Es werde nicht (Knorkator) – Review

 

Wenn es eine Band gibt, die die absolute Definition von Geschmackssache ist, dann ist es Knorkator. Bei dieser Band gibt es fast kein dazwischen; entweder man liebt sie, oder man hasst sie. Entweder man vergöttert Songs wie „Mich verfolgt meine eigene Scheiße“ oder man hält sich bei „Schwanzlich willkommen“ die Ohren zu. Deshalb werde ich wohl direkt am Anfang des Reviews Position beziehen müssen: Ich gehöre zu der Fraktion „Love it“. Für mich sind Alf Ator und seine Jungs eine geniale, sehr lustige Band. Hammer Texte, noch bessere Videos. Unvergessen ihr Auftritt mit „Ick wer‘ zunn Schwein“ beim Eurovision Song Contest Vorentscheid vor einigen Jahren in pinken Fellkostümen, während dem sich Sänger Stumpen grunzend auf dem Boden wälzte und Alf mit einer Axt auf sein ebenfalls mit pinkem Fell besetztes Keyboard einschlug. Weitergekommen sind sie nicht, aber der Auftritt sorgte damals für einen kleinen Skandal, der ebenso polarisierte wie die Band selbst. Ich kann jeden verstehen, der Knorkator nicht leiden kann (eben ähnlich wie bei Helge Schneider-Filmen – hey, volles Verständnis dafür, wenn man diese spezielle Art von Humor nicht abkann). Besonders faszinierend finde ich ja an Knorkator, dass hinter ihren pubertären Texten und skurrilen Auftritten oft durchaus Tiefgründigkeit und Intelligenz steckt. „Nur mal angenommen“ beispielsweise wird nach albern-witzigem Beginn tatsächlich zu einem nachdenklich-melancholischen philosophischen Exkurs – bevor Knorkator diese Grundstimmung mit einem laut gebrüllten „Kopp in Arsch“ bewusst-brachial zerstören. Knorkator ist ein Phänomen und dieses zu erklären, ist sehr schwierig. Jeder muss selbst entscheiden, wie er zu dieser Band steht, von daher bewerte ich das neuste Album aus der Perspektive eines Fans und vor dem Hintergrund ihrer bisherigen Alben.

Generell war es ja schon eine große Überraschung, dass die selbsternannte „meiste Band der Welt“ überhaupt ein neues Album heraus  gebracht haben; schließlich hatte sich die Band 2008 aufgelöst, die Gründe variierten in den Medien: Kreativpause, Alf Ator zieht nach Thailand, Ator selbst behauptete sogar, die Band hätte einfach nur eine allerletzte Tour vor der Auflösung bekanntgegeben, damit mehr Leute kommen; nach der Tour hätten sie sich dann zwangsläufig auflösen müssen, weil sie es ja angekündigt hatten. Was nun stimmt, man weiß es nicht. Zumindest hatten Knorkator mit „Das nächste Album aller Zeiten ein sehr starkes Album mit vielen Hits ((u.a. den absoluten Klassiker „Wir werden“) und nur wenigen Ausfällen hinterlassen. Plötzlich, wie aus dem Nichts (passend zum Albumtitel) steht 2011 ein neues Album inklusive Tour auf der Agenda, was der Band prompt wieder einige Vorwürfe von wegen Geldgeilheit etc. einhandelt. Aber egal, was die Gründe sind, das Endergebnis kann sich sehen lassen.

Das Album geht mit der ersten Singleauskopplung Du nich (zu der es ein geniales Video gibt) direkt in die Vollen: Harter Metal-Riff trifft auf Stumpens unverwechselbare Quäckstimme. Musikalisch erinnert die Strophe sehr an „Alter Mann“, der Text jedoch ist mal wieder ein absolutes Knorkator-Highlight. Allein „Ich erkenne den Todeszeitpunkt einer Wasserleiche am Geschmack – Du nich“ ist nicht zuletzt durch Stumpens typisch-bizarre Betonung einfach nur Gold. Und – Knorkator-Fans ahnen es natürlich schon – im Refrain packt Stumpen wieder seine Falsett-Stimme (hier allerdings nicht ganz so extrem hoch) zu einem hymnischen Chorus der Extraklasse aus. Am Ende steht dann ein ruhiger Ausklang zu den Textzeilen: „Ich tanze/Du hinkst/Ich dufte/Du stinkst/Ich schreite/Du humpelst/Ich hab Freunde/Du nur Kumpels“ Astreiner Start mit Hitgarantie. Top.

