Das Labyrinth der träumenden Bücher – Review

 

Walter wer? Diese Frage kam immer wieder auf, wenn ich auf die Frage, wer zu meinen Lieblingsautoren zählt, neben Tolkien, Markus Heitz, Terry Pratchett oder Douglas Adams den Namen Walter Moers in der Raum warf. Die Wahrheit: Beinahe jeder Deutscher hat schon mal in irgendeiner Form etwas von Walter Moers‘ Werken gesehen oder gehört. Das behaupte ich einfach mal so dreist, wie ich bin. Mal ehrlich, wem sagt Käpt’n Blaubär oder das kleine Arschloch nichts? Beides Teile der Popkultur, doch den Mann dahinter kennt bis heute kaum jemand, woran Moers selbst nicht unbeteiligt war. Es existieren nur wenige Fotos und Interviews von ihm, viele noch dazu fast zehn Jahre alt; insgesamt gilt er als öffentlichkeitsscheu und hält sich sehr bedeckt. Für mich gilt er als absolutes Allround-Talent, der mit Käpt’n Blaubär oft zu Unrecht auf den Kindersektor reduziert wird. So ist Moers hauptsächlich im Comic-Sektor aktiv und veröffentlicht dort schon seit Jahren provokante, schweinische, hochgradig skurril-komische Comics für Erwachsene (siehe auch mein Avatar), die nicht selten für den einen oder anderen Skandal sorgen (der Comicband „Adolf, die alte Nazisau“ führte zu Drohbriefen von Seiten vieler Neonazis). Die bekanntesten Figuren seiner Comics sind dabei Das kleine Arschloch und der Alte Sack, zu denen  es sogar zwei Filme gab. Interessierten sei hier allerdings auch dieser Comic-Strip ans Herz gelegt.

In der Vergangenheit häufig unterschlagen wurde jedoch Moers Aktivitäten im Fantasy-Bereich. Bereits im Jahr 1999 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“, der sich überraschenderweise im Gegensatz zu den regelmäßigen Kurzfilmen in der Sendung mit der Maus eindeutig an ein erwachsenes Publikum richtete. Das besondere: Walter Moers legte hier den Grundstein für alle seine späteren Romane, die sich mittlerweile glücklicherweise einer wachsenden Popularität erfreuen; er erschuf eine ausufernde, mit Fantasie und liebevollen Details vollgestopfte eigene Fantasy-Welt, genannt Zamonien, in der alle seine Romane spielen. Überbordend und einzigartig, kreativ und dunkel bis brutal, humorvoll, verrückt und gleichzeitig unerträglich spannend geschrieben, erweitert Moers sein Universum mit jedem Band sinnvoll weiter und lässt Elemente oftmals buchübergreifend wieder auftauchen. „Rumo und die Wunder im Dunkeln“ gehört bis heute zu meinen absoluten Lieblingsbüchern und definitiv zu den meistgelesenen. „Die Stadt der träumenden Bücher“ aus dem Jahr 2004 brachte ihm erste Preise und einen höheren Bekanntheitsgrad ein. „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ist nun die erste direkte Fortsetzung eines Zamonien-Romans und entsprechend wird es sich nicht vermeiden lassen, den Inhalt des ersten Bandes etwas zu spoilern.

200 Jahre seit den Geschehen in Buchhaim, der Stadt der träumenden Bücher, kehrt der Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz an den schicksalshaften Ort zurück. Grund ist ein rätselhafter Brief, der ihm anonym zugesandt wurde und dessen Ursprung er erforschen will. Doch nach so langer Zeit hat sich einiges verändert: Mythenmetz ist ein erfolgreicher Autor, dem der Ruhm zeitweise zu Kopf gestiegen ist, und leidet nun unter einer Schreibblockade. Auch Buchhaim ist nach dem großen Brand des Schattenkönigs aus dem letzten Band nicht mehr so wie früher und hat sich stark verändert. Hildegunst findet dort alte Bekannte und neue Personen und erforscht nach und nach das „neue“ Buchhaim und die geheimnisvolle neue Bewegung des „Puppetismus“. Dabei wagt er sich immer tiefer in das Labyrinth der träumenden Bücher, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet.

Ich habe mich tierisch auf dieses Buch gefreut und im Vorhinein alle Kritiken und Rezensionen zu diesem Buch vermieden, um völlig unvoreingenommen an das Buch heranzugehen. Im Nachhinein musste ich dann feststellen, dass der allgemeine Tenor eher zwiespältig und sogar überwiegend negativ ist. Und, leider leider, haben die Kritiken und Verrisse recht.

Fangen wir an mit dem Positiven: Der Schreibstil ist nach wie vor unfassbar gut. Eine so flüssige und mitreißende Schreibe haben nur ganz wenige und Moers zeigt hier erneut, was er kann. Auch seine überbordende Fantasie und Einfallsreichtum sind im hohen Maße vorhanden. Dass der Autor hier erneut den Schauplatz Buchhaim, den er schon in dem Vorgänger bis ins kleinste Detail erforscht hat, wählt, hätte zum Problem werden können, aber der Brand des letzten Bandes erlaubt es Moers eine ganze Reihe neuer Facetten und Neuerungen bei altbekanntem Setting einzubauen. Dazu gehört der Buchhaimer Puppetismus, dem eine zentrale Rolle im Buch zukommt und bis ins kleinste Detail ausgeleuchtet wird.  Das artet moerstypisch oft seitenweise aus, aber langweilig ist es nie. Auch die Charaktere sind gewohnt skurril und von herrlicher Liebenswertigkeit (Mythenmetz‘ Extrem-Hypochondrie).

Und trotzdem ist es eines der Hauptprobleme des Romans. Wer sich über meine sehr vage und kurze Inhaltsangabe gewundert hat, dem muss ich leider sagen, dass viel mehr Plot einfach nicht vorhanden ist. Moers stürzt sich förmlich in die Dialoge, in die Grundsituation und vor allem in ausartende Beschreibungen des Puppetismus (von denen er sogar selbst schreibt, dass sie getrost übersprungen werden können)…und vergisst dabei, seine Handlung in irgendeiner Form voranzutreiben. Die große Kunst aller bisherigen Zamonien-Romane war immer gewesen, dass die überbordenden Beschreibungen immer mit einer mitreißenden Story sinnvoll verknüpft wurden. Hier hingegen kommt die Story lange Zeit überhaupt nicht voran, bleibt auf der Stelle und macht das Buch so in Teilen zum Sachbuch. Besonders die wirklich erstmals ZU übertriebene Schilderung eines Puppentheaterstücks zu Mythenmetz‘ Abenteuern des letzten Buchs fangen nach einiger Zeit tatsächlich an zu stören, da hier über einen Großteil der Seiten tatsächlich nochmal fast alle Handlungselemente von Teil 1 wiederholt werden (eine Sequenz, die mich tatsächlich richtig aufgeregt hat). Da schießt Moers völlig über das Ziel hinaus. Langweilig ist es nie, das kann man nicht sagen – aber es stört. Man wartet auf die Handlung, auf einen Spannungsbogen, auf packende Höhepunkte (wie es Moers in Rumo oder der Stadt so brillant hingekriegt hat), doch es scheint, als müssten wir darauf bis zu Teil 3 warten, denn gerade als die Handlung dann tatsächlich in Fahrt kommt, gerade als Moers endlich zu seiner hochspannenden Erzählweise zurückfindet, hört das Buch auf einem fiesen Cliffhanger auf. Das macht unfassbar gespannt auf den nächsten Band, gleichzeitig fühlt man sich fast schon verarscht. Wenn Kritiker vom „längsten Prolog in Buchform aller Zeiten“ sprechen, dann haben sie völlig recht. Es passiert nichts, alles ist nur ein gigantischer Aufbau…ohne dass es sich auszahlt. Wir erhalten keine Klimax und werden auf das nächste Buch vertröstet.

Ist es also eine Enttäuschung? Ja…aber eine auf sehr hohem Niveau. Tatsächlich ist „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ sehr unterhaltend und die Beschreibungen sowie die Szenarien sind zu großen Teilen (bis auf die angesprochene völlig überflüssige Rekonstruktion des letzten Buches, hochinteressant. Man merkt, dass Moers Großes vorhat, aber mir wäre es lieber gewesen, er hätte keine zwei Bände aus der Geschichte gemacht. Ich bin fest davon überzeugt, dass der nächste Band hochspannend und richtig richtig gut wird – aber diesen Band als Ouvertüre zu benutzen ist meines Erachtens nach ein Schuss ins eigene Knie. Die Moers-typischen Elemente sind alle vorhanden und auf hohem Niveau…nur eine Geschichte wird hier kaum erzählt. Und angesichts der bisherigen Geniestreiche von Moers werte ich das durchaus als Enttäuschung. Eine, die sich hoffentlich auszahlen wird – in „Das Schloss der träumenden Bücher“.

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3 Gedanken zu “Das Labyrinth der träumenden Bücher – Review

  1. Uhhh … ich muss erst mal „Die Stadt der träumenden Bücher“ lesen! Steht schon auf meinem amazon-Wunschzettel. 😉 Soll ja sooo gut sein, also eigene Meinung bilden! Super umfangreiche Review, David! 🙂 Beste Grüße, die Kommilitonin

  2. Super, endlich ein informativer Artikel, vielen Dank. Muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Generell finde ich diesen Blog leicht zu verstehen und bequem zu lesen.

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