Die Abenteuer von Tim und Struppi: Das Geheimnis der Einhorn – Review

 

Wenn es um Neuauflagen/Verfilmungen von Dingen geht, mit denen ich aufgewachsen bin, werde ich skeptisch. Das gilt für Wickie, das gilt für die Muppets, das gilt für Asterix, das gilt auch für Tim und Struppi. Und wenn dann auch noch Hollywood Hand anlegt und in seinem derzeitigen Verfilmungs-/Remake-/Sequel-Wahn alles, was sich zu Geld machen lässt verwertet, unabhängig von der Endqualität, ist es ein Leichtes, über diese Comic-Verfilmung schon im Vorhinein den Sakrileg-Stempel aufzuerlegen.

Für alle Tim und Struppi Fans unter euch könnte ich jetzt die Storybeschreibung einfach mit „eine Mischung aus Die Krabbe mit den goldenen Scheren, Das Geheimnis der Einhorn und Der Schatz Rackhams der Roten“ abkürzen. Aber da das einfach nur stinkfaul ist und ich nicht erwarten kann, dass jeder hier mit Tim und Struppi vertraut ist, gehe ich es mal an, vor allem weil Spielberg einige signifikante Änderungen vorgenommen hat: Der junge Reporter Tim (Jamie Bell) kauft ein Modellschiff mit dem Namen „Einhorn“ auf einem Flohmarkt. Doch ist er nicht der einzige, der daran Interesse hat: Ein Amerikaner versucht ihn zu warnen und ein reicher Gentleman namens Iwan Iwanowitsch Sakharin (Daniel Craig) bietet ihm eine große Summe Geld, was Tim nur noch neugieriger macht. Doch spätestens als in Tims Wohnung eingebrochen wird und der Amerikaner vor seiner Tür erschossen wird, ahnt dieser, dass mehr hinter dem Schiff stecken muss als ein bloßes Dekorationsstück. Und tatsächlich: Ein Stück Pergament in einem der Masten verweist auf den Schatz des Piraten Rackham des Roten. Tim wird entführt und von Sakharin, der ebenfalls hinter dem Schatz her ist, auf sein Schiff verschleppt. Dort befindet sich der chronisch betrunkene Kapitän Haddock (Andy Serkis), der auf der Suche nach dem Schatz eine Schlüsselfigur zu sein scheint. Tim verbündet sich mit dem raubeinigen Seefahrer und eine wilde Jagd nach dem Schatz beginnt.

Natürlich haben sich Hergé-Fans bereits ergiebigst auf alle Abweichungen von der Vorlage gestürzt, den Motion-Capture-Look zerfleischt und den Film schon beim Erscheinen des ersten Trailers verrissen. Während viele Kritiken den Film als schönen, unterhaltsamen Abenteuer-Action-Film loben, wird die Brisanz (und, ganz ehrlich, in meinen Augen zum Himmel stinkenden Arroganz!!!) der Comic-Fanatiker am besten in einer Contra-Kritik der „Welt“ bzw in den darunter stehenden Kommentaren deutlich. Da ist von einer „digitalen Schändung der Vorlage“ die Rede, wohlwollende Filmkritiken werden mit: „So etwas kann nur sagen, wer die Brillianz von Hergé nicht erkennt.“ vernichtet (dass Hergé auch kein Gott ist, der in seinen Anfängen mit „Tim und die Sowjets“ oder „Tim im Kongo“ naiv-nationalistisch bis mit rassistischen Klischees arbeitete, lassen diese „wahren Fans“ – wie mich diese selbst gegebene Bezeichnung schon aufregt – natürlich bewusst unter den Tisch fallen). Ich selbst bin ein sehr sehr großer Tim und Struppi Fan – bis heute geblieben. Ich liebe die Comics, habe alle Bände gelesen und kann auch heute noch ganze Passagen auswendig. Aber trotzdem gehe ich nicht mit der Haltung eines absoluten untastbaren Meisterwerks daran, sondern ich bin immer gespannt (wenn auch leicht skeptisch), wenn die Werke neu interpretiert werden.

Zu Motion-Capture: Bislang war ich immer der Meinung, dass ganze Motion-Capture Filme (so wie Beowulf oder Polarexpress) recht sinnfrei und steril wirken. Als einzelnes Mittel für Animationen (klares Beispiel: Gollum) sicherlich großartig, aber einen ganzen Film von Schauspielern spielen zu lassen, nur um das Erzeugnis dann doch zu digitalisieren erschien mir immer etwas sinnbefreit bis faul (man spart Make-Up und Maske, ne?). Aber hier ist es erstmals so, dass ich die Entscheidung Spielbergs für Motion-Capture nachvollziehen kann und sogar eindeutig begrüße. Denn dadurch vermeiden Spielberg und der ebenfalls maßgeblich beteiligte Peter Jackson (der Regisseur von Herr der Ringe, offiziell als Produzent, aber laut Abspann war Jackson sogar Second Unit Director, hat also mit Regie geführt), dass die Figuren durch reale Schauspieler, die mit Make Up wie die Comicfiguren gestyled werden, aufgesetzt oder lächerlich wirken, was meiner Meinung nach in einem Live Action Film definitiv der Fall gewesen wäre. Motion Capture hingegen schafft hier einen an die Vorlage angelehnten aber trotzdem eigenständigen Comic-Look, der die bonbonbunte Hergé-Welt übernimmt ohne sie zu imitieren.

Aber nicht nur dem Look, auch der Story und den Charakteren merkt man an, dass „Das Geheimnis der Einhorn“ kein schneller und fauler Cash-Grab ist, sondern mit Respekt vor dem Original, ja sogar mit der dazu nötigen Liebe zu den Comics, inszeniert wurde. Die Vermischung und Änderung der Storyelemente führt dazu, dass auch Kenner der Comics hier das eine oder andere Mal überrascht werden. Trotzdem merkt man, dass hier Kenner der Comics am Werk sind (das Drehbuch schrieben unter anderem Joe Cornish, der Regisseur von Attack the Block und der immer geniale Edgar Wright (Shaun of the dead, Hot Fuzz, Scott Pilgrim). Immer wieder sind Elemente und Details aus den Comics zu erkennen. Diese Details zu finden und erkennen hat mir während des Films am meisten Freude bereitet: Zeitweise war ich im Kino wie ein kleines Kind, das laut rufen wollte:  „Uh, uh, uh, da ist im Hintergrund eine Kiste aus „Krabbe mit den goldenen Scheren“ zu sehen!!!“  Und selbst eine kleine „Weiße Hai“-Referenz ist drin. Zudem wurde die Story verdichtet und das Tempo erhöht. Hier erkennt man Spielbergs Handschrift am deutlichsten und man merkt in den beeindruckenden Action-Szenen, dass die Tim-Comics seinerzeit ein Vorbild für seine Indiana Jones Reihe waren. Knallige Verfolgungsjagden vor exotischer Kulisse unter comichafter Vernachlässigung von sämtlichen physikalischen Gesetzen bestimmen besonders den zweiten Teil des Films. Das verleiht dem Film Tempo und Schauwerte, allerdings begeht Spielberg den schwere Fehler der Übertreibung. Gleich mehrere dicht aufeinanderfolgende Action-Sequenzen sowie ein überbordendes Finale sorgen hier für einen Krabumms-Overkill, der im Kontrast zum liebevoll inszenierten ersten Teil steht.

Das wichtigste an einer Verfilmung von einer derart ikonischen Reihe ist natürlich die  Umsetzung der Charaktere. Auch hier ist beim Aussehen wieder das Motion Capture Verfahren von Vorteil, da die bekannten Schauspielergesichter nicht von den Figuren ablenken können, sondern digital bis zur Unkenntlichkeit verfremdet werden. Die Darsteller sind für Bewegungen, Mimik und Stimmen, nicht aber für das Aussehen verantwortlich; ein sehr geschickter Schachzug. So ist der von Jamie Bell verkörperte Charakter Tim dann auch  perfekt umgesetzt – ein idealistischer, mutiger junger Mann ohne Fehl und Tadel (sind wir doch mal ehrlich – in den Comics ist Tim schlicht eine Klischeefigur und vergleichsweise uninteressant). Viel interessanter ist der heimliche Held der späteren Tim-Bände: Kapitän Haddock (Motion Capture-Spezi Andy Serkis). Und hier ist auch mein Problem mit der Verfilmung. Haddock wird als Comic-Relief eingesetzt, ist gleichzeitig tragendes Story-Element und wird mit viel Elan und Spaß gespielt…aber er ist nicht der Haddock aus den Comics. Klar, er ist ein Säufer wie in der Vorlage, er ist ein ungeschickter Trottel, wie in der Vorlage, er flucht, wie in der Vorlage – aber er ist nicht der bärbeißige, jähzornige und stämmige Seemann aus der Vorlage. Hier ist er mehr der jämmerliche Wicht, der über sich selbst hinauswachsen muss. Der Charakter wirkt ähnlich – aber er ist es nicht. Nicht für mich. Serkis Haddock fühlt sich einfach nicht an wie der Haddock, den ich in den Comics geliebt habe. Klar, da spricht wieder der Beinhart-Fan aus mir, denn der Charakter des Films ist sehr witzig, vielschichtig und in sich stimmig konzipiert. Aber es ist nicht Haddock, tut mir leid.

