Insomnia – Review

 

Ich bemühe mich grundsätzlich, nicht in grundsätzliche Verehrung einer Person aufgrund seiner bisherigen Werke zu verfallen und alles ohne Ausnahme anzubeten und unreflektiert als Meisterwerk anzupreisen, aber bei Christopher Nolan ist die Versuchung mittlerweile verdammt groß. Wer meinen Blog regelmäßig verfolgt, wird wissen, dass ich diesen Mann für einen der besten Regisseure der Gegenwart halte. Und seine Filmographie gibt mir recht: Von seinem grandiosen Erstling Memento, über seine legendäre Neuerfindung der Batman-Sage (Batman begins und The Dark Knight) bis hin zu seinem absoluten Geniestreich Inception und dem Geheimtipp The Prestige (einer meiner Lieblingsfilme – check it out!!!). Weniger bekannt ist ein relatives Frühwerk von ihm, nämlich Insomnia, der einzige Film, der nicht auf einem eigenen Drehbuch basiert. Zudem ist es sein erstes und bislang einziges Remake (Batman ist KEIN Remake, sondern vielmehr eine Neuinterpretation des Comicstoffes) – gedreht in einer Zeit, in der Remakes in Hollywood noch nicht an der Tagesordnung standen. Grundlage ist ein norwegischer Film aus dem Jahr 1997 mit dem Titel Todesschlaf. Nolans Remake entstand nicht einmal 5 Jahre später, eine Unsitte, die heute die Regel ist, die ich aber auch hier durchaus kritisch sehe: Warum zum Geier braucht es nach nicht einmal fünf Jahren eine Neuverfilmung? Aber gut, ich muss gestehen, ich habe das Original nie gesehen, deshalb bewerte ich den vorliegenden Film an sich ohne auf Vergleiche zum Vorgänger zurückgreifen zu können.

Die Story: Detective Will Dormer (Al Pacino) und sein Partner Hap Eckhart (Martin Donovan) sollen in einem kleinen Dorf in Alaska den Mord an einer Schülerin aufklären. In diesem Dorf gibt es jahreszeitbedingt keine Dunkelheit bei Nacht, was besonders Dormer große Probleme beim Einschlafen bereitet. Zudem  sind er und sein Partner in polizeiinterne Ermittlungen verwickelt, was zu einem hitzigen moralischen Konflikt zwischen den beiden führt; in dessen Verlauf kommt es dazu, dass Hap vorhat gegen seinen Partner auszusagen. Die Spur im Mordfall führt zu einer verlassenen Hütte, in der der mutmaßliche Mörder gefasst werden soll. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd im dichten Nebel, in dessen Verlauf Dormer versehentlich seinen Partner erschießt. Um den Verdacht eines Zusammenhangs seiner Tat und den gegen ihn laufenden Ermittlungen aus dem Weg zu gehen, schiebt er die Schuld auf den Mörder des Mädchens. Dieser hat jedoch Dormers Tat beobachtet und versucht ihn nun, zu erpressen. Es kommt zu einem Aufeinandertreffen zwischen den beiden, wobei sich der Mörder als Schriftsteller Walter Finch (Robin Williams) zu erkennen gibt. Der Beginn eines Katz-und-Maus-Spiels, bei dem Dormer eine folgenschwere Entscheidung treffen muss. Die Zeit drängt, denn Dormers idealistische Kollegin Ellie (Hillary Swank) wird misstrauisch und beginnt mit eigenen Ermittlungen gegen ihr einstiges Vorbild.

Christopher Nolan war noch nie ein Freund glücklicher und heller Filme und Insomnia bildet dabei keine Ausnahme. Auch hier geht es um menschliche Abgründe und moralische Konflikte. Das spiegelt auch die Bildsprache wieder, die in sehr dunklen Farben und vor einer passenden trostlosen wie auch mysteriösen Kulisse spielt. Dormer versucht seiner dunklen Vergangenheit zu entkommen und sich seiner Schuld zu entledigen. Diese Bürde lastet zunehmend schwerer auf ihm. Durch die Schlaflosigkeit kommt dieses immer stärker zum Vorschein. In diesen psychologischen Konflikten zeigt sich Nolan wie schon in Memento als unfassbar geschickt. Seine Inszenierung ist langsam, gleichzeitig von subtilem Spannungsaufbau geprägt. Die atmosphärisch intensivste Szene ist gleichzeitig die Schlüsselszene des Filmes und findet sehr früh statt: Es ist die Verfolgungsjagd im Nebel, die ausschließlich in der Perspektive von Al Pacinos Charakter Will Dormer inszeniert ist. Man wird direkt in seine Lage versetzt und kann sein Vorgehen hautnah nachvollziehen. Auch das Element der Schlaflosigkeit sorgt durch stärker werdende Halluzinationen des Protagonisten für zusätzliche Spannung, kehrt es doch seine tiefsten Gefühle und seine unterbewussten Schuldgefühle nach außen.

