Der Gott des Gemetzels – Review

 

Theater und Film – das sind erstmal zwei grundverschiedene Elemente des Schauspiels, die voneinander abzugrenzen ist. Das Theater hat deutlich begrenztere Möglichkeiten als der Film, allein schon räumlich bedingt, muss es doch mit einer kleinen Bühne und selbstgebauten Kulissen arbeiten. Dies führt nicht selten dazu, dass viele Theaterstücke nur einen oder wenige Schauplätze besitzen und sich so fast vollständig auf Story, Charaktere und vor allem Dialoge konzentrieren müssen. Wird nun ein solches Theaterstück verfilmt, ergeben sich für den Regisseur viele Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen. Genau das ist der Fall bei Roman Polanskis neustem Werk „Der Gott des Gemetzels“, die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von Yasmina Reza

Dabei lässt sich die eigentliche Grundstory recht kurz abreißen: Nachdem ein Schulkind einem anderen mit einem Stock die Zähne eingeschlagen hat, treffen sich die Elternpaare der beiden Kinder zu einem klärenden Gespräch.  Dazu gehören: Alan (Christoph Waltz) und Nancy (Kate Winslet) als Eltern des „Täters“, Penelope (Jodie Foster) und Michael (John C. Reilly) auf der Seite des „Opfers“. Zunächst verläuft das Gespräch friedlich und zivilisiert, doch schnell geraten die grundverschiedenen Charaktere aneinander. Bald hagelt es Anschuldigungen, jemand übergibt sich, Handtaschen fliegen gegen Wände und die zivilisierte Fassade fällt, um die hässlichen Seiten von jedem einzelnen  nach außen zu kehren.

Toll vorbereitet wie ich bin und wie man mich kennt, habe ich das eigentliche Theaterstück natürlich NICHT gesehen. Trotzdem merkt man dem „Gott des Gemetzels“  seine Theaterherkunft an, und das liegt nicht zuletzt an dem Herzstück des Films: Den Dialogen. Ja, dieser Film besteht, wie die Handlung bereits vermuten lässt,  zu 90% aus Dialogen. Wer sich jetzt angewidert abwendet und demonstrativ zu gähnen beginnt, dem kann ich nur sagen: „Geh weg und guck Transformers“. Denn diese Dialoge sind so brillant geschrieben, so temporeich und herrlich witzig, dass man aus dem Lachen nicht mehr herauskommt. Dabei rede ich hier nicht davon, dass ein Flachwitz nach dem anderen herausgeschossen wird – es ist die reine Situationskomik und die Charakterzeichnung durch die Gespräche, die den Film zu einem reinen Fest werden lassen. Der Humor ist subtil und satirisch bis scharf und bissig. Dabei wird ein runder stetig steigender Spannungsbogen gehalten, der sich bis zur Schlusspointe immer weiter aufbaut und dabei niemals langweilig oder belanglos wird.

Aber welchen Anteil hat dann Roman Polanski an dem Film? Immerhin stammen die Dialoge (vermutlich) 1 zu 1 aus  dem Theaterstück, sodass für Polanski eigentlich nur die handwerklichen Details wie Kameraeinstellungen und oder Kulissenauswahl verbleiben dürften. Aber das stimmt so nicht, denn Polanski schafft es, die Dialoge nicht theatermäßig zu transportieren, sondern sie in Filmform zu transferieren. Theater lebt durch die Bühnensituation bedingt von seiner leicht übertriebenen Darstellung und einer übermäßigen Lebhaftigkeit, um auch Zuschauer in den hinteren Reihen durch Bühnenpräsenz zu überzeugen. Polanski allerdings schafft es, die Dialoge in die „Filmwelt“ zu übertragen, sie realistischer und geerdeter darzustellen, ohne dass dabei ihre unfassbare Komik verloren geht. Die Feinheiten kommen in Filmform durch ihre Zurückgenommenheit wahrscheinlich noch deutlich besser rüber als in der Theaterform (jaah, ich habe das Theaterstück nicht gesehen, ich würde es aber gerne mal).

Kommen wir zu dem zweiten Kernpunkt des Films, über den ich am liebsten nichts erzählen würde, um niemandem die Überraschung zu verderben, aber er ist nun mal absolut essenziell dafür, dass „Der Gott des Gemetzels“ so verdammt gut funktioniert: Die Darsteller. Die Besetzung der vier Protagonisten kann einfach nur als Geniestreich bezeichnet werden. Im Wesentlichen könnte man „Der Gott des Gemetzels“ mit dem Attribut „Schauspieler-Kino“ bezeichnen und gott, ich könnte nichts dagegen sagen. Es ist selten, dass vier Schauspieler in einem Film SO perfekt auf einem Level agieren und interagieren. Wie Waltz, Foster, Winslet und Reilly aufeinander eingespielt sind, ist unfassbar. Es ist schwer, allein durch Dialoge und Gesichtsausdrücke eine Figur zu charakterisieren. Ausnahmslos allen Darstellern gelingt es mithilfe von Nuancen in ihrer Mimik mehr über ihren jeweiligen Charakter auszusagen als es anderen Filmen innerhalb von einer Stunde Filmzeit gelingt.

Da ist zum einen Jodie Foster, von der ich ehrlich gesagt nie ein allzu großer Fan war. Sie ist unbestritten eine gute Schauspielerin und hat mit Panic Room und Das Schweigen der Lämmer einige Hammerfilme auf ihrer Seite – aber besonders sympathisch war sie nie für mich. Eher wie ein etwas schwächerer Sigourney Weaver-Abklatsch, ohne dass ich genau erklären könnte, woran ich ausgerechnet diesen Verleich festmache. Aber hier muss ich ihr uneingeschränkt zugestehen, dass ihr Spiel hier meisterhaft ist. Nicht dass sie einen sympathischen Charakter verkörpern würde, nein, ihre Figur ist die vielleicht unsympathischste und nervigste im ganzen Film. Aber ihre idealistische, sklavisch an die Werte der Gesellschaft glaubende Weltverbesserin Penelope ist nicht selten Ausgangspunkt für herrliche Streitgespräche und trägt entscheidend zu der Entwicklung des „Schlichtungsgesprächs“ bei.

John C. Reilly ist ein Schauspieler, den ich eigentlich nie wirklich auf der Kette hatte. Ich habe, soweit ich weiß, kaum einen Film mit ihm gesehen und ansonsten bei seinem Namen eher an eine Art Will Ferrell-Imitat gedacht. Aber hier zeigt sich, wie sehr ich ihn unterschätzt habe. Es sind hier die wirklich subtilen, teilweise kaum sichtbaren Charaktereigenheiten, die bis zum Schluss von einer unerschütterlich gutbürgerlichen und freundlich-schlichtenden Fassade verdeckt werden, aber immer wieder in Einzelsituationen durchschimmern, bis auch sie schließlich ausbrechen.

Auf der „Gegenseite“ steht Alan, gespielt von Christoph Waltz. Klar, das ist jetzt vollkommen subjektiv, aber seit Inglorious Basterds gehört Waltz zu meinen absoluten Lieblingsschauspielern. Niemand hat eindrucksvoller als er bewiesen, wie sehr eine minimale Veränderung seiner Mimik die komplette Stimmung der Szene kippen lassen kann. Hier ist er (dankenswerterweise) nicht der Bösewicht vom Dienst, zu dem ihn Hollywood offensichtlich machen will. Stattdessen verkörpert Waltz auf genialste Art und Weise den süffisant-ironischen Geschäftsmann, der permanent an seinem Handy hängt und für einige der besten und witzigsten Momente des Films verantwortlich ist. Waltz spielt mit unnachahmlichen Zynismus, gepaart mit unterschwelliger Resignation und Weltekel. Wie gesagt, es sind die Nuancen, die diese Performance so vielschichtig und großartig machen.

Schließlich ist da noch Kate Winslet. Wenn überhaupt, ist ihr Charakter möglicherweise der passivste der vier, aber das schmälert ihre Leistung keineswegs. Ihre Fassade bricht am schnellsten, nirgendwo kann man verzweifelt-gezwungene Höflichkeit besser sehen als in Winslets Gesicht. Alles weitere wäre gespoilert, nur so viel: Winslet ist maßgeblich an der „Action“-Anteilen des Films beteiligt und sorgt mit deren langsamen Aufbau ebenfalls für herrliche Lacher.

Viel mehr bleibt zu diesem Film eigentlich nicht mehr zu sagen. Er lebt allein von seinen Schauspielern, die Polanski auf geniale Weise in Szene setzt. Mir fehlt die Vergleichsmöglichkeit zum Theaterstück, doch ich kann definitiv sagen, dass ich selten einen Film gesehen habe, der so kontinuierlich und permanent für ein absolutes Dauergrinsen und heftige Lacher gesorgt hat (die heftigen Lacher waren besonders fatal, denn man läuft dabei stets Gefahr, weitere Feinheiten zu verpassen). Die Dialoge sind geschliffen und scharf, die Charaktere bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, die zugespitzte Gesellschaftskritik funktioniert, ohne penetrant zu wirken (eben weil sie „nur“ darstellt und wiedergibt). Und nicht zuletzt die Schlusspointe, die perfekt zusammenfasst, was den Film ausmacht. Und jetzt habe ich mal wieder Bock auf Theater 😉

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2 Gedanken zu “Der Gott des Gemetzels – Review

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