Melancholia – Review

 

Hach ja, wann habe ich zuletzt so schön mit halb-offener Kinnlade bewegungslos im Kinosessel gesessen und den Abspann bis zum Ende geguckt, während mein Gehirn mühselig versuchte, das gerade Gesehene zu verarbeiten? Passiert leider nicht mehr allzu oft, ich glaube Black Swan war so ein Kandidat, der mich in gewisser Weise zu flashen wusste. Aber nach diesem Film war es tatsächlich so, dass ich auch noch Stunden nach dem Kinobesuch über Melancholia nachgedacht hatte – und ich bin in der Regel sehr leicht abzulenken.

Die Rede ist von dem neuen, frisch angelaufenen Streifen von Lars von Trier – und wer den Regisseur kennt, weiß bei einem Titel wie Melancholia bereits vor dem Schauen, dass hier keine locker-flockige Sonnenblumen-Romantik herrscht. Man ahnt vielmehr: Depressionen im Betonwürfelformat. Ich selbst bin kein großer Lars von Trier-Kenner, ich habe lediglich seinen letzten Film „Antichrist“ gesehen. Und was soll ich sagen, ich habe ihn nicht verstanden. Die schauspielerischen Leistungen sind grandios (Willem Dafoe und Charlotte Gainsbourg liefern die mutigsten und besten Performances ab, die ich je gesehen habe), die erste Hälfte des Films ist unfassbar intensiv und geht unter die Haut. Dann aber driftet Antichrist in eine andere Richtung ab, als ich erwartet hätte und was folgt ist beklemmend, widerlich (ich musste bei einer Szene tatsächlich weggucken) und verwirrend. Ich habe den großen Zusammenhang, die Aussage, die der Film/Lars von Trier  treffen wollte, nicht verstanden. Interviews mit dem Regisseur festigten den Eindruck, dass  Antichrist nichts weiter als eine große Therapie von dessen Depressionen war. So blieb ein visuell meisterhafter Haufen Film, der mich durch seine Entwicklung nicht nur verwirrt sondern richtiggehend verärgert hat.

Und nun Melancholia.

Der Film ist in zwei Kapitel aufgeteilt: Der erste Teil handelt von der Hochzeitsfeier von Justine (Kirsten Dunst) und Michael (Alexander Skarsgård), die von vorne bis hinten misslingt: Das Brautpaar kommt zu spät, Justines Mutter (Charlotte Rampling) macht deutlich, was sie von der Hochzeit hält, Justines Chef (Stellan Skarsgård) will dieser lediglich einen Slogan für seine Werbekampagne entlocken. Überall kriselt es, sehr zum Leidwesen von Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg). Justine kann ihre Depressionen immer weniger unter Kontrolle behalten, sie flieh mehrfach von der Party, bis die Sache eskaliert. Teil 2 konzentriert sich anschließend auf Claire, die Justine nach der Hochzeit bzw. ihrem depressiven Zusammenbruch betreut und ihr hilft wieder auf die Beine zu kommen. Gleichzeitig bekommt sie selbst zunehmend Angst vor dem sich der Erde nähernden Planeten „Melancholia“. Ihre Panik vor dem Ende der Welt versucht ihr Mann John (Kiefer Sutherland) als unbegründet abzutun. Das Näherkommen von Melancholia soll nichts anderes sein als ein beeindruckender Anblick. Doch ist es tatsächlich nur ein Naturspektakel?

Nun, spoilern kann ich hier eigentlich nicht so viel, denn von Trier fasst den Film inklusive Ende bereits in den ersten zehn Minuten komplett zusammen. Melancholia kracht in die Erde, Vernichtung, Stille. Dieser „Prolog“ ist in seiner Machart Antichrist sehr ähnlich: Klassische Musik („Tristan und Isolde“ von Wagner, ein Thema, das immer wieder im Film aufgegriffen wird) und überstilisierte Bilder in Ultra-Zeitlupe. Das ist visuell absolut fantastisch und erzeugt in seiner Vorwegnahme des Endes und diverser Schlüssel-Szenen  das Gefühl von Ausweglosigkeit und Unabwendbarkeit. Egal was in dem Film passiert, am Ende werden sie alle sterben. Ein äußerst wichtiger Einfluss auf die Grundstimmung des Zuschauers während des Films.

Menschliche Abgründe und Konflikte dominieren den schwermütigen Großteil des Films. Man kann kritisieren, dass der Plot sehr langsam und zähflüssig fortläuft, mit laaaaaangen Einstellungen und scheinbar belanglosen Dialogen/Handlungen. Doch ich habe mich nicht gelangweilt, im Gegenteil, die Abgründigkeit der Charaktere und die brillant in Szene gesetzte Depression tragen hervorragend zur Atmosphäre bei. Teilweise fühlt man sich bei Justines Entgleisungen fast selbst peinlich berührt, das berüchtigte Fremdschämen, teils leidet man mit ihr mit, teils hat man Angst um sie, teils vor ihr. Besonders bemerkenswert: Kein Charakter ist wirklich sympathisch, jeder hat seine schlechten Seiten, die in dem Film genüsslich nach oben gekehrt werden. Hinzu kommt die von mir oben beschriebene Ausweglosigkeit durch den nach und nach in den Fokus der Story rückenden Planeten Melancholia. Es bedarf keines regulären Spannungsbogens, die unterschwellige Bedrohung ist immer da, während sich in den Episoden drumherum der Weltekel und die Misanthropie der Protagonistin allmählich auf den Zuschauer überträgt. Gleichzeitig findet langsam aber sicher ein Rollentausch zwischen Justine und Claire statt. In dieser intensiven Atmosphäre wirken einzelne Humoreinsprengsel (beispielsweise durch Udo Kier als Wedding Planer) einerseits auflockernd, andererseits aber auch seltsam deplatziert. Das gibt sich allerdings mit dem sehr intensiven zweiten Teil und einem Ende, das einen völlig erschlagen zurücklässt.

Die Darstellerleistungen sind, wie damals bei Antichrist durch die Bank weg brillant. Erneut verlangt Lars von Trier den Schauspielern alles ab, auch wenn sich dieses Mal niemand im Wald selbst befriedigen muss. Die absolute Überraschung war für mich dabei Kirsten Dunst. Ich sage euch: Die Frau hat nach Spider Man bei mir einiges an Boden wieder gut gemacht. Eindeutig die beste Performance ihres Lebens und eine der besten des Jahres gleich mit. Sie muss/darf die komplette Palette auffahren: Subtile Traurigkeit und Melancholie, aufgesetzte Glücklichkeit, Angst…besonders nachhaltig wirken die Szenen, in denen sie kaum mehr selbst laufen oder reden kann und wie ein Baby von ihrer Filmschwester getragen werden muss. Und gegen Ende des Filmes strahlt sie eine zum Greifen nahe diabolische Abgründigkeit aus, die dem Zuschauer die bevorstehende Apokalypse regelrecht ins Gesicht zu spucken scheint. Hier sehe ich das einzige, mögliche Problem des Films: Es wird nicht genau klar, wie viel Zeit zwischen den Szenenwechseln vergeht. In der Theorie würde das keine Rolle spielen, da die Hochzeitshandlung losgelöst von den anderen Strängen ist, doch es wirft die Frage auf, wie schnell die einzelnen Depressionsstadien bei Justine aufeinander folgen. Von einem Moment auf  den nächsten wird aus einer tiefen Traurigkeit absolute Handlungsunfähigkeit, dicht gefolgt von einer rapiden „Besserung“ (das Wort klingt so falsch in diesem Film :D). Wie viel Zeit ist dazwischen vergangen? Der Film liefert keine Antwort, das hat mich ein wenig verwirrt, was den Gesamteindruck jedoch nicht zu trüben vermag.

Charlotte Gainsbourg wird anders als in Antichrist kein psychopathischer Seelenstriptease abverlangt, sie darf dieses Mal den bodenständigen, halbwegs rationalen Charakter spielen, tut dies allerdings nicht weniger brillant. Ihre Zweifel, ihr Hass auf Justines Eskapaden, aber auch ihre Liebe treten absolut überzeugend hervor, nicht zu vergessen die nackte Panik vor dem augenscheinlich harmlosen Planeten Melancholia.

Angesichts des Fokusses auf die beiden Schwestern verkommen alle weiteren Charaktere zwangsweise zu Nebencharakteren. Kiefer Sutherland spielt den stinkreichen Hobbyastronom, den Justines Depressionen sichtlich verärgern. Sutherland spielt eher zurückhaltend, manchmal verfällt er (besonders in Szenen der Empörung) etwas in Klischees, doch insgesamt eine treffende Besetzung, die sehr realistisch gespielt einen guten Gegenpool zu den Schwestern bildet und zudem für einen schönen kleinen Twist sorgt. Ebenso Alexander Skarsgård als Bräutigam, der einzig sympathische Charakter in diesem Film, der in seinen Bemühungen, über Justines Verhalten liebend und zuvorkommend hinwegzusehen, bis nichts mehr geht, dem Zuschauer wirklich leid tut. Von Charlotte Rampling als Justines und Claires Mutter hätte ich liebend gerne mehr gesehen, dieser misanthropische Hass und die unterschwellige Aggressivität ist absolut überzeugend und intensiv gespielt. Ihr Plot kommt etwas zu kurz, während der Part von Stellan Skarsgård als Justines Chef ein wenig zu lang und ausführlich geraten ist. Aber das sind lächerliche Kleinigkeiten.

Übrigens, ich weiß von Lars von Triers Skandalrede in Cannes, in der er sagte, dass er die innere Logik des Handelns von Adolf Hitler verstünde und sich in die Person einfühlen könne. Ich bewerte den Film aber unabhängig von diesen völlig deplatzierten und peinlichen Aussagen von Triers. Dass der anschließende Kommentar „Okay, I’m a Nazi“ sarkastisch gemeint war, ist mir klar, aber die Aktion war trotzdem daneben. Infolge dieses Skandals wurde von Trier übrigens in Cannes zur Persona non grata erklärt.

Insgesamt gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man findet Melancholia totlangweilig oder man wird absolut geflasht. Bei mir passierte das Zweite. Ein Film, der erschlägt, fasziniert, ohne sich um Hollywood-Konventionen zu scheren. Die Bilder und der visuelle Style ist atemberaubend, die Anfangs- und die Endszene werden mir noch sehr sehr lange im Gedächtnis bleiben. Eins muss man sagen: Egal, ob gelangweilt oder geflasht, nach der letzten Szene ebenso wie während des (ohne Musik ablaufenden) Abspanns herrschte Totenstille im Kinosaal, die Atmosphäre war zum schneiden dick. Auf jeden Fall aufpassen, wenn ihr diesen Film seht: Depressionen können ansteckend sein.

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2 Gedanken zu “Melancholia – Review

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