The Descent – Review

 

Wenn man die Prämisse des Films hört (Eine Gruppe junger Frauen klettern in eine Höhle und treffen dort auf das Grauen…I mean, DUH!), dann klingt sie nach tausendfach durchgekaut und ergo uninteressant. Das mag stimmen, der Film bietet dem Horror-Genre storytechnisch tatsächlich überhaupt nichts neues, aber ich bin grundsätzlich der Auffassung, dass die Umsetzung die Musik macht. Und das ist der Fall bei The Descent, kein perfekter, aber dafür stimmungsvoller, sehr gut umgesetzter Horror-Streifen.

Eine Gruppe von sechs befreundeten Frauen beschließt, sich auf eine Höhlenexpedition zu begeben. Die Protagonistin Sarah (Shauna Macdonald) ist noch immer traumatisiert von einem Autounfall, bei dem ihr Mann und ihre Tochter ums Leben kamen. Gemeinsam wandern die Frauen von einer einsamen Berghütte aus zum Höhlensystem, den Touri-freundlichen Boreham-Caverns. Sie klettern hinab und durchqueren die engen Tunnels. Sarah erleidet in der Enge eine Panikattacke, woraufhin eine ihrer Freundinnen ihr hilft. Dummerweise stürzt in diesem Moment der Höhlengang ein und versperrt den einzigen Weg nach draußen. Der passende Moment für Gruppenmitglied Juno (Natalie Jackson Mendoza), den anderen die freudige Nachricht zu überbringen, dass sie sich überhaupt nicht in den Boreham-Caverns, sondern in einem völlig unerforschten Höhlensystem befinden, das Juno mit ihren Freundinnen gemeinsam entdecken wollte. So sind sie auf sich gestellt und müssen auf gut Glück weiter durch die finsteren Tunnels krabbeln. Und natürlich merken sie bald, dass sie nicht allein sind.

Im Folgenden wird es sich nicht ganz vermeiden lassen, etwas zu spoilern. Wenn ihr also den Film noch nicht gesehen habt und gerne vorbehaltlos sehen wollt, dann guckt ihn jetzt und kommt danach wieder an diese Stelle zurück 😉 .

The Descent ist einer dieser Filme, die trotz angestaubter Story (ernsthaft, ersetzt „Höhle“ durch irgendeinen anderen gruseligen Ort und ihr habt eine ganze Liste von Filmen mit ähnlicher Story) Klischees weitesgehend vermeiden können. Das offensichtlichste Klischee liegt in den Protagonisten. Regisseur Neil Marshall setzt hier nicht auf die x-fach auftauchenden dämlichen und sexbesessenen Teenager, die man nur zu gerne sterben sieht, sondern bemüht sich, ambivalente und vor allem intelligente Protagonisten zu schaffen. Und das macht den Unterschied, der sich auch durch den Film zieht. Die Atmosphäre des Films ist gelinde gesagt großartig. Die Höhlen und Tunnels sind minimalistisch gehalten, aber genau das macht sie so wirksam. Sie sind eng, dunkel und natürlich gehalten. Zudem wird auf unrealistische Studiobeleuchtung verzichtet, die einzigen Lichtquellen für den Zuschauer sind die Lichtquellen der Protagonisten, also Streichhölzer, Lichtstäbe, Signalfeuer, Nachtsichtfunktion der Kamera etc. Das Gefühl der Klaustrophobie, das Sarah überkommt wirkt sich durch die Enge und die gelungenen Kameraeinstellungen auch auf den Zuschauer aus, was dem Film schon vor der eigentlichen Bedrohung ein unangenehmes Gefühl der Beklemmung verleiht, das in der grandiosen Sequenz, in der Sarah stecken bleibt, ihren Höhepunkt erreicht. Solche Situationen hätte ich mir öfter in dem Film gewünscht, gerade der Paranoia-Trumpf wird hier nicht voll ausgespielt; stattdessen setzt der Film nach der Hälfte der Zeit ausschließlich auf Survival-Horror, was ich etwas schade fand. Auch hier entwickelt sich in der Dunkelheit eine tolle Atmosphäre, auch wenn die Story ab da dem „Zehn kleine Negerlein“ Prinzip folgt; im Klartext: Eine nach der anderen stirbt. Die Splattereffekte sind überwiegend überzeugend, manchmal merkt man ihnen etwas das geringe Budget an, sonst allerdings sind sie sehr dreckig und heftig, teilweise sogar innovativ.

Die Crawler (so heißen die menschenfressenden Höhlenbewohner laut Abspann) funktionieren ebenfalls sehr gut, auch wenn sie in ihrer Konzeption etwas einfallslos wirken (in Pandorum hat man fast identische Viecher…ist die Frage, wer hier von wem kopiert hat). Man erfährt nichts über ihren Hintergrund, was ich persönlich sehr gut finde, da es die Crawler zum einen bedrohlicher macht, zum anderen dem Zuschauer die Situation aus der Sicht der Frauen zeigt. Jeder Erklärungseinschub wäre hier absolut gewollt wirkend und billig und ich bin sowieso ein Fan von offenen Fragen in Filmen und Büchern, so sie denn schlüssig integriert sind. Natürlich gibt es Jump Scares (einige sehr wirkungsvoll, andere etwas offensichtlich), aber diese bleiben nicht das Hauptelement; Marshall setzt eher auf langsamen und stillen Spannungsaufbau, der sich schnell ins Unerträgliche steigert (die Szene in der „Speisekammer“ der Crawler).

Der Story des Films merkt man schnell an, dass sie aus dem Film mehr machen will, als bloß einen einfachen Survival-Horror-Film. Wie sonst sollte der Einschub von Sarahs Trauma nach dem Tod ihrer Tochter und ihres Mannes zu erklären sein? Damit will Marshall seinen Charakteren Tiefe verleihen. Das funktioniert dahingehend, dass das Verhältnis der Frauen zueinander sehr von diesem Erlebnis geprägt ist, was sich auch auf ihr Verhalten in den Höhlen auswirkt und zudem für ein recht überraschendes Ende sorgt. Trotzdem wirkt dieser Einschub zuweilen etwas gewollt und bemüht tiefgängig, vor allem da bei weitem nicht das volle Potential dieser Katastrophe genutzt wird. Aber es wird gut in den späteren Handlungsbogen eingewoben und funktioniert auch als wichtiges Storyelement und Auslöser für die eigentliche Handlung. Der Unfall selbst hingegen ist mir persönlich doch zu übertrieben: Als wollte Marshall von Anfang an ausdrücken: „Hey, das hier wird ein Splatterfilm“, belässt er es nicht bei einem bloßen Unfall, nein, es muss natürlich eine fette Eisenstange sein, die sich durch den Aufprall in die Köpfe von Vater und Kind bohrt. Das musste nicht sein; es mag für den Aufbau des Tones des Films helfen, ansonsten ist es allerdings viel zu übertrieben und unnötig. Ebenso übertrieben, wenn auch in diesem Fall notwendig für die Story ist die Szene, in der eine der Frauen ( jetzt fragt mich bitte nicht wer) von Juno aus Versehen erstochen wurde. Bzw. es ist nicht die Szene selbst, nein, es ist dieser Umstand, der mich in so vielen Filmen absolut ankotzt: es ist das leidige „Letzte Worte“-Element. Sie wurde erstochen, blutet wie Sau, kann nicht mehr atmen, aber natüüüürlich bleibt sie am Leben bis Sarah vorbeikommt, der sie dann ihre letzten Worte zuröcheln kann. Es ist hier notwendig, da sie Sarah die Wahrheit über Juno anvertraut, aber dann bleibt doch bitte etwas realistischer und weniger klischeemäßig. Ich halte es dem Film jedoch zugute, dass die Sterbende nicht nach Überlieferung ihrer letzten Worte in Sarahs Armen krepiert, sondern dass sie Sarah darum bittet, sie zu töten, bevor die Crawler sie erwischen. Das ist wiederum sehr gut gemacht und in seiner Konsequenz schockierend. Bleibt das Ende: Überraschend und sehr drastisch. Zwar spielt der Film auch hier die nur zu oft in Horror-Filmen benutzte Halluzinations/ „nicht real“-Karte, allerdings nur am Rande, was hier sehr gut funktioniert. Stattdessen rammt Sarah Juno einen Eispickel in die Wade und überlässt sie einer Übermacht von Crawlern, alles was bleibt, ist ein letzter Schrei von Juno. Die einzige Kritik, die ich an dieser Sequenz habe, ist der Umstand, dass Sarah hier innerhalb kürzester Zeit von der schreckhaften Trauma-Paranoiden zum absolut harten und skrupellosen Monster-Killer mutiert. Das geht alles etwas schnell und ist etwas übertrieben dargestellt; auf der anderen Seite ist auch das wieder für die Story notwendig. Die letzte Einstellung des Films hingegen ist grandios; verbunden mit dem (übrigens genialen) Soundtrack-Score lässt sie den Zuschauer schockiert und geflasht zurück. Sehr dunkel, sehr grausam, gleichzeitig sehr traurig – für mich perfekt.

Zu den Charakteren erwähnte ich bereits, dass wir es hier mit (überwiegend) intelligenten Protagonistinnen zu tun haben (abgesehen von Holly, die ziemlich offensichtlich nur als „furchtlos-ins-Verderben-Springerin“ etabliert wird und natürlich Juno und ihr „toller“ Plan, ein unentdecktes Höhlensystem zu erforschen). Trotzdem hat man das Gefühl, dass die anderen Charaktere sehr flach bleiben. Natürlich, sechs Charaktere in einem 90-Minüter zu etablieren ist sehr schwierig und hätte vermutlich auch den Rahmen gesprengt. Aber letztendlich, so sympathisch und intelligent die Frauen auch sein mögen, sie sind alle bloße Mittel zum Zweck: nämlich um eine nach der anderen zu sterben. Sie haben einfach keine besonders interessante Persönlichkeit, sehen sich unter ihren Helmen und in der Dunkelheit sehr ähnlich und bleiben eindimensional – kurz: man kann einfach keine konkrete Beziehung zu den Charakteren aufbauen, was etwas schade ist. Dafür gibt es schauspielerisch keine Ausfälle – ausnahmslos alle agieren absolut überzeugend und realitätsnah (bis auf erwähnte Badass-Monsterkillerin-Sarah gegen Ende).

Fazit: Ein sehr guter, sehr spannender und teils auch tiefgehender Survival-Horror Film, der mit gut platzierten Schocks und einer genialen Atmosphäre zu überzeugen weiß. Kein perfekter Film, durchaus mit einigen Mängeln, dafür ein sauguter Soundtrack und ein stimmiges Ende.

Was bleibt zu sagen? Ach ja: The Descent 2 ist schlecht. Richtig schlecht. Er macht alles schlechter, was der Vorgänger gut gemacht hat und versaut auch mal eben das komplette Ende der ersten Teils. Wenn ihr wollt, kann ich gerne nochmal ein ausführlicheres Review dazu schreiben; in diesem Fall einfach einfach in die Kommentare schreiben. Und natürlich bin ich immer aufs neue gespannt, eure Meinungen zu lesen 😉

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4 Gedanken zu “The Descent – Review

    • Zu Trashfilmen gibt es demnächst etwas größeres (oooh, ein Special) und ein entsprechendes Review ist auch schon in Planung. The Descent 2 – wollen das noch mehr Leute? Dann müsste ich mir den ja tatsächlich nochmal angucken, Mist. Na, wenn ihr drauf besteht 😛

  1. Pingback: 13 Horrorfilm-Geheimtipps zu Halloween | gerry42

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