Decas (As I Lay Dying) – Review

 

Eins vorweg, bevor hier ungerechtfertigte Fan-Jubelstürme ausbrechen, so wie bei mir zu Beginn: Decas ist kein neues As I Lay Dying – Album. Auf den Nachfolger des starken The Powerless Rise (vielleicht reviewe ich das auch noch, mal gucken) werden wir wohl noch eine Weile warten müssen. Nein, die vorliegende Scheibe ist vielmehr ein Jubiläumssampler. Das dürfen sich die fünf Kalifornier durchaus mal erlauben, immerhin gibt es die Band seit stattlichen 10 Jahren (einiger Besetzungswechsel zum Trotz). Das Wort „Jubiläumssampler“ dürfte bei vielen allerdings die Alarmglocken schellen lassen: Etwa eine lahme Best-Of-Zusammenstellung zum schnellen Geldverdienst? Oder, schlimmer noch, ein Tribute-Sampler, in dem andere Bands As I Lay Dying-Songs verunstalten. Naja, ganz so falsch ist das nicht, aber eben auch nicht ganz richtig.

Zahlen und Fakten: Neben einem glänzenden Schuber und edler Aufmachung bietet Decas drei brandneue Tracks, vier Coverversionen, eine Neuaufnahme von „Beneath The Encasing Of Ashes“ (natürlich in zeitgemäßem Soundgewand) und – bitte festhalten – vier Remixe von As I Lay Dying-Songs…

…WHAT THE FUokayganzruhig, gehen wir sachlich und der Reihe nach vor.

Beginnen wir mit dem Interessantesten: Den neuen Songs. Den Anfang macht Paralyzed. Ein nahezu hymnenhafter Einstieg mit flirrenden Gitarrenharmonien über krachenden Stakkato-Riffs. Shouter Tim Lambesis geht direkt in die Vollen und packt direkt sein gesamtes stimmliches Repertoire in die Strophe: Von Black-Metal-artigen Screams über saubersten Metalcore-Shouts bis hin zu apokalyptisch tiefen Growl-Einlagen zeigt der Mann erneut, warum er einer der besten Frontmänner des Genres ist. Nichts daran klingt gezwungen oder bemüht, jede Passage ist heavy, abwechslungsreich und von wütender Emotionalität (und das schaffen bei weitem nicht alle Front-Shouter. Ständige Tempowechsel und in die Härte eingestreute Gitarren-Melodien münden schließlich erwartungsgemäß in einen clean gesungenen Refrain von Bassist Josh Gilbert. Wie schon auf The Powerless Rise merkt man sofort, wie sehr sich dessen Gesang mittlerweile entwickelt hat. Im Unterschied zu anderen Metalcore-Schluffen sind die Clean-Passagen nämlich nicht nur seelenloses Auto-Tune-Gejaule, sondern perfekt in den Song eingepasste Harmonie-Aufbrüche, die – unterlegt von Lambesis-Shouts – absolute Ohrwurm-Qualitäten und Druck aufbauen. Stilistisch hätte der Song gut auf The Powerless Rise gepasst – und ist ein absoluter Hit. Hart und doch emotional zugleich, dabei niemals langweilig – wie wir es von der Band kennen. Top.

Bevor jedoch die absoluten Volldeppen unter den Metal-Fans auch nur das Wort „Emo-Band“ denken können, ballert uns die Band mit From Shapeless To Breakable einen zünftigen Nackenbrecher vor den Latz. Metalcore-Riffing mit starkem Trash-Einschlag, dazu Lambesis kraftvolles Gebrüll regiert den Anfang des Songs, dann wagen sich die Kalifornier sogar an Blast-Beats mit Black Metal-Einschlag. Für Clean-Gesang bleibt hier kein Platz, stattdessen markiert gedoppeltes Growling des Songtitels den Höhepunkt des Songs – und stiftet den Hörer direkt an, die Faust zu heben und mitzubrüllen: „From shapeleeeeeess to breakable!!!“ Dann noch ein im Tempo gedrosseltes Gitarren-Solo, Breakdown und nochmal eine Runde. Auch wenn der Song vom Härtegrad nicht mit dem Ultra-Hit „Beyond our Suffering“ mithalten kann, bleibt er trotzdem live-tauglich und qualitativ hochwertig.

Ein langsames Drum-Intro leitet über zu Moving Forward, das mit Clean-Gesang von Gilbert direkt am Anfang überrascht. Das Tempo bleibt zurückgefahren, die Gesangsharmonien sind wieder allererste Sahne, bis dann Tim Lambesis mit einem Breakdown reingrätscht und mit ein paar Shout-Einlagen jegliches aufkommendes Pop-Appeal direkt wieder zerstört. Doch der Chorus gehört wiedert ganz Gilbert und bleibt auch direkt wieder im Ohr kleben. Dieses Mal zwar an der Grenze zum Kitsch, aber As I Lay Dying lassen sich in keine Falle locken und wahren die Balance zwischen Härte und Harmonie. Interessante und hitverdächtige Halbballade, die zwar nicht an die großen Hits der Band (und die zwei vorigen Tracks) heranreicht, trotzdem aber immens Lust auf das nächste Album macht.

