High Tension – Review

 

Wer bei dem Terminus „Französischer Film“ an charmante Liebeskomödien in der Stadt der Liebe oder in der malerischen Provence denkt,…der liegt grundsätzlich erstmal richtig 😛 . Aber damit ist Schluss. Wer heute von verstörenden Splatterwerken redet, kommt dabei nicht umhin, die Filme der „Neuen französischen Härte“ zu nennen. Und High Tension zählt neben Martyrs zu den absoluten Vorreitern dieses Genres, ja, fast schon zum Kult-Klassiker. In Deutscheland landete der Debütfilm von Alexandre Aja hingegen in seiner ungeschnittenen Fassung stante pedeauf dem Index – in Frankreich ist die Originalfassung ab 16 erhältlich. Andere Länder…

Worum geht es: Die Studentin Marie (Cécile de France) fährt in den Ferien zu ihrer Freundin Alex (Maïwenn Le Besco) aufs Land, um dort mit ihr zu lernen. In der Nacht jedoch fährt ein alter Lieferwagen vor. Der namenlose Besitzer (Philippe Nahon) bricht in das abgelegene Landhaus ein, tötet Alex‘ Familie auf bestialische Art und Weise und kidnapped Alex. Marie kann sich verstecken, doch sie ist auf sich allein gestellt, da die Telefonleitungen gekappt sind. So nimmt sie die Verfolgung des Lieferwagens auf, um ihrer besten Freundin beizustehen…

Heute gebe ich mich mal auf etwas dünneres Eis, denn dieser Film erhielt viel Lob und positive Kritiken. Aber High Tension ist einer von den wenigen Filmen, wo ich mich absolut gegen die Abfeierei querstellen muss. Kein grottig schlechter Film – aber er macht verdammt wenig Sinn. Und enthält Elemente, die mich tierisch anpissen.

Fangen wir mit dem positiven an: Alexandre Aja versteht es sehr gut eine dunkle Spannung zu erzeugen. Düstere Farbfilter, verzerrte Industrial-Sounds und einige Szenen, die in ihrem Aufbau von fast nervenzerreißender Spannung sind. Als Hausnummer sei hierbei die beim ersten Sehen fast unerträglich intensive Tankstellen-Szene genannt. Überhaupt, der ganze Film hat die Atmosphäre und einige Handlungselemente des Terrorkinos aus den 70ern à la Texas Chainsaw Massacre, nicht zuletzt wegen dem schnaufenden, undurchsichtigen Killer und der rohen Primitivheit der Handlung (bis zu einem gewissen Punkt, aber dazu später mehr). Zudem sind die Splatter-Szenen sehr hart und verleihen High Tension eine noch schmutzigere, unbequemere Note.Viele davon sind höchst brutal, teilweise auch etwas zu unrealistisch und in ein zwei Fällen sogar comichaft überzogen, was leider etwas stört, auch wenn Gorehounds hier natürlich laut jubeln dürfen. Aber der dreckige Realismus und die ansonsten eklig-harten Tötungsszenen beißen sich in einzelnen Fällen leider mit  Over-the-top-Kills wie eine skurrile Enthauptung mit einer Holzkommode (fast schon „Itchy und Scratchy“-Style). Zum Problem wird das in dem Moment, wo Aja als „Krönung“ des Tabubruchs seinen Killer ein kleines Kind töten lässt. Wir sollen entsetzt und geschockt sein – und dann folgt eine völlig überzogene (nebenbei auch unfassbar ausgelutschte) Szene, in der die Mutter trotz aufgesäbelter Kehle und bereits eingetretenen Tod noch einen letzten plötzlichen Todesröchler für einen billigen Jumpscare von sich geben darf.

Leider greift der Film schnell auf Jump Scares als Schockelement zurück – und einige davon sind von der absolut billigsten Sorte und absolut vorhersehbar (eingeklappter Badezimmerspiegel – in WIE VIELEN Filmen hatten wir das jetzt bitte schon?). Am Effektivsten ist Aja, wenn er auf Suspense setzt und mit den Perspektiven der Protagonistin und des Killers spielt. Dass er sein Handwerk schon im Debütfilm versteht und einige sehr gelungene Kameraperspektiven und Slow-Motion-Sequenzen einsetzt, ist ihm durchaus positiv anzurechnen.

