Unto the Locust (Machine Head) – Review

 

Ambitionen, ein Klassiker-Album zu schreiben, möglichst auf der Höhe von Master of Puppets (Metallica) oder The Number of the Beast, hat jede Metal-Band, die ehrlich zu sich selbst ist. Einige wenige uneigennützige Ausnahmen bestätigen die Regel, aber sonst will denkbar jede Band nach ganz oben. Nur zugeben will’s keiner. In Interviews fallen immer wieder Sätze wie „Wir haben das Album für uns selber geschrieben“ oder „Geld interessiert uns nicht, wir wollen nur unsere künstlerischen Visionen umsetzen“. Hjaaa, und der Papst bläst an Ostern Präservative auf, ne 😉 ? So ist das halt im Metal – bloß nicht in den Verruf geraten, auf Geld und Kommerz aus zu sein.

Und dann gibt es noch Robert Flynn. Wir schreiben das Jahr 2007. Machine Head sind nach ihrem glorreichen Comeback „Through the Ashes of Empires“ auf absoluten Hochtouren und auf dem Gipfel der Spielfreude. Jeder erwartet ein ähnlich gutes Album wie „Ashes“ doch Robbse hat mit „The Blackening“ höhere Ziele: The Blackening soll nichts weniger sein, als das Master of Puppets dieser Generationen, nein mehr noch, Flynn bezeichnet es gar als Pink Floyds The Wall des Trash Metal. Ob man das nun als ambitioniertes Statement oder latenten Größenwahn deutet, sei jedem selbst überlassen. Tatsache bleibt: The Blackening war in der Tat verdammt geil. War es episch? Ja. Vielleicht an einigen Stellen etwas zu ausufernd, aber insgesamt sehr komplex und doch eingängig. Ob es nun das erwünschte Meisterwerk geworden ist, muss die Langzeitwirkung zeigen, aber in der Machine Head-Discographie ein echtes Highlight mit astreinen Hits in 10 Minuten-Länge. Auch die Kritiken waren überwiegend positiv bis begeistert.

Tja, was kann nun folgen? Was ist die logische Konsequenz, die auf diesen Klassiker folgt. Ginge es nach Robbse Flynn, dann wäre dieses Album bestimmt die „Bibel dieser Generation“ oder „die Schriftrollen von Qumran des Trash Metal“. Aber Entwarnung, Flynn hat dieses Mal keine Dicke-Hose-Sprüche zum Release von „Unto the Locust“ von sich gegeben. Zumindest sind mir keine bekannt.

Ohne Epik scheint bei Machine Head mittlerweile gar nichts mehr zu gehen, deshalb wird das Album erstmal schön von dem kryptisch betitelten Achtminüter I am Hell (Sonata in C #) eröffnet. Das weißt bezüglich der Länge Parallelitäten zu Clenching the Fist of Dissent von „The Blackening“ auf, doch statt mit Akustikgitarren beginnt der Song hier mit Choralgesänge (von Robb) . Das kann man nehmen wie man will, ich finde, es klingt geil. Ein schön bedrohlicher wie auch melancholischer Atmosphärenaufbau, der sich (wie sollte es anders sein) in harten Stakkato-Gitarrenriffs entlädt. Es folgt ein stampfender Machine Head-Rythmus mit gedrosseltem Tempo, der dem ganzen jedoch nicht die Härte nimmt, sondern wie eine Walze wirkt. Erst danach wird die Schraube angezogen und wir werden Zeuge der altbekannten und altgenialen Gitarrenläufe des Duos Flynn/Demmel. Robb selbst läuft zu alter Höchstform auf und brüllt so kraftvoll und variabel wie auf „The Blackening“ (das war jetzt nicht sarkastisch, Betonung und Stimmungswechsel hat unser Flynntenmann einfach drauf). Ein ansatzweise melodischer Quasi-Chorus wechselt mit hammergeilen Soli, die jedem Metalhead Tränen in die Augen treiben sollte (nein, keine Daniel der Zauberer-Tränen, Freudentränen) und ständigen Tempowechseln. Auch ein Akustikteil darf nicht fehlen, was dieses Songmonster zu einem abwechslungsreichen aber nie langweiligen Einstieg macht (es sei denn man hasst Soli – dann werdet ihr diesen Song zu hassen wissen 😛 )

Starker Auftakt – der direkt von einem Überhit getoppt wird. Ihr erinnert euch an Halo von The Blackening? Diesen endgeilen Riff, diese astreine Melodie? Be still and know ist mindestens auf diesem Level, wenn nicht sogar besser. Der Riff ist einfach mal g ö t t l i c h!! Eine Melodie zum Niederknien. Die Strophe nimmt etwas Melodie heraus und präsentiert nach vorne treibenden Trash und einen wütenden Robert Flynn, bevor die Melodie in der Bridge wieder aufgegriffen und von halb schreiend, halb melodischen Gesang untermalt wird. Und der Refrain? Episch! Einfach nur episch. Ich wage einfach mal zu behaupten, dass das der beste Machine Head Song aller Zeiten (ja, noch vor Ten Ton Hammer, Aesthetics of Hate oder Halo!!!) und einer der besten Metal Songs dieses Jahres überhaupt ist. Nach vergleichsweise lächerlichen fünf Minuten und einem astreinen Flynn/Demmel Soli-Wechsel ist schon Schluss. Schade, wirklich schade.