Dagegen gefällt mir der neu eingeführte Antagonist, Sakharin (Daniel Craig), der von vielen Fans kritisiert wurde, sehr gut. In den Comics waren die Brüder Vogel-Faull die Gegenspieler, im Film wurden sie komplett herausgestrichen und durch den eigens für den Film konzipierten Sakharin ersetzt. Der als direkter Nachfahre von Rackham dem Roten eingeführte Besitzer von Schloss Mühlenhof ist vielleicht etwas weit hergeholt – durch seine Hintergrundgeschichte und persönliche Fehde gegenüber Haddock jedoch deutlich vielschichtiger und interessanter als die recht einseitig bösen Klischee-Brüder Vogel-Faull. Er verknüpft die Storylines sinnvoll miteinander und führt sie im Showdown zusammen. Und trotz Motion Capture merkt man Craigs Spaß an dem fiesen skrupellosen Charakter, denn die Mimik ist von großer Spielfreude und herrlicher Bösartigkeit geprägt.

Die restlichen Charaktere sind natürlich Nebencharaktere, da sie nicht plottragend sind, trotzdem ist ihr Auftauchen für Comic-Fans ein wahres Fest. Genial ist der Besetzungs-Coup Simon Pegg und Nick Frost als die vertrottelten Interpol-Agenten Schulze und Schultze (neben Haddock meine Lieblingsfiguren der Vorlage). Auch wenn man sie Motion Capture-bedingt nicht erkennt, spielen die beiden sich als alt-eingeübtes Team (Spaced, Shaun of the dead, Hot Fuzz, Paul) die Bälle gegenseitig zu und bringen Slapstick und Witz in den Film. Andere Nebencharaktere wie Nestor, Alan (dessen Verräterpotential leider nie vollständig genutzt wird), der kleptomanische Taschendieb oder Bianca Castafiore sind eindeutig Fan-Service, haben keine gravierenden Auswirkungen auf den Plot oder die Charaktere aber sie sind insofern wichtig, da sie Teile des Hergé-Universums sind und somit für die Atmosphäre von enormer Bedeutung sind. Man erkennt sie direkt wieder, ihre Umsetzung trifft die Darstellung in den Comics voll und ganz.

Tja, Tim und Struppi. Ich muss ehrlich sagen, auch wenn mich jetzt einige Di-Had-Fanatiker als Ignorant oder Hergé-Ignorant beschimpfen: Ich mochte den Film. Ein unterhaltsamer und temporeicher Abenteuer-Film, der mit Respekt vor dem Original von zwei Fans inszeniert wurde. Der Comic-Look wurde sehr geschickt auf die Leinwand übertragen, das Tim-Universum wird, mit Ausnahme von Haddock (auch wenn er lustig ist), dessen Charaktereigenschaften hier nicht getroffen werden, sehr gelungen transferiert. Spannung und Witz stimmen, allerdings schießt der Action-Overkill gegen Ende übers Ziel hinaus. Doch die vielen kleinen Details und die unterhaltsame Vermengung von einzelnen Storyelementen gleichen diese Defizite durchaus wieder aus. Zu 3D: Unnütz, bringt absolut nichts, ein paar nette Tiefeneffekte, aber sonst lohnt sich das zusätzliche Geld überhaupt nicht. Bereits jetzt sind mehrere Fortsetzungen geplant, dieses Mal soll dann Jackson das Hauptregiezepter schwingen. Nach diesem Film muss ich sagen: Gerne wieder.

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