Auch den Schauspielern kann man keinen Vorwurf machen: Die Gesichter sind hierzulande unverbraucht, was von Vorteil ist, denn bekannte Stars hätten dem Film meiner Meinung nach eher geschadet.  Cécile de France bringt die Panik, aber auch die Entschlossenheit ihrer Figur sehr überzeugend rüber; das Problem liegt allerdings, ebenso wie bei der etwas schwächeren aber trotzdem solide agierenden Maïwenn Le Besco aka Alex in den Figuren selbst: Die Charaktere sind unglaublich flach und eindimensional geschrieben. Bei dem Killer (genial-minimalistisch gespielt von Philippe Nahon) ist das noch verständlich, aber  Marie und Alex sind einfach nicht besonders interessant. Gerade hinsichtlich des späteren Plottwists (siehe unten) sind die Charakterschwerpunkte und die Persönlichkeit wenigstens bei Marie enorm wichtig; doch beschränkt sich die Charakterexposition auf einige wenige Sätze. Und Alex ist als Charakter so interessant wie ein Stück Wiese; man merkt, dass sie nur Mittel zum Zweck ist; ein bisschen Heulen, ein bisschen Schreien – wie soll man da als Publikum wirklich an ihrem Schicksal Anteil nehmen? Aber gut, da mag man drüber hinwegsehen, das sind nur kleine Details, die nicht weiter stören – im Gegensatz zu Folgendem:

Hinweis: Um auf meinen Hauptkritikpunkt eingehen zu können, werde ich nun den Endtwist spoilern müssen. Wer sich das Ende des Films nicht durch mein Review verderben will und sich lieber selbst überraschen lassen will, dem sei geraten, hier aufzuhören zu lesen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Deshalb die großen fetten Spoiler-Tags weiter unten. Wer dennoch weiterliest und den Film nicht kennt – nicht beschweren hinterher 😉 .

——————————————–SPOILER——————————————————————————–

In den neuzeitlichen Horror- und Splatterfilmen gehört es ja seit jeher (und insbesondere in der Post-Saw-Ära) zum guten Ton einen Endtwist, also eine unerwartete Wendung in der Story, zumeist zum Negativen, einzubauen (Zuletzt zu sehen in dem von mir bereits reviewten Horrorfilm Insidious). Alexandre Aja hat auch einen auf Lager, nur leider einen von der absoluten billigsten und sinnlosesten Sorte: Marie ist der Killer. Oh ja, richtig gehört, Marie war die ganze Zeit über der Killer, hat Alex Familie abgeschlachtet und Alex in den Lieferwagen geschleppt. Alles weitere – die Fahrt mit Alex im Laderaum des Trucks, die versuchte Flucht in der Tankstelle, die Autoverfolgungsjagd (ja, Marie verfolgt den Killer mit einem Auto und überschlägt sich schlussendlich sogar damit) und der gesamte Showdown Killer vs. Marie – ALLES EINGEBILDET!!! Alles nur eine Geschichte in ihrem Kopf, die sie sich ausgedacht hat, um ihr Handeln irgendwie rechtzufertigen. Nicht nur, dass diese Psychose völlig aus dem Nichts kommt und nicht ein Mal auch nur ansatzweise angedeutet wird (nein, die kurzen Dialoge am Anfang, in denen herauskommt, dass sie neidisch auf Alex ist, sind KEINE verdammten intelligenten Andeutungen), nein, plötzlich macht alles, was wir zuvor im Film gesehen haben, keinen Sinn mehr.Die Verfolgung, die Tatsache, dass sich Marie und der Killer teilweise an völlig verschiedenen Orten befinden und sogar der Tankwart, den Marie um Hilfe bittet, woraufhin sie sich versteckt und der Killer sich von ihm bedienen lässt, während der Wart versucht, Marie zu decken und sogar zu ihrem Versteck schaut – alles kaum möglich, denn es hat so nie stattgefunden. Fuck, Marie gibt Alex auf der Fahrt ein Messer, während der Killer vorne am Steuer sitzt. Wie zum Geier soll das gehen? Es gibt am Ende hunderte solcher Szenen, die einem einfallen. Von geschickten Andeutungen, von subtilen Hinweisen in der Story, vom großen „Aha, es macht tatsächlich alles Sinn, warum bin ich nicht gleich darauf gekommen“-Faktor bei der zweiten Sichtung des Films, wie es bei Filmen mit ähnlich gelagerten Twists wie „The Sixth Sense“ oder dem Paradebeispiel „Fight Club“ der Fall ist, keine Spur.