Nach diesem Nackenbrecher gönnt uns Locust mit halbakustischem Beginn eine kurze Verschnaufpause. Aber nicht allzu lange, schnell wird wieder auf verzerrte Gitarren und einen Maiden-ähnlichen Riff übergewechselt. Die Strophe ist erneut solide Machine Head-Walze im Midtempo, dieses Mal jedoch eher unspektakulär. Die melodische Bridge entschädigt jedoch durch ihre Eingängigkeit, bevor in einem stampfenden Chorus Robb sehr kraftvoll brüllt: Down they come / The swarm of locusts / Skies above / Converge to choke us. Das ganze wird wiederholt, dann wird es wieder halbakustisch und Robb packt seine berüchtigte Kopfstimme aus. Ernsthaft, Robbse, ich weiß es sehr zu schätzen, dass du uns so viel Abwechslung bieten willst, aber diese Fistelstimme klang schon auf The Blackening etwas cheesy. Du kannst doch so geil singen und shouten, muss es da schon wieder der Kastraten-Modus sein? Zum Glück wird gleich ein schöner Sololauf über dieses zwiespältige Ergebnis gekleistert, da ist dieser Trip ins Benediktiner-Kloster gleich wieder vergessen (gut, ich gebe ja zu, bei A Farewell to Arms hatte die Kopfstimme gepasst und war ganz cool, jaah…aber hier ist sie scheiße, finde ich). Dann hauen Machine Head uns noch ein paar Mal die geile Bridge und den guten Refrain aufs Maul und lassen den Song bei harten Stakkato-Gitarren ausklingen.

This is the End? Noch lange nicht, aber der nächste Song trägt diesen Titel und wieder haben wir eine verdammt geniale Riff-Melodie, dieses Mal unverzerrt. Woher zaubern diese Teufelkerle immer diese fetten Melodien aus der Tasche? Egal, wieder einmal Uptempo-Time, einfach Trash at its best. Machine Head haben ihre Wurzeln halt nicht aus den Augen verloren, sie wissen trotz aller Melodieläufe nach wie vor, was sie können und was sie groß gemacht hat. Der Refrain ist dieses Mal eher ungewöhnlich, ein Wechselspiel aus hohen Vocals und halb-geshouteten, gedoppelten Passagen. Vielleicht nicht der eingängigste Track, aber trotzdem eine interessante Kombi aus Old School und Experimenten.

Uh, reine Akustikgitarre. Und es kommt noch besser: Robb singt die Strophe komplett clean, was Darkness Within zum ersten wirklichen Ruhepol des Albums macht. Auch die langsame Steigerung unter Einsatz von verzerrten Gitarren ändert nichts daran. Bis zum Refrain setzt sich diese Steigerung immer weiter fort, das Schlagzeug wird lauter, die Gitarren härter, der Gesang wird zweistimmih – ein extrem geiler Spannungsbogen. Der Refrain bleibt in der Halbballaden-Manier des Songs. Über die Melodien müssen wir hier mal wieder nicht reden, die Abwechslung ist da und der Song bleibt hängen. Sehr geil.

Pearls before the Swine ist dann wieder klassisch Machine Head. Trash-Walze, Robb schreit, Siebenminüter, Akustikpart, Sololäufe, einzig der Chorus sticht durch ungewöhnliches Moll-Riffing etwas heraus. Nicht besonders spektakulär, aber irgendwie kommt mir das schon wie Jammern auf hohem Niveau vor. Durchweg solide, Unzufiredenheit zeigt hier nur, auf welchem Level das Album spielt.

WTF??? Nee, oder? Sagte ich vorhin, dass Robbses Kopfstimme schräg klingt? Da hab ich die Rechnung ohne Who we are gemacht. Ein Kinderchor. Und zwar kein guter. Nur weil es Kinder sind, heißt das noch lange nicht, dass die Blagen sich den letzten Stiefel zusammenjaulen dürfen. Sehr nervig. Glücklicherweise hat sich dieses Gejammere bald erledigt und Dr. Flynn übernimmt das Mikro. Und schon beginnt es wieder gut zu werden. Strophen wieder Old School, wobei der Riff etwas zu nach schon-mal-gehört klingt. Im Refrain brüllt Robb die Textzeilen, die die Kinder vorher verhunzt haben, und schon wird es heavy wie auch eingängig. Und natürlich wieder Soli. Nicht das Highlight des Albums, aber ein sauberer Ausklang.

Natürlich gibt es auch noch eine Special Edition. Im Gegensatz zu The Blackenings Bonus (eine einzige Coverversion…) kann ich diese hier jedoch wärmstens empfehlen, gibt es hier doch mit The Sentinel und Witch Hunt zwei sehr geile, eingängige Bonustracks, in denen Flynn nochmal seine Clean-Gesang-Qualitäten unter Beweis stellt, sowie eine Akustik-Version von Darkness Within. Sauber.

Ebenso sauber ist natürlich wieder die Produktion. Druckvoll, laut, nicht übersteuert. Nur der Kinderchor ist nicht nur scheiße sondern auch scheiße abgemischt. Sorry. 😀

Fazit: Machine Head gehen mit Unto the Locust den für mich genau richtigen Entwicklungsweg. Nach The Blackening lag die Messlatte sehr sehr hoch (auch wenn es nicht The Wall oder Master of Puppets war, echt mal, Robb!), doch die band ruht sich nicht auf ihren Lorbeeren aus, sondern perfektioniert ihren Sound, experimentieren, spielen mit den Zutaten, die The Blackening so erfolgreich gemacht haben und bleiben trotzdem ihrem „Ten Ton Hammer“ treu. Nicht jedes Experiment funktioniert so wie gewollt, so mancher Schuss um der Abwechslung willen geht nach hinten los, aber mal ehrlich: Wer so geile Melodien am Start hat, dem verzeiht man doch alles. Und Be still and know ist einfach der Überhit. Punktum. Echt starkes Album, Herr Flynn. Aber bitte geben Sie ihrem Kinderchor ein paar Gesangsstunden. Und nein, nicht in der Kopfstimme!

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