Ruhige Pianoklänge und sanfter Pop-Gesang ist dann der Leitfaden für . Der Text wird ernst, fast könnte man meinen, dass man es hier mit einem melancholischen Liebeslied zu tun hat. Aber eben nur fast, denn Knorkator wissen die aufgebaute Stimmung durch ein reingebrülltes „NÖ“ und Stakkato/Slide-Gitarrenriffs im Midtempo wieder gezielt zu zerstören. Das Wechselspiel wird mehrfach wiederholt, dann darf Gitarrist Buzz Dee zu einem atmosphärischen Ambient-Solo ansetzen. Hier zeigt sich, dass Knorkator eben nicht bloße pubertäre Blödelbarden sondern auch kompetente Musiker sind. Doch bevor die Stimmung zu ernst wird, klingt das Lied erst mit dem Solo aus, nur um dann völlig unpassend erneut verlängert zu werden. Auch nach all den Jahren sorgt die Band noch immer für Überraschungen, ohne ihren Humor zu verlieren.

Arschgesicht beginnt recht typisch mit Metal-Gitarre und Keyboard, doch den Gesang übernimmt erstaunlicherweise nicht Stumpen, sondern ein kleines Kind. Wer nachforscht, findet raus: Es ist Alf Ators Sohn, der hier auf den Namen TimTom (ob das sein echter Name ist, weiß ich nicht) hört. Das Lied ist sehr eingängig, auch wenn der Text dieses Mal nicht besonders einfallsreich ist. Und warum ausgerechnet Tim Tom den Song singen muss, erschließt sich mir auch nicht so ganz. Ebenso gut hätte Stumpen das Ganze übernehmen können und der pädagogische Wert einer solchen Aktion ist auch etwas fraglich (wobei Knorkator auf dieses Thema im Laufe des Albums selbst zu sprechen kommen, dazu aber später mehr), aber der Song geht ins Ohr und hat ebenfalls bereits eine sehr schöne Videoauskopplung).

Du bist schuld hat nur ein einziges Problem: Es ist zu kurz. Nach zwei Minuten ist der Spaß bereits vorbei. Insgesamt ist es nämlich ein absolut hitverdächtiger Knorkator-Song mit melodischem Keyboard-Einsatz, ein zwischen Singen und manischem Brüllen schwankendem Stumpen und live-tauglichem Refrain zu tun. So stellt sich nach Ende des Songs jedoch eine leichte Unbefriedigung ein davon hätte man gerne mehr gehört. In der Special Edition mit der Frage konfrontiert, warum er den Song nicht fertig geschrieben hätte, antwortet Alf Ator, dass er mitten beim Komponieren aufs Klo musste. Danach rief seine Mama an und danach hat er’s vergessen. Naja, auch ne Erklärung. Stelle niemals Knorkator in Frage 😀 .

Nun wird es richtig ungewöhnlich: Nach Gewitterstürmen und Schlagzeugbeat singt auf Warum Buzz Dee mit seiner tiefen, sonoren Stimme, die wir aus „Böse“ kennen und lieben vor Drums und schräger Gitarre plötzlich von tiefgreifenden und hintergründigen „Warum“-Fragen. Intelligent und wehmütig, ja, mit „Und warum bin ich gegangen/als wir glücklich war’n“wird es sogar sehr bewegend. Der Refrain mit Stumpen im quietschhohen Falsett-Modus (ja, SO macht man das, Robb Flynn!!!) setzt sogar noch einen drauf, langsam droht es sogar, richtig kitschig zu werden: „Und warum weint die Königin /Auf ihrem Thron still vor sich hin /Und warum starb ein großer Traum /Und hinterm Haus der Kirschbaum“. Jedenfalls so lange, bis die Band erneut ironisch mit der Stimmung des Songs bricht und mit grandioser Selbstverliebtheit im Kitschmodus verkündet: „Weil diese grandiose Melodie /So voller Schmerz, Sehnsucht und Poesie /Sich gern auf große Worte legt/ Damit das Lied dein Herz bewegt“ Im Klartext: Weil es zur Musik und Knorkator in den Kram passt. Geil. Einfach nur geil.

Nach so vielen Experimenten wird es mal wieder Zeit für etwas Knorkator-typisches. Also wird in Refräng erstmal direkt der Aufbau eines Songs beschrieben – das mühselige Finden von Reimen wird geschickt übergangen. „Die zweite Zeile von diesem Lied /endet mit der Silbe ‚ied’/Die dritte Zeile hört auf mit ‚eimt’/damit die vierte sich darauf reimt.“  Der Refrain, pardon, ich meinte Refräng ist live-tauglich und wird mit Sicherheit auf der Tour von dem ganzen Publikum mitgeschmettert. Die nachfolgenden Strophen stehen dem Anfang in Nichts nach, der Humor ist immer noch genial. Hit.

