Super – Review

 

Der erste Gedanke zu diesem Film ist offensichtlich: Ein dicker Loser, der sich  als  Superheld verkleidet und das Gesetz in seine eigene Hand nimmt – Kick Ass gibts schon, Gähn, nächster bitte. Das ist allerdings deutlich zu kurz gedacht. Eigentlich hat dieser Film nämlich so gut wie gar nichts mit Kick Ass zu tun – und ist doch der Film, der Kick Ass gerne gewesen wäre. Klingt paradox? Keine Sorge, ich erkläre es gerne.

Zunächst der Inhalt: Protagonist ist der dickliche Loser Frank D’Arbo (Rainn Wilson), der in seinem Leben auf exakt zwei glückliche Momente zurückblicken kann: Den Moment, als er einem Polizisten per Fingerzeig die Richtung eines an ihm kurz vorher vorbeigelaufenen Kriminellen weisen kann (ein knappes Danke des Polizisten und Frank ist seelig…) und die Hochzeit mit seiner wunderschönen Frau Sarah (Liv Tyler). Zwei selbstgemalte Krakelbilder erinnern ihn jeden Morgen an diese Highlights seines ansonsten sehr unspektakulären Versager-Lebens. Als Sarah, in der Vergangenheit mit schweren Drogenproblemen ausgestattet, jedoch Frank für den zwielichtigen Drogendealer Jacques (Kevin Bacon) verlässt, stürzt das den gottesfürchtigen Frank in eine tiefe Lebenskrise. Eines Nachts berührt ihn jedoch der „Finger Gottes“, woraufhin er sich nach dem eingehenden Studium von Comic-Heften ein Kostüm schneidert und mit einer Rohrzange bewaffnet als Crimson Bolt dem Verbrechen den Kampf ansagt (bzw. ihm den Schädel spaltet und dabei brüllt „SHUT UP, CRIME“) und vor allem seine Frau zurückzugewinnen. Unterstützung erhält er bei seinem privaten Rachefeldzug, der zunehmend brutalere Züge annimmt, von der Comic-Fanatikerin Libby (Ellen Page), die als nymphomane Psychopathin zu Franks Sidekick „Boltie“ mutiert.

Wie bereits gesagt: Abgesehen von der Grundausgangssituation „Loser im Superheldenkostüm“ hat dieser Film nichts mit der vor wenigen Jahren erschienenen Comic-Verfilmung Kick Ass von Matthew Vaughn zu tun. Der Protagonist ist hier kein kleiner Nerd, der über sich selbst hinauswächst und Verbrechen bekämpft, sondern ein absoluter Psychopath und Gottesfanatiker, der die Verbechensbekämpfung lediglich als Vorwand benutzt, um seine Frau zurückzugewinnen (während der Sidekick „Boltie“ einfach nur Gewalt geil findet). Trotzdem gibt es in der Grundeinstellung Parallelen zwischen den beiden Filmen, wobei Kick ass eindeutig den Kürzeren zieht: Denn Kick Ass wollte gerne wie seine Comic-Vorlage eine bitterböse, schwarzhumorige und blutig-überstiegene Abrechnung mit dem Superhelden-Mythos sein. Wo dieses Vorhaben in der Comic-Vorlage allerdings funktionierte (man betrachte nur Bilder wie dieses), litt Matthew Vaughns Film an den immer wiederkehrenden Hollywood-Klischees und den daraus entstehenden Einschränkungen. Einige halbherzige, leicht verdauliche Splatter-Einlagen, gerade „böse“ genug für den durchschnittlichen Kinogänger, und wenige wirklich gelungen-witzige, schwarzhumorige Szenen (die allerdings alle aus der Vorlage stammen) reichten da eben nicht aus. Auf halber Strecke wandelt sich das ganze zudem in ein halbherziges und deplaziert wirkendes Action-Drama mit anschließendem (aaaaarrrgh) versönlichen Hollywood-Ende inklusive „Piep Piep – wir haben uns alle lieb“ und überdeutlicher Ankündigung eines Sequels. Klassischer Fall von vertaner Chance (trotz einiger gelungener Ansätze).

