Call of City (Technology of Silence) – Review

 

Dies ist ein Album, bei dem ich nicht, wie üblich, Track für Track vorgehen kann. Das heißt, ich könnte natürlich, es würde aber hier nicht viel Sinn machen. Denn das Konzept von Call of City besteht nicht aus einzelnen, für sich stehenden Songs, sondern aus der Grundstimmung und -atmosphäre, die über die gesamte Laufzeit entsteht. Technology of Silence ist keine Band, es ist ein Projekt. Der russische Künstler Denis Romanov beschreibt es als „eine Geschichte über eine postnukleare Stadt, die Menschen, die in dieser Stadt leben, ökologische Katastrophen, menschlichen Wahnsinn, Ängste und Einsamkeit“. Klingt etwas hochgestochen, beschreibt aber recht gut, wie man an dieses Album, das Dritte des Künstlers (mittlerweile ist ein viertes unter dem Titel The Squad veröffentlicht worden), herangehen sollte.

Entsprechend sucht man hier eher vergeblich nach Sonnenschein, bunten Blumen und tanzenden Menschen. Dunkle, düstere Industrial-Sounds dominieren jeden einzelnen Track. Wabernde Soundschwaden, kalte Rhythmen, nicht selten sogar bewusst gesetzte Disharmonien. Keyboards, Synthesizer, Gitarren, sowie ein blechernes, bewusst in den Hintergrund gemischtes Schlagzeug, das sind die Mittel, mit denen Romanov arbeitet. Der Stimmungstransport gelingt gut, immer wieder wirken die Soundschwaden beunruhigend oder verstörend. Und auch wenn es nicht zu Romanovs dystopischen Konzept passen mag, anstelle von postnuklearen Städten etc. weckte dieses Album in mir oft Assoziationen zu Silent Hill und seinen surrealen Kreaturen. Und so mancher Track von Call of City hätte tatsächlich vollständig von Akira Yamaoka, dem Komponist des genialen Silent Hill Soundtracks stammen können. Nicht umsonst ist Technology of Silence auf diversen Silent Hill-Tribute Samplern zu finden.

Da es hier keinen Gesang, keinen Text, keine erklärenden oder überhaupt gesprochenen Passagen gibt, ist es nahezu unmöglich, hinter den Soundfetzen und klirrenden Industrial-Noise die episch angelegte Geschichte , die Romanov auf seiner Website großspurig anpreist, nachzuvollziehen. Somit bleibt es nur vollmundig und großspurig, denn einzelne Bilder im Kopf ersetzen keine Geschichte. Es gibt zwar Songtitel, recht komplexe sogar (Detox, Night Butterflies. Dead and Beautiful, Nostalgia Dead Restaurant Harps etc…), aber bessere Rückschlüsse auf das Konzept lassen sich daraus nicht ziehen. Natürlich wird der Komponist selbst seine Story im Kopf gehabt haben, als er die Musik schrieb, aber auf den Zuhörer kann sich das nicht übertragen. Es bleiben einzelne Stimmungsbilder und Assoziationen.

Hinzu kommt, dass sich die Tracks nach einer Weile zu wiederholen beginnen. Werden noch zu Beginn verschiedene Stimmungsbilder und Harmonien geschaffen, so wird es nach einer Zeit doch eher eintönig und anstrengend. Irgendwann hat man die 360. Synthi-Schwade gehört. Das größte Problem für mich ist dabei: Der Rhythmus ist immer der gleiche. Immer und immer wieder. Langsam und blechern, langsam und blechern, langsam und blechern…natürlich verlangt das Konzept nach solchen Tracks und Stimmungen, aber doch bitte nicht über das gesamte Album.

So bleibt letztendlich ein interessantes Konzeptprojekt, dass durchaus durch seine Stimmung, Atmosphäre und Assoziationen zu überzeugen weiß. Nicht selten werden Silent Hill-Erinnerungen wach. Trotzdem wird die groß angelegte Storyline kaum transportiert und die Songs werden nach einer Zeit sehr monoton und mühselig. Da wäre mehr drin gewesen, letztlich schwimmt Technology of Silence nur im Fahrwasser von Nine Inch Nails. Wie ein episches Dystopia-Projekt im Industrial-Style wirklich aussehen kann, haben diese uns erst vor ein paar Jahren mit Year Zero gezeigt.

EDIT: Dies ist übrigens mein erstes Wunsch-Review. Ein Freund hat mir dieses Album empfohlen (jetzt hoffe ich, dass er auch kommentiert :P). Demnächst mache ich eine größere Wunschreview-Session, in der ihr Film., CD- oder Bücherwünsche äußern könnt. Ich werde mich dann bemühen, diesen Wünschen soweit möglich nachzukommen. Dazu demnächst mehr

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2 Gedanken zu “Call of City (Technology of Silence) – Review

  1. Hey,
    danke erstmal dafür 😉
    Bei der Eintönigkeit gebe ich dir recht, es klingt alles sehr ähnlich bis gleich. Die Storyline lässt sich auch nur erraten, ist dank seiner Atmosphäere sehr gut, um dazu zu schreiben oder um vllt Filme oder Spiele damit zu unterlegen.
    Werde mir Year Zero mal anhören, noch nie was davon gehört.

    • Das stimmt, hat ziemlichen Soundtrack-Charakter.

      Zu Year Zero würde ich dir empfehlen, dir das hier durchzulesen, denn Trent Reznors Konzept geht weit über das reguläre Album hinaus, was es in meinen Augen umso faszinierender macht 😉

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