Death Magnetic (Metallica) – Review

 

Die  Anspannung von Millionen Metallica-Fans vor dem Erscheinen dieses Albums hätte kaum größer sein können. Das erste Album der Metal-Götter nach JAHREN. Doch die anspannung war dabei deutlich größer als die Vorfreude: Immerhin könnte man den Zusatz „nach Jahren“ problemlos durch den Ausdruck „nach St. Anger“ ersetzen!

St. Anger. Der Name war Programm, ein einziges großes Ärgernis. Metallica wollten nach ihren soften poppigen und vielfach kritisierten Alben Load und Reload sowie nach einer schweren, bandinternen Krise (hierbei empfehle ich die Doku „Some kind of Monster“: sehr bewegend, sehr offenbarend, sehr ehrlich und man bekommt einen guten Eindruck davon, was die Band alles durchmachen musste) ein Zeichen setzen, ein rohes, kompromissloses und brutales Album schaffen, um zu sagen: „Wir sind immer noch da“. Der Schuss ging dick nach hinten los: Das Album war roh und brutal, allerdings im negativen Sinne. Matschiger Sound, eine katastrophal nervige Snare-Drum, über die ich mich bis heute aufregen könnte, uninspirierte und langweilige Songs, die bis auf Frantic und St. Anger kompletter Dünnpfiff sind…Für viele war Metallica nach diesem Desaster-Album endgültig gestorben.

Bis Death Magnetic angekündigt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten Metallica mit Robert Trujillo einen neuen, richtig guten Bassspieler und präsentierten sich live stärker und spielfreudiger denn je. Man habe aus St. Anger gelernt, das neue Album sollte deutlich mehr an alten Glanztaten à la Master of Puppets orientiert sein. Nach einer gefühlten Ewigkeit erschien das Album endlich – und die Erwartungen wurden bei mir mehr als erfüllt.

Das Album beginnt nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit dem Pochen eines schlagenden Herzens. Das ist natürlich die billige Art des Spannungsaufbaus – aber verdammt noch mal, sie wirkt. Besonders der folgende Bassriff von „That was just your life“ ist einfach nur episch: Ruhig und bedrohlich wie einst „Battery“, ohne eine platte Kopie zu sein. Die Gitaren krachen hinein, die Snare hat endlich wieder einen anständigen Sound, und das darauf folgende Riffgewitter lässt mal eben den gesamten St Anger-Müll in der geistigen Mülltonne verschwinden. James Hetfield setzt seine unvergleichliche Mischung aus Gebrüll und Gesang ein, Kirk Hammett spielt endlich mal wieder Soli, die etwas taugen, der Bass von Rob verschwindet glücklicherweise nicht, wie damals bei Jason Newsted, in den Versenkungen des Mischpults. Ein hartes, 8-minütiges Statement, dem man höchstens vorwerfen könnte, dass es in seinem Aufbau schon sehr an „Battery“ erinnert. Aber es funktioniert auch, wenn die Anfangs-Euphorie eines Die-Hard Metallica-Fans abgeklungen ist: Ein starker Headbanger, der beweist, dass es die Band nach wie vor draufhat.

„The End of the Line“ hält das hohe Niveau des Vorgängers und bietet zwar keinen so geilen Riff wie dieser, hat dafür den deutlich zwingenderen Refrain, der im Ohr hängen bleibt und der live sehr gut mitgegröhlt werden kann. Nach diesen zwei Granaten stinkt „Broken, Beat and Scarred“ etwas ab; keinesfalls ein schlechtes Lied, aber doch etwas wiederholend und unspektakulär. Trotzdem sehr solide und der Satz „WE DIE HARD“ ist vielleicht etwas übertrieben martialisch, aber er bleibt hängen.

„The Day that never comes“ beginnt akustisch, steigert sich zur Halbballade und endet im Stakkato-Riffing. Klingt das bekannt? Richtig, kennen wir als „One“ von …And Justice for all. Diese Parallelen sind die offensichtlichsten auf dem ganzen Album, aber hier muss wirklich jeder selbst entscheiden, ob ihn das stört oder nicht. Immerhin klauen Metallica von sich selbst und nicht von anderen, wer sonst sollte das dürfen 😛 ? Für mich ist der Song sehr gut, vielseitig und dynamisch, die lange Spielzeit stört nicht, Langeweile kommt keine auf. Absoluter Hit-Charakter, wenn man mal davon absieht, dass es „One“ schon gibt.

Es folgt mein persönlicher Lieblingshit des Albums: „All Nightmare Long“ ist eine absolute Granate. Halbakustisches Intro, knallende Trash-Gitarren und ein Über-Refrain, der das Lied in meine persönliche Bestenliste der geilsten Metallica-Songs aller Zeiten katapultiert. Absolutes Gänsehaut-Feeling und ein Hammer-Song zum Mitbangen und -gröhlen: „Hunt you down without mercy, hunt you down all nightmare looong“

„Cyanide“ kann danach eigentlich nur abstinken. Aber auch dieses Lied verdient das Prädikat „solide“. Hier zeigen Metallica, dass sie nicht auf pure Wiederholung vergangener Glanztaten setzen wollen, sondern mit jedem Album eine Entwicklung durchlaufen wollen (und, das muss ihnen selbst der beinhärteste Metallica-Hasser zugestehen: sie haben es bislang immer geschaffte, denn egal auf welchem Niveau, kein Album klang wie das vorige). Das Riffing mit Wa-Wa-Verzerrung hätte in dieser Form von Cliff Burton stammen können, die Rhythmen sind sehr vertrackt. Die Eingängigkeit bleibt dabei etwas auf der Strecke und langsam schleicht sich in Hetfields Gesang eine gewisse Wiederholung rein. Trotzdem kein schlechter Song.

Die „Unforgiven“-Reihe (Teil 1 und 2 fanden sich auf dem Black Album und auf Load) wird häufig als unspektakulär und langweilig kritisiert oder im Metallica-Katalog gerne mal übersehen (immerhin war Metallicas absolute Ballade „Nothing else Matters“), ich persönlich halte „The Unforgiven“ und insbesondere „The Unforgiven II“ für kleine Perlen, in denen viel Gefühl und aufeinander aufbauende Elemente stecken (und nebenbei nicht so totgenudelt sind wie das auf Dauerschleife gestellte „Nothing Else Matters“). „The Unforgiven III“ bringt das ganze nun zu einem nahtlosen Abschluss, sowohl inhaltlich (Texte lesen bildet, meine lieben Freunde 😉 ) wie auch stilistisch. Eine kleine, feine Ballade, die die benötigte Abwechslung in das Album bringt und den Ruhepol bildet.

Dem folgt das für mich schwächste Stück des Albums: „The Judas Kiss“. Erneut Trash, erneut Überlänge, erneut hart, teilweise schleichen sich sogar leichte St Anger-Parallelen hinein, aber dieser Song gibt einfach gar nichts. Weder ist er eingängig, noch baut er Druck auf oder kann sonstwie überzeugen. Handwerklich nach wie vor nichts dran auszusetzen, klar, aber es kommt nichts bei herum, was den Song in irgendeiner Weise hervorheben würde.

Natürlich muss auch mal wieder ein überlanges Instrumental hinein, die Tradition verpflichtet immerhin. „Suicide & Redemption“ ist dann auch durchaus sehr tight gespielt und nicht labngweilig, aber es scheitert an seinen übergroßen Vergleichsmöglichkeiten, die, wie sollte es anders sein, von der Band selbst stammen: „The Call Of Cthullu“, „Orion“ oder „To live is to die“ sind schlicht und ergreifend unerreichbar. Diese Klasse kann „Suicide&Redemption“ nicht erreichen.

„My Apocalypse“ ist schließlich der krönende Abschluss des Albums: „Master of Puppets“ trifft auf „Helpless“. Hart und trotzdem eingängig, die Soli sind spitze, das Riffing druckvoll, ein klasse Abschluss.

In den Kritiken ist das Album sehr umstritten: Die einen feiern es, die anderen sehen es als letzten Sargnagel der einstmals größten Metal-Band der Welt. Ich kann die Kontroverse verstehen, für mich ist das Album allerdings ein absolut starkes Comeback der Metal-Götter mit nur wenigen Ausfällen. Die oftmals kritisierte Produktion von Rick Rubin stört mich dabei nicht besonders, klar sind die Gitarren und die Drums zuweilen etwas übersteuert, ansonsten passt die Produktion zu den druckvollen und harten Songs.

Metallica sind zurück und wir können gespannt sein, was folgen wird. Nach diesem großartigen Comeback-Album.

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