Um seine amerikanischen Zuschauer bei der Stange zu halten, erhöht Nolan mit einigen Actionsequenzen zwischenzeitlich das Tempo, von denen lediglich die bereits angesprochene Verfolgungsjagd im Nebel wirklich essenziell  für den Plot ist. Die anderen Szenen wirken jedoch nicht deplatziert, sondern passen zu der düsteren Grundstimmung, sind (wie in allen anderen Nolan-Filmen auch) recht realistisch gehalten und bringen etwas Rasanz und Abwechslung in den sich langsam entwickelnden Spannungsbogen. Nicht zuletzt der Schauplatz bietet Platz für spannende und ungewöhnliche SSzenen. Lediglich der Showdown in Form einer Schießerei wirkt dann doch etwas zu gezwungen und konventionell. Überhaupt wirkt der Schluss stark gerafft und hastig abgehandelt, was nach dem geschickten Aufbau des restlichen Films einen gewissen Bruch darstellt.  Das stört aber auch nur geringfügig, es sei denn man ist pingelig.

Getragen wird der Film ganz klar von seinen Hauptdarstellern. Al Pacino ist dabei genial wie immer. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Der Mann ist einer der besten Schauspielern aller Zeiten. Seine Arbeit mit Mimik ist großartig; ein Blick sagt alles über die Gefühlslage seines Charakters aus. Auch die zunehmende Müdigkeit, die schließlich ins Extreme abdriftet, ist uneingeschränkt überzeugend. Pacinos Performance erreicht eine fast schon greifbare Intensität, die man von ihm eigentlich schon gewohnt sein sollte. Hier zeigt sich auch die Vielseitigkeit des Schauspielers: Er kann halt nicht nur übertrieben und laut (wie seine großartige Rolle in „Heat“), sondern beherrscht auch die leisen Töne und Charaktereigenschaften zur Perfektion. Ein Meister seiner Klasse.

Da ist es schon eine unfassbare Leistung, dass sein Counter-Part Robin Williams nicht untergeht, sondern sogar gleichauf mit Pacino agiert. Sein zurückhaltendes Spiel mit leiser Normalität und Alltäglichkeit wirkt durch seine Taten umso beängstigender. Wer Williams nur aus den vielen, oft mittelmäßigen Hollywood-Komödien à la Flubber oder Hook kennt, mag von dieser schauspielerischen Tiefe überrascht sein; doch gerade in Filmen wie „One Hour Photo“ hat Williams bereits gezeigt, was für ein unterschätzter Charakterdarsteller er eigentlich ist. Die Dialogszenen mit seinem „Seelenverwandten“ Will Dormer sind ganz großes Schauspiel-Kino; und gerade in seinen moralischen Vorstellungen scheint er den Zuschauer zum Nachdenken bringen zu wollen: Wie gehen wir mit Schuld und Moral um?

In diesem illustren Cast gibt es für mich einen leichten Abfall: Hilary Swank. Oscar hin oder her – ihre Performance kann mich nicht überzeugen. Das ist wahrscheinlich nicht einmal ihre Schuld; sie spielt ihren Charakter so, wie er es von ihr verlangt, aber für mich ist es einfach zu plakativ. Die naive, idealistische Polizistin, die ihr Vorbild Dormer anhimmelt – sorry, das ist zu übertrieben und klischeehaft gespielt und will nicht zu dem Realismus der übrigen Performances passen. Fast wie Naomi Watts in David Lynchs Mullholland Drive – mit dem Unterschied, dass die Übertriebenheit da absolut gewollt und essenziell für den Plot ist. Ganz so heftig ist es bei Swank zwar nicht – aber es wirkt wie eine Regieanweisung „Spiel mal jemanden, der sein Idol erstmals trifft und anhimmelt“. Genauso ihr späteres Misstrauen – es kommt zu plötzlich und übergangslos. Authentisch ist es für mich nicht, aber das liegt wahrscheinlich an mir.

Für die Musik zeichnet sich bei Insomnia wie auch schon bei Memento der Brite David Julyan verantwortlich. Atmosphärisch perfekte Untermalung des düsteren Szenarios, wenn auch nicht sehr eingängig oder hervorstechend…und, wenn man sich andere Soundtracks von Julyan anhört (Memento, The Descent…), irgendwie immer gleich klingend.

Auch wenn Christopher Nolan nicht das Drehbuch zu Insomnia geschrieben hat, so kann man den Film doch als typischer Nolan-Film bezeichnen. Er ist dunkel, abgründig und spannend. Die schauspielerische Leistung sind grandios (bis auf beschriebene Ausnahme), der Schauplatz großartig und die Atmosphäre durchgehend großartig. Es ist weniger ein Krimi als ein psychologisches Charakterdrama, dessen Ende etwas zu abrupt und hastig daherkommt. Insgesamt zeigt Nolan:  Remakes müssen nicht immer schlecht sein. Sie können auch für sich genommen etwas besonderes werden. Man muss nur ein bisschen Können einbringen.

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6 Gedanken zu “Insomnia – Review

  1. Ich konnte inzwischen den den Link zum RSS Feed entdeckt, ist der Blog auch bei Facebook ? Ich will liebend gerne auf Facebook auf dem neusten Stand bleiben.

  2. Pingback: Interstellar – Review | gerry42

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