Es folgt die erste von drei Coversongs auf „Es werde Nicht“. Ain’t Nobody, im Original von Chaka Khan, einer erfolgreichen Soul-Sängerin aus den Achzigern. Knorkator bauschen den Soul-Song zu einer epischen Hymne (inklusive gedoppeltem Stumpen-Falsett im Refrain). Die Strophen ersetzen Bass und Soul-Gitarren des Originals durch Keyboards, wobei die Keyboard-Streicher aus der Dose eindeutig als solche identifizierbar sind (also: es klingt eher mäßig). Ansonsten ist die Version solide; ich rechne es Knorkator an, dass sie das Original nicht einfach nachspielen (wird ja heutzutage auch gerne gemacht), sondern sich um eine Neuinterpretation bemühen; aber mehr als guter Durchschnitt springt dabei nicht herum.

Ganz im Gegensatz zu Coverversion Nummer 2: Hier zeigen Alf und Co. wie schmerzhaft sie wirklich sein können und covern niemand anderen als: Scooter (!!). Gut, für den aufmerksamen Knorkator-Fan ist das nichts neues; Faster, Harder, Scooter war bereits vor der Auflösung von Knorkator auf einem Scooter-Tribute-Album zu finden. Da die damalige Version für Scooter wohl „zu soft“ gewesen sein soll, knallt man ein paar verzerrte Gitarren rein, sonst wurde das Cover kaum verändert: Stumpen und Buzz Dee singen die Strophen so, wie sie H.P.Baxxter wohl nicht einmal nach einer Hodentransplantation gebracht hätte, der Techno verschwindet völlig. Auch als eingängige Hymne veranlagt, was hier allerdings deutlich besser funktioniert und auch jeden Nicht-Scooter Fan (die wahrscheinlich sogar mehr als die Fans) begeistern wird.

Und noch ein bekanntes Lied, dieses Mal allerdings keine Cover-Version, sondern ein Song, der 2008 bereits als Video released wurde (auch wenn es auf keinem Album erschien, was für Knorkator Grund genug ist, das Ding hier draufzupacken, man hat ja eine Platte zu füllen. In Kinderlied singt wieder Tim Tom, hier macht es allerdings Sinn, denn der Kleine singt in Stakkato-Strophen und Midtempo-Refrain von der Geldgeilheit seines Vaters, der ihn für den Kommerz verheizt und viel zu früh in das Rampenlicht stellt. Auch die Sprösslinge der anderen wettern gegen ihre Erzeuger (wenn auch nur als Background). Sehr witzig und eingängig nehmen Knorkator damit Kritikern direkt den Wind aus den Segeln und fachen ihn zugleich neu an. Muss man das Kindern in dem Alter wirklich schon antun? Hier ist es nicht so bedenklich wie bei „Arschgesicht“, aber im Wesentlichen kann man Knorkator genau das vorwerfen, was sie durch diesen Song quasi sich selbst bereits vorwerfen. Egal, das Lied an sich ist klasse und eingängig. Und lustig sowieso.

In Bleib stehn werden Knorkator mal wieder ernst. Und bleiben es auch. Jepp, keine Ironie, kein plötzlicher Heavy-Einbruch mit Gebrüll. Allerdings ist der Text nicht besonders spektakulär. Irgendwie ein recht gewöhnlicher Pop-Text. Hätte in der Form auch von den Apokalyptischen Reitern stammen können, wobei auch die da textlich sicherlich etwas intelligenter vorgegangen wären. Refrain ist eingängig und man kann ihn gut mitsummen. Ansonsten aber das für mich schwächste Lied des Albums, ohne dass es schlecht wäre. Es ist halt einfach – nix wirklich. Kein gutes ernstes, kein gutes witziges, einfach gewöhnlich. Und das kennt man von Knorkator so nicht unbedingt.

Und es bleibt weiter ruhig, dieses Mal wird sogar auf Gitarre und Schlagzeug verzichtet, nur Piano und Violine kommen bei Auf dem See zum Einsatz. Dieses Mal singt Alf erstmalig seit langer Zeit selbst und wird direkt poetisch: Der Tod auf dem See sitzt in einem Boot zusammen mit Jung und Alt. In wunderschönen Melodien wird der Song symbolhaft immer weiter aufgeladen, bis Alf das Ganze mit einem rotzigen: „Ich verfluche dieses Lied/Und das Arschloch, das es schrieb/Echt“ genussvoll wieder demontiert. Oder, wie auf der Special Edition treffend festgestellt wird: „Alf, musst du eigentlich immer alles was du erschaffst, gleich wieder zerstören?“ Kurz und genial.

Aller guten Dinge sind drer: Und wieder eine Cover-Version, und wieder von einem bereits erschienenen Tribute Sampler. Fast möchte man glauben, Knorkator hätten nicht genug Material für ein ganzes Album zusammengekriegt. Dieses Mal erwischt es Die Fantastischen Vier bzw. ihren Hit Geboren. Auch hier wird wieder die, wie böse Zungen es nennen, „Softie-Schiene“ gefahren; allerdings funktioniert es bei diesem Song besonders gut. Die Band baut ihre Interpretation intelligenterweise als Gesangs-Wechselspiel zwischen Alf (Normalstimme) und Stumpen (na, was wohl? Benediktiner-Höhe natürlich!!) auf, was bei diesem Text besonders lohnenswert ist. Auf diese Weise mutiert der Fanta 4- Song fast schon zum Knorkator-Song, besonders wenn die „Sohn vom Sohn vom Sohn…“ Passage wirklich strikt im Wechsel durchgezogen wird. Schöne Version mit eher subtilem Humor. Wenn man sie nur nicht schon kennen würde.

Der Rausschmeißer Sofort darf dann schließlich endlich wieder in bewährter Knorkator-Manier stattfinden. Sprich: Kurz und brachial. Was hier stattfindet, werde ich mal zur Abwechslung ungespoilert lassen, denn das hieße, einen kurzen Witz zu erklären (vor allem einer, der nur gesungen von Stumpen funktioniert) und sowas geht in der Regel in die Hose. Auf jeden Fall wieder lustig. Cooler, kurzer Abschluss.

Die Special Edition der Platte (auch „Fenn Edischn“ genannt) erhält neben einer DVD mit dem kompletten Abschiedskonzert der Band aus dem Jahr 2008 Kommentartracks zwischen den Songs, in dem die Bandmitglieder die Songs ansagen oder etwas darüber erzählen. Bevor das zu seriös klingt: In Wahrheit hat Alf alle Stimmen eingesprochen und bewusst billig und extrem hoch- (Stumpen) bzw. runtergepitched (Buzz Dee). Später kommen dann sogar noch die Bandkollegen Nick Aragua und Reiko Gohlke dazu…ebenfalls von Alf gesprochen (war halt grade mit nem billigen Mikro im Urlaub, hat sich angeboten…). Und was er sich gemeines für deren Stimmenverfremdung hat einfallen lassen…hört es selbst. Die Ansagen selbst sind Geschmackssache. Entweder man findet sie lustig oder albern. Wie die ganze Band halt auch.

Produktionstechnisch gibt es eigentlich nichts zu meckern. Der Sound ist klar und druckvoll, lediglich die Keyboards klingen beizeiten etwas zu künstlich (insbesondere der Streichersound). Und kommt mir nicht mit „Das soll so, das ham die extra gemacht, weil lustig und so“ – nee, alles kann man nun nicht damit verzeihen.

Ich hasse es, auf Plattitüden zurückgreifen zu müssen, aber nach dieser ausführlichen Besprechung liegt der Verdacht nahe: Sind Knorkator etwa reifer geworden. Fäkal-Humor und pubertäre Züge finden sich hier kaum noch, stattdessen ist „Es werde nicht“ ein musikalisch sehr vielseitiges Album mit deutlich mehr ernsten Momenten als noch auf „Das nächste Album aller Zeiten“, ganz zu schweigen von „Ich hasse Musik“. Aber diese Vermutung schmeiße ich lieber sofort von mir. Das Album ist witzig, sehr witzig sogar und Hits finden sich hier genug. Die durchwachsenen Songs halten sich sehr weit in Grenzen, allerdings enttäuscht das vermehrte Recycling bereits veröffentlichter Songs etwas. Aber Ideenlosigkeit möchte ich Knorkator nicht vorwerfen. Denn dafür ist dieses Album zu gut, dazu macht es viel zu sehr Spaß. Und ernste wie intelligente Elemente hatten Knorkator schon immer in ihre Songs eingebaut. Man muss nur genauer hinhören.

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