sein Leben neu zu ordnen: Eine Arbeit finden und vor allem den Kontakt zu seiner Tochter (Evan Rachel Wood) wiederherstellen. und dann wäre da noch Cassidy, in die er sich verliebt…

Ist euch bei der Storybeschreibung irgendetwas aufgefallen? Ganz genau, x-tausend mal gehört und in Hollywood durchgekaut. Einfach die Namen ändern und das Wort Wrestling durch Football oder Boxen ersetzen – schon haben wir einen Standard-Underdog-Sportfilm. Ein abgefuckter Protagonist, ein Unfall mit anschließender Läuterung, späterer Rückfall, der alles wieder zerstört – dieser Storyaufbau gewinnt heute nicht einmal mehr einen Gutschein für Blumentopf-Zubehör, tut mir leid. Es ist ein Aronofsky-Film, das heißt, das in Hollywood übliche Happy End können wir streichen, ansonsten ist die Geschichte absolut vorhersehbar und altbekannt.

Jetzt könnte man den Film als Standard abstempeln und vergessen, aber es bleibt die Art der Inszenierung. Und die ist absolut wuchtig. Einen nicht ubedeutenden Teil leistet dabei Ex-Frauenschwarm Mickey Rourke (von mir oft liebevoll „Bob das Botoxmonster“ genannt). Für einen Oskar als bester Hauptdarsteller nominiert, und das völlig zurecht. Eine derart glaubwürdige, an die Grenzen gehende Performance hat man selten gesehen. Inwieweit der reale Hintergrund des Schauspielers (Drogenprobleme, Karriereknick, Schönheits-Ops…) dazu beigetragen hat, sei mal dahingestellt. Man fühlt mit diesem Wrack mit, man sieht sein Leid und möchte am liebsten helfen. Hinzu kommen die Wrestling-Szenen, die von einer fast schon unerträglichen Intensität sind. Dass Aronofsky nicht gerade zimperlich ist, wissen wir seit dem Ende von „Requiem for a dream“, aber hier schafft er es, die eigentlich völlig übertriebenen Kampfszenen so darzustellen, dass es körperlich wehtut. Jeder einzelne Schlag wird hart und ungeschönt dargestellt. Auch wenn der Film die (nicht wirklich neue) Erkenntnis trifft, dass das Wrestling-Geschäft reine Show ist (Absprachen, testosterongeschwängerte Auftritte, übertriebene Kampfaktionen), die Verletzungen sind es nicht. Sound und Kameraführung sind hier von genial kühler und stoischer Nüchternheit und wenn dann auch noch eine Gabel (ja, eine Gabel!) und ein Tacker (ja, ein Tacker!) zum Einsatz kommen, will man sich am liebsten abwenden. Nicht anders der Herzinfarkt, der mit geschickter Musik-/Soundunterstützung sehr schmerzhaft wirkt und von Rourke absolut glaubhaft dargestellt wird.

Die anderen Darsteller ergänzen den Cast sinnvoll: Marisa Tomei (ebenfalls für einen Oscar nominiert) stellt die Gefühlswelt ihrer Figur (noch so eine gescheiterte Persönlichkeit…nun ja…) sehr glaubhaft dar, auch wenn mir ihre Figur als Seelenverwandte und Auffangschirm für Randy ebenfalls etwas zu klischeehaft ist. Evan Rachel Wood überzeugt als Tochter, die von ihrem Vater einmal zu oft enttäuscht und sitzengelassen worden ist. Gegen Ende ist ihre Darstellung etwas zu übertrieben für meinen Geschmack, aber gut, ich war nie in so einer Lage, woher soll ich dann beurteilen können, wie man realistisch auf so etwas reagiert.

Das Ende des Filmes ist wahlweise berührend und ergreifend oder klischeehaft – bei mir war es eine Mischung aus beiden. Das Schlussbild ist – ähnlich wie bei „Black Swan“ – grandios und die Erkenntnis: „Das Leben kann mich nur verletzen, der Wrestling-Ring nicht“ ist berührend weil trost- und hilflos…gleichzeitig ist es jedoch irgendwie zu offensichtlich und vorhersehbar. Man weiß quasi von Anfang an: Entweder folgt jetzt ein Happy End – oder ganz genau DAS HIER. Das war in Requiem for a dream ähnlich: Aber dort wirkte es eher wie ein nicht aufzuhaltender Sog, ein Strudel in den Untergang, dem man nur verzweifelt entgegensehen konnte. Hier ist es die typische „Da hat er gerade sein Leben geordnet und dann zerstört er es mit einer einzigen Dummheit wieder vollständig“-Wendung. Und das reißt heraus, das verhindert, dass ich diesen Film als das oft so gefeierte Meisterwerk sehen kann.

„The Wrestler“ ist ein gutes, wuchtiges und bis an die Schmerzgrenze inszeniertes Charakterdrama – das leider sehr vorhersehbar und klischeehaft ist. Der Hauptdarsteller und die Inszenierung retten das ganze teilweise – aber mehr als ein“guter“ Film kommt dabei im Endeffekt nicht heraus. Trotzdem schafft es der Film durchaus zu berühren und emotional mitzureißen – mit einer besseren Story hätte es ein Meisterwerk werden können. Was angesichts der sonstigen Leistungen des Regisseurs fast schon eine Enttäuschung ist.

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