Ein Plotloch ist es trotzdem nicht, nein, denn Aja wählt die wohl bequemste aller Antworten: Es geschieht alles in ihrem Kopf. Das ist ihre Version der Geschichte, sie bastelt sich in ihrem kranken Kopf ihre eigene Fassung der Ereignisse zusammen. Also erzähle mir niemand, ich würde es nicht verstehen. Mit dieser Erklärung macht es tatsächlich „Sinn“, aber wisst ihr, was mir dabei einfällt? Die Serie „Dallas“, in der die Serienmacher irgendwann mal beschlossen hatten, ihren Protagonisten Bobby sterben zu lassen. Das hatte zur Folge, dass die Quoten in den Keller gingen. Was machten also die Drehbuchautoren? Sie schrieben Bobby mit der wohl dämlichsten Plotwendung der Fersehgeschichte wieder in die Serie hinein: Der Tod des Charakters und alles, was in der betreffenden Staffel folgte, war nur ein böser Traum von einem der Charaktere. Das hätte sich nicht einmal ein dreijähriger Pavian getraut zu schreiben. Und ehrlich? High Tension ist da von ähnlichem Kaliber. Dieser Twist exisitiert nur weil es Alexandre Aja nicht reichte „nur“ einen konventionellen Slasher mit besonders harten Splatterszenen und beklemmender Atmosphäre zu haben; nein, es musste ja unbedingt ein schockierender, pseudo-intelligenter Psychothriller mit haarsträubend erzwungenem Twist sein. Alles was in dem Film plötzlich keinen Sinn mehr macht, wird unter diesem Vorwand „Es ist alles in ihrem Kopf!!!!!einself“ schöngeredet und zurechtgebogen. Dabei wird aber eine Sache unterschlagen: Wie zum Geier soll Marie die Kommode so schnell geschoben haben, dass sie den Vater enthauptet, wenn sie wenig später (I know, all in her head, aber es macht von ihren physischen Gegebenheiten trotzdem keinen Sinn) nicht einmal einen Schrank um ein paar Millimeter bewegen kann. Und das ist nicht intelligent, das ist einfach nur faul und pseudo von vorne bis hinten.

———————————————SPOILER ENDE——————————————————————–

Mehr bleibt eigentlich nicht zu sagen. Ich kann nicht verstehen, warum dieser Film bis heute in Foren und unter Kritikern so gefeiert wird. Im Kern ist „High Tension“ bloß ein handwerklich gut gemachter Slasher mit harten, manchmal leider zu überzogenen Splatterszenen und sehr klischeehaften Jumpscares (…der Badezimmerspiegel, der Todesröchler…come on…). Einige Szenen sind tatsächlich sehr spannend und nervenzerreißend gut inszeniert, das wird allerdings durch einen komplett sinnfreien, unfassbar faulen Twist am Ende ad absurdum geführt. Man fühlt sich letzten Endes eher verarscht denn schockiert. So bleiben ein paar Reminiszenzen an das 70er-Jahre Terrorkino, solide Darsteller und ein beschissenes Ende, dass durch seine Pseudo-Intelligenz einfach nur aufregt. Besser als Liebesfilme unter’m Eiffelturm allemal. Aber im Fall High Tension nur minimal

Advertisements

Ein Gedanke zu “High Tension – Review

  1. Pingback: 13 Horrorfