Paul – Review

 

Den größten Fehler, den man bei diesem Film begehen kann, ist, seine Erwartungen falsch zu setzen. Zunächst ist es offensichtlich: Simon Pegg, Nick Frost…kennen wir beide aus Shaun of the dead und Hot Fuzz – alles klar eine neue Genre-Parodie mit einem Gagfeuerwerk jenseits von Gut und Böse. Das stimmt aber nur bedingt. Eines muss dabei nämlich klar sein: Paul ist NICHT der dritte Teil der „Blood and Ice Cream“ (Blut und Eiscreme) Trilogie. Der Regisseur heißt hier nicht Edgar Wright, sondern Greg Mottola. Jepp, Greg Mottola, der Regisseur von Superbad. Und dann ist auch noch Seth Rogen beteiligt – statt schwarzem Brit-Humor also Sex-Klamauk und pubertäre Pickelfressen auf dem Weg zur Entjungferung? Glücklicherweise nein, denn das Drehbuch haben Pegg und Frost selbst geschrieben.

Die Story: Zwei Nerds aus England (Pegg und Frost) reisen zur Comic Con und im Anschluss daran alle wichtigen Alien-Hotspots in Amerika mit dem Wohnmobil abzuklappern, darunter selbstredend auch Area 51. Dort begegnet ihnen das Alien (der Alien? Die Alien? Dem Alien?) Paul, der auf der Flucht vor der ihm nicht so wohlgesonnenen Regierung ist (er hat ihr sein Wissen weitergegeben und soll nun getötet werden…warum…auch…immer). Wer nun ein knuddeliges Wesen Marke E.T. erwartet, der kennt Pegg und Frost nicht – und hat vor allem vergessen, dass Seth Rogen Pauls Rolle spricht. Denn Paul IST im Wesentlichen Seth Rogen: Er säuft, er pöbelt, er hat ein gelinde gesagt politisch unkorrektes Vokabular – und zeigt gerne sein primäres Geschlechtsorgan (nach Angaben des Films offenbar ein beeindruckender Rammbock – der Zuschauer selbst bekommt den Getreidepflug natürlich nie selbst zu sehen, soll ja auch in Amerika gezeigt werden, das Filmchen – aber Pauls Angabe: „Auf meinem Planet gilt das als klein!“). Verfolgt von einem knallharten FBI-Agent (Jason Bateman) (mit mysteriöser Chefin im Hintergrund) mitsamt zwei dorftrotteligen Assistenten („Superbad“-Spezi Bill Hader und Gregg Turkington) nehmen die beiden Nerds den kleinen CGI-Kumpel mit und gabeln unterwegs noch eine religiöse Fanatikerin (Kristen Wiig) auf.

So. Natürlich, der Vergleich zu Shaun of the dead und Hot Fuzz (mal eben zwei der besten Komödien der letzten Dekade) drängt sich zwangsläufig auf. Wer den Film aber an diesen zwei Meisterwerken misst, kann nur enttäuscht werden. Weder hat dieser Film den entfesselten Schnitt von Edgar Wright, noch ist er eine entfesselte Genre-Parodie. Deshalb sollte man Paul als eigenständigen Film betrachten, dann erhält man 90 Minuten gute Unterhaltung.

Natürlich enthält auch dieser Film eine Vielzahl von Parodien – allen voran Steven Spielbergs knuffiger Familienfilm „E.T.“, der hier gnadenlos durch den Kakao gezogen wird. Auch viele Nerd-Referenzen von Star Wars bis Akte X werden hier in den Raum geworfen, davon abgesehen haben wir es hier überraschenderweise mit einer recht eigenständigen, eine gradlinige Geschichte erzählenden Komödie zu tun.

Das erste was einem (zumindest als Pegg/Frost-Hardcore Fan) bei der Figurenzeichnung etwas sauer aufstößt: Die Hauptpersonen sind Nerds. Klischee-Nerds. Mittlerweile sind Nerds in Hollywood ja sehr beliebt, in Filmen wie Kick-Ass, Superbad, Fanboys oder in der Serie The Big Bang Theory werden diese vormals so uncoolen  Brillenträger und wandelnden Star Trek-Lexika zu Helden. Natürlich nur ein weiterer von vielen kurzlebigen Hollywood-Trends, der sicherlich bald wieder durch einen neuen ersetzt wird (mordende Autoreifen vielleicht? DAS wäre mal ein Hollywood-Trend, der mir gefallen würde), aber die Prämisse hat durchaus nach wie vor Potential. Was mich allerdings hier stört: Das hatten wir schon! Pegg und Frost haben die komplette Nerd-Gitarre bereits mehr als genial in der britischen Serie „Spaced“ rauf- und runtergespielt. Deshalb wirkt es angesichts der Popularität der beiden etwas…nun ja, berechnend, dass hier erneut Nerds verkörpert werden. So nach dem Motto: Hey, das war beliebt, es liegt im Trend, lass es uns in den Film einbauen. Außerdem scheint es so, dass die Hauptcharaktere in diesem Film nicht ganz ausgearbeitet scheinen. Shaun of the dead und Hot Fuzz hatten sich auch dadurch ausgezeichnet, dass sie nicht bloß überdimensionale Gag-Vehikel waren, sondern darüber hinaus sehr liebenswerte, gut entwickelte und in die Tiefe gehende Charaktere (nicht das, was ihr wieder denkt, ihr Ferkel!) bot. Diese hier sind Nerds, die das Alien beschützen wollen und eine gewisse Bromance miteinander teilen (Shaun of the dead, anyone?). Das wars. Ach ja, der eine verliebt sich. Mehr nicht. Etwas lahm, da hätte ich mehr erwartet. Aber vielleicht setze ich meinen Maßstab auch einfach zu hoch, immerhin sind diese Charaktere durchaus sympathisch und man kann mit ihnen mitfiebern, was bei weitem nicht alle Hollywood-Komödien schaffen.

Kristen Wiig spielt den schrulligen, durchgeknallten Love-Interest für Peggs Charakter, was von Anfang an offensichtlich ist, aber Gott, sie hat witzige Szenen und spielt ihre Sache gut (und die auf einem Brillenglas dunkle Brille sieht herrlich aus). Überraschungen bietet der Charakter nicht wirklich und eröffnet mit dem gottesfürchtigen Vater einen Side-Plot, der ebenso wie die später eingeführte ältere Frau, die ein lang zurückgehaltenes Geheimnis mit sich trägt, eher unnötig ist.Jason Bateman hingegen ist die Coolness in Person und macht sich als eiskalter Gegenspieler (mit allerdings gegen Ende so ziemlich aus dem Nichts kommenden Charakterwendung) richtig gut. Bill Hader ist…mjah, Bill Hader, ne? Mit Turkington zusammen ist er verantwortlich für Slapstick, Dummheit und witzige Sprüche, was hier ziemlich gut funktioniert.

Über Paul habe ich bereits oben geschrieben, wie sein Charakter aussieht. Und es passt tatschlich richtig gut. Ich habe nur die englische Version gesehen, das heißt ich kann nicht wirklich beurteilen wie gut Bela B, der deutsche Sprecher, Pauls Charakter rübergebracht hat, aber Seth Rogen macht seine Sache richtig gut. Paul ist lustig, vulgär, hat aber auch gleichzeitig Raum für einige ernste Momente.

Im Trailer ebenfalls angekündigt: Sigourney Weaver. Zwar beschränkt sich dieser Auftritt auf ein eher kurzes Cameo, aber dieses ist für mich persönlich das absolute Highlight des Films. Ihr Erscheinen (und vor allem ihr Abtritt) ist einfach nur göttlich, aber vielleicht muss man dafür ein bisschen selbst Nerd sein, um diesen Auftritt zu lieben (Ripley forever!!!).

Was also bleibt zu Paul zu sagen: Er ist sehr unterhaltsam. Kein absolutes Genre-Highlight, kein absoluter Nachfolger von Shaun und Hot Fuzz (was er ja auch nie sein sollte), aber eine witzige und rundum kurzweilige Komödie mit vielen Witzen (vielleicht keine Überbrüller aber doch permanent gut) und einigen herrlichen Running Gags. Man darf einen Film halt nicht immer an seinen übergroßen Schatten messen.

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