Damit hätte es sich leider erledigt mit den Eigenkompositionen – It’s cover time! Den Anfang macht War Ensemble von Slayer. Die Gitarren sind tiefer gestimmt als das Original und statt Tom Arayas gewohntem Ruf-Schreien (oder wie immer man das nennt) haben wir Tim Lambesis-Shouts…ansonsten unterscheidet sich die Version kaum von dem Slayer-Original. Tight runtergezockt, die Gitarristen-Fraktion zeigt, dass sie mit dem Duo Kerry King/Jeff Hannemann mithalten kann – ansonsten wenig spektakulär. Dafür solide. Ein typisches Remake eben.

Etwas anders gestaltet sich die Angelegenheit bei Hellion und Electric Eye, im Original von Judas Priest. Das Intro Hellion klingt noch (dadurch dass es instrumental ist) genau wie das Original, danach jedoch mutiert der berühmte Electric Eye-Riff zum tief gestimmten Metalcore/Trash-Monster. Statt Rob Halfords charakteristisch hoher Heavy Metal-Stimme kriegen wir zunächst erwartungsgemäß wieder Shouts um die Ohren geklatscht. Doch in der Bridge und im Refrain gesellt sich Josh Gilbert dazu und wagt sich (unterstützt von Lambesis Screams) tatsächlich an die klaren Melodie-Passagen vom selbsternannten Metal God. Und man höre und staune: Es funktioniert. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie der große Judas Priest-Fan war, aber in Kombination mit Lambesis entsteht eine völlig neue Version des Klassikers, die zunächst etwas ungewohnt in den Ohren klingt, nach einer Weile jedoch durchaus zum Mitbangen animiert. Mutig, aber cool.

Offenbar haben As I Lay Dying entschieden, dass jetzt die Zeit für Hardcore-Punk sei und covern im Anschluss Coffee Mug von den Descendents. Wie das Original nimmt das Stück nur gut 30 Sekunden in Anspruch und macht keine Gefangenen. Tim Lambesis schreit hier wie von Sinnen, das Tempo erreicht Punk-Überschall – trotzdem bleibt es nicht mehr als eine etwas vermetalcorelte Imitation des Originals. Sauber und ein guter, schneller Headbanger – eigene Akzente, so wie Electric Eye, setzt er leider nicht.

Eine besondere Überraschung für Fans der ersten Stunde bietet Beneath The Encasing of Ashes.  Es handelt sich nämlich um eine zusammengemixte Neuaufnahme alter Songs vom allerersten Album der Band – in neuem Soundgewand. Reinrassiger Metalcore, technisch sauber gespielt und eine hübsche Erinnerung an die Anfänge der Band, die zeigt, wie talentiert As I Lay Dying von Anfang an waren – aber auch wie weit sie sich mittlerweile entwickelt haben. Ein hübsches Geschenk zum zehnten Geburtstag.

Und dann kommen die Problemkinder: Die Remixes. Leider rede ich hier nicht von genialen und gekonnten Remixes von Größen wie Trent Reznor, Rob Zombie oder Charlie Clouser – das wäre nämlich ein sehr interessantes Unterfangen geworden. Stattdessen werden die As I Lay Dying-Klassiker The Blinding of False Light, Wrath Upon Ourselves (wie könnt ihr nur???), Confined und Elegy von mir unbekannten Namen wie „Innerpartsystem“, Benjamin Weinman, Kelly „Carnage“ Cairns und „Big Chocolate“ durch den digitalen Reißwolf gedreht. Statt packenden elektronischen Neuinterpretationen der Songs (ja, sowas ist möglich) wird jedoch aus jedem der vier Songs ein chaotischer Dubstep/Trance/House/wasweißich-Wust. Das klingt alles furchtbar unausgegoren bis schrecklich und ist so sehr qualitative Veränderung wie George Lucas unsägliche digitale Nachbearbeitung der Star Wars-Trilogie. Und genau danach klingt es auch: Nach eigentlich saugutem Material, dass in den Computer hochgejagt wurde und mit einem riesigen Haufen digitalem Müll zugeschissen wurde. Das zerstört den Spaß an „Decas“ endgültig und man kommt nicht umhin, sich etwas um sein Geld beschissen zu fühlen.

Entsprechend schwer fällt das Gesamtfazit: Die drei neuen Songs sind großartig und bieten gewohnt hochwertige As I Lay Dying-Hochwertigkeit und Hitqualitäten. Das macht Laune und weckt die Sehnsucht auf das nächste Album [Edit: Ist mittlerweile erschienen. Review dazu hier].  Die Coverversionen sind bis auf das überraschend gute Hellion/Electric Eye zwar solide aber auch wenig überraschend. Mit den Remixen kann ich mich jedoch überhaupt nicht anfreunden. Ich bin ein Fan von guten Remixen, manchmal gibt es sogar Fälle, wo der Remix besser ist als das Original, hier allerdings haben wir nichts anderes als einen Suppenteller voller Chaos und nicht im Geringsten zusammenpassenden Effekten. Das ist eine Enttäuschung, die besonders bitter schmeckt, da man für „Decas“ den Album-Vollpreis bezahlt – allerdings nur die Hälfte dafür bekommt. Empfehlung: Die neuen Songs und vielleicht noch die Coverversionen auf iTunes oder anderen Internet-Portalen einzeln kaufen – und den Rest da lassen, wo er hingehört. Nach zehn Jahren zeigen As I Lay Dying nämlich nach wie vor, wie viel Qualität in ihnen steckt – bieten jedoch nicht mehr als eine auf Albumlänge gestreckte EP. Dann doch lieber ein neues Album. Und bitte bald. In diesem Sinne: „From shapeleeeeeess to breakable!!!“

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