Sucker Punch – Review

 

Es war einmal ein Film, der handelte von Träumen. Von der Macht des Unterbewusstseins und den Möglichkeiten, in verschiedene Traumebenen durchzudringen, um dort einen kleinen Gedanken, eine Idee einzupflanzen und so den Menschen und seine Natur zu beeinflussen. Ein beeindruckendes Meisterwerk, das den Titel „Inception“ trug und zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres wurde. Offenbar war einer der vielen Zuschauer der junge und gefeierte Filmemacher Zack Snyder. Ich kann nur vermuten, was in seinem Kopf vorgegangen sein musste, während der Abspann von Christopher Nolans Meisterstück lief: „Ein guter Film, aber etwas fehlt darin. Hmmmm…ich hab’s. Dem Film fehlten eindeutig Nazi-Zombies und halbnackte Lederweiber mit Maschinengewehren.“ Ladies and Gentlemen – Sucker Punch war geboren.

Ein junges Mädchen (Emily Browning) wird nach dem Tod ihrer Mutter und ihrer Schwester von ihrem gierigen Stiefvater in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Dort soll sie lobotomisiert werden, d.h. bestimmte Nervenbahnen in ihrem Gehirn sollen durchgetrennt werden („Einer flog über das Kuckucksnest“ – anyone?). Kurz vor dem Eingriff stellt sie sich die Klinik als Edelbordell vor. Dort heißt sie nun Babydoll und soll in wenigen Tagen an den so genannten High Roller, ein besonders gefürchteter Kunde des Bordells, verkauft werden. Doch Babydoll plant zu fliehen und entwickelt mit ihren Leidensgenossinnen Sweat Pea (Abbie Cornish), Amber (Jamie Chung), Blondie (Vanessa Hudgens) und Rocket (Jena Malone) einen Fluchtplan. Dazu benötigen  sie eine Karte, Feuer, ein Messer und einen Schlüssel. Während Babydoll tanzt, um die Gegner abzulenken, erträumt sie sich die Suche nach den Gegenständen als Abenteuer in Fantasiewelten. Doch dabei bleibt ihnen der Bordellbesitzer Blue (Oscar Isaac) dicht auf den Fersen.

Uff. Anstrengend. Bislang hatte ich ein eher positives Verhältnis zu Zack Snyder. Sein „Dawn of the Dead“ Remake gehörte zu den besten Horrorfilm-Remakes, die ich bislang gesehen habe; „Watchmen“ war zwar als Kenner des Graphic Novels eine Enttäuschung, aber Snyder übertrug den Look und Ton der Vorlage perfekt (auch wenn er einige Stellen mit Karacho versaute); „300“ war kein guter, dafür aber optisch beeindruckend und hochgradig unterhaltender (man kann sehr gut darüber lachen) Film. Sucker Punch ist nun der erste Film, der aus Snyders eigener Feder stammt. In diesem Fall muss ich sagen: Verfilm bloß keine eigenen Stories mehr!!!

Zunächst das positive: Die Einstiegsszene, die zeigt, wie Babydoll überhaupt in die Anstalt gelangte, ist sehr gut gemacht. Unterlegt von einer, wie ich zugeben muss, richtig guten Coverversion von „Sweet Dreams“ (im Original von Eurythmics) – gesungen von Hauptdarstellerin Emily Browning höchstpersönlich – wird die Vorgeschichte der Protagonistin ohne Dialog im Stil eines Musikvideos atmosphärisch sehr dicht inszeniert. Tatsächlich die beste Szene des gesamten Films, auch wenn schon hier Zack Snyders offensichtlicher Zeitlupen-Fetisch etwas störend wirkt (jeder zweite Shot in Zeitlupe, das nervt). Der Sprung in die Bordell-Realität wirkt dann noch nachvollziehbar, wenn auch zunächst extrem irritierend. Doch spätestens, wenn Babydoll tanzen soll und plötzlich in einem Hochebenen-Kloster gegen gigantische Samurai-Monster mit Raketenwerfern und einer Gatling-Gun kämpft, wird jeder Ansatz von Tiefgang unter einer gewaltigen CGI-Flut verschüttet. Der obskure Einfall des „Ein Traum im Traum“-Prinzips in absurde computergenerierte Szenarien zu packen mag sich einfach nicht erschließen. Jetzt ist man vielleicht Fan von solchen Schlachtpaketen und lässt sich von dem Geballer und Geknalle bei ausgeschaltetem Hirn berieseln (mach ich auch gerne mal), aber dem steht der pseudophilosophische Überbau der Handlung (sogar eine Glückskekssprüche klopfende Off-Erzählerin ist mit dabei) im Weg. Immer wieder will der Film mehr sein, intelligent sein, bedrückendes Drama oder packender Thriller sein. Und dann findet man sich im Schützengraben unter Nazi-Zombies wieder oder beobachtet, wie Frauen im Leder-Mini mit Maschinengewehren auf Drachen ballern. Wo ist da der Sinn? Von dem intelligenten, perfekt konzipierten Aufbau des offenbar indirekten Vorbilds Inception (verschiedene Traumebenen – come on…) ist das meilenweit entfernt.

Das eigentliche Hauptproblem scheint also auch zu sein, dass der Film nicht weiß, was er sein will. Snyder wirft munter verschiedene Genres durch die Gegend, als wären es Zirkustorten. Nicht falsch verstehen, die Vermischung von verschiedenen Genres kann großartig sein, aber hier ist es absolut beliebig. Zudem hatte Snyder, wie es scheint, zu viele Ideen für Actionszenen, die nichts miteinander zu tun haben, die er aber unbedingt in einen Film pressen wollte. Deshalb sehen wir nacheinander ballernde Samurai-Riesen, Nazi-Zombies, Orks, Drachen und Roboter. Alles verbunden durch den Ach-so-intelligenten Ansatz, dass diese verschiedenen Scheusale die realen Peiniger des Mädchens symbolisieren und ihr Kampf für ihre Ausbruchsbemühungen stehen. Flucht vor der Realität, uhuhu – BULLSHIT! Diesen Storyansatz gab es schon hundertfach und er wurde auch schon hundertfach besser umgesetzt. Hier ist er nichts weiter als eine fade Entschuldigung für die überbordenden, sinnfreien Actionsequenzen, die zu sehr Computer-Overkill sind, um wirklich Spannung zu erzeugen. Im Gegenteil, manche Szenen sind so lächerlich, dass sie schon wieder unfreiwillig komisch werden.

Und natürlich die Protagonistinnen. Zufälligerweise allesamt in aufreizenden Lederkostümen, denn es geht ja nur um Realitätsflucht und gepeinigte Seelen, nicht wahr? Es ist tatsächlich so, die Mädels dienen genau wie die Action dem bloßen Augenfutter. Das würde an und für sich nichts machen, würde der Film nicht jederzeit durch dümmliche, völlig sinnfreie Dialoge darum betteln, ernst genommen zu werden. Leider haben die Frauen die Persönlichkeit und Charaktertiefe von nassem Lehm. Bis heute weiß ich nicht genau, wer nun tatsächlich wer ist, geschweige denn ihre Charakterzüge oder Backstory. Und kommt mir nicht mit „Das soll ja aber so, weil alle Personen in Babydolls Vorstellungen simplifiziert und in eindeutige Rollen gesteckt werden“. Wenn das nämlich so wäre, warum zum Geier sollte mich dann ihr dramatisch aufgeblasener Tod kümmern? Wenn man nicht mit Charakteren mitfiebert, kümmert es den Zuschauer auch nicht, wenn sie verrecken und doch wird jeder Tod so hochdramatisch inszeniert, als wäre es der Untergang der Welt. Ein paar One-Liner und ab und zu ein Tränchen der Verzweiflung genügen nicht, damit Charaktere sympathisch werden.

Bei dem Antagonisten Blue (Oscar Isaak) macht die Vereinfachung und Eindimensionalität dagegen ansatzweise Sinn, immerhin stellt er für Babydoll ja das personifizierte Böse dar (was nicht die ebenso eindimensionale Darstellung des Stiefvaters in der „Realität“ des Films entschuldigt). Der Schauspieler macht seine Sache dann auch recht gut, teilweise wirkt er tatsächlich bedrohlich. Was Zack Snyder durch plötzliche infantile Einlagen und Ausbrüche des Charakters direkt wieder zunichte zu machen weiß, trotzdem bleibt der positive Gesamteindruck. Den Darstellerinnen muss man zugute halten, dass sie das beste aus ihrem Arbeitsmaterial, dem Drehbuch machen. Das ist größtenteils zwar nichts, aber dafür können die Schauspielerinnen nichts. Kämpfen, Gut aussehen und ab und an ein wenig Emotionalität oder besorgte Gesichter / Heulen – das ist alles und jede von den Darstellerinnen macht das beste draus. Emily Browning ist zwar Protagonistin, doch viel mehr als ihre Mitstreiterinnen darf sie auch nicht zeigen. Da es um den Überlebenskampf der Mädchen geht, eine schlechte Entscheidung, die aber dem Drehbuch/Snyder zuzuschreiben ist.

Das Ende versucht dann, die einzelnen Elemente (im Klartext: die sinnfreien unzusammenhängenden Actionsequenzen) intelligent miteinander zu verbinden und hier darf ich dem Film positiv vermerken, dass das, so sehr es auch an den Haaren herbeigezogen ist, tatsächlich teilweise gut funktioniert. Wie bereits gesagt, kein Vergleich zu der Perfektion von Inception, aber der Vergleich lässt sich sowieso nur auf die Traumebenen anwenden. Doch ein sinnfreier „Twist“ und weitere Glückskekssprüche machen diese positive Note schnell wieder zunichte.

Was bleibt noch zu dem Film groß zu sagen?? Nichts mehr. Ich hasse Filme, die auf Teufel komm raus intelligent sein wollen und ihren Subtext quasi in Großbuchstaben über den Film schmieren. Das ist bei Sucker Punch der Fall. Der Handlungs-Überbau ergibt wenig bis gar keinen Sinn, der Genre-Mix wirkt unausgegoren und sehr gezwungen. So bleibt wirklich die reine Action die durch ihre haarsträubenden Einfälle zumindest teilweise unterhält. Ich bin allerdings kein Fan von ausufernden CGI-Spektakeln wie diesen, da sie mich mehr an ein Computerspiel als an einen Film erinnern. Dass dann noch jede Schweißperle in Ultra-Zeitlupe über den Bildschirm tröpfelt, macht die Angelegenheit nicht besser. Insgesamt bezieht Sucker Punch seinen Unterhaltungswert tatsächlich nur aus seiner Übertriebenheit und Lächerlichkeit. Das hatten wir bei 300 auch schon mal. Da war das allerdings irgendwie gewollt. Hoffe ich jedenfalls.

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