Auch Super ist eine schwarze und brutale Komödie. Aber nicht nur. Ein Gag-Feuerwerk sollte man hier nicht erwarten, da auch hier die Handlung eher dramatisch und tragisch inszeniert wird. Die Tragik, die besonders durch die Darstellung des innerlich gebrochenen, wenn auch psychopathischen Protagonisten Frank entsteht, wird von Regisseur James Gunn jedoch immer wieder auf skurrile Art und Weise gebrochen. Wer seine Vorgänger-Filme Slither oder Tromeo und Julia (Troma…muss man da noch mehr sagen???) kennt, weiß vielleicht, was auf ihn zukommen könnte – andere werden von den brutal-skurrilen Elementen eventuell irritiert oder sogar verstört. Der Film ist eindeutig Geschmackssache – ich liebe ihn. James Gunn scheißt auf sämtliche Hollywood-Konventionen und liefert eine im Gegensatz zu Kick ass WIRKLICH böse verstörend skurrile Mischung aus Drama und Komödie ab.  Natürlich ist der Film auch witzig, sehr sogar: nur eben auf seine eigene kranke und skurrile Weise. Mein wiederholter Gebrauch von „skurril“ und „verstörend“ kommt dabei nicht von ungefähr: Die Sequenz, in der Frank von dem „Finger Gottes“ berührt wird, ist, ohne zuviel zu verraten, sowas von bekloppt, erinnert leicht an Slither und wäre so in einem Hollywood-Film nie denkbar. Ebenso das Finale, in dem Aktionen heftigster Brutalität in ihrer Dramatik immer wieder von scheinbar deplaziert wirkenden Comic-Effekten durchbrochen werden. Nur das Ende hat mich etwas gestört. Auch wenn man ihm nicht den Vorwurf machen kann, ein versöhnliches Hollywood-Happy End zu sein, fehlte mir in diesem Ende irgendwie die Konsequenz, die sich durch den gesamten Film gezogen hat. Aber das ist nur ein kleiner, persönlicher Wehmutstropfen eines absolut starken, für mich bereits jetzt zu den Highlights 2011 zählenden Independent-Filmes.

Die Schauspieler sind durch die Bank weg grandios: Rainn Wilson passt zu seiner Rolle wie der Kuchen in die Backform: Absolut perfekt. Er ist komisch, er ist durchgeknallt, aber auf eine gewisse Weise auch sympathisch. Man leidet mit seinem Verlust mit, man will, dass er Erfolg hat trotz seiner Brutalität. Trotzdem stiehlt ihm Ellen Page fast schon die Show: Ihre absolute Überdreht- und Verrücktheit als nymphomaner Psycho ist einfach herrlich; sobald sie anfängt, ihre verstümmelten Opfer lauthals auszulachen, reißt sie den Film quasi an sich und bietet eine einzigartige wie herrlich lustige Performance. Liv Tyler ist vergleichsweise unspektakulär, aber man muss ihr zu Gute halten, dass sie hier nicht viel zu tun kriegt. Ihre Liebe zu Frank oder ihre innere Zerrissenheit kann sie auf subtile Weise dennoch gut transportieren. Kevin Bacon merkt man seinen Spaß an der Rolle an. Er dreht in seiner Rolle als schmieriger Bösewicht richtig auf. Hier sind es vor allem die kleinen Gesten, die zeigen, dass hier ein erfahrener Ausnahme-Schauspieler am Werk ist. In einem kleinen Cameo taucht zudem Slither-Star Nathan Fillion in einer sehr witzigen Nebenrolle auf. Und dem aufmerksamen Abspanngucker wird auffallen, dass die Stimme von Gott (die in dem Film sagenhafte ZWEI Worte sprechen darf) von niemand geringerem als Rob Zombie stammt.

Dieser Film ist eindeutig Geschmackssache und nicht für jeden zu empfehlen: Manch einem mag sie zu böse, brutal oder verstörend sein, anderen wiederum nicht witzig genug. Für mich persönlich ein absoluter Geheimtipp, der hoffentlich auch seinen Weg in die deutschen Kinos finden wird. Bereits jetzt in der Top 10 meiner Lieblingsfilme 2011.

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Ein Gedanke zu “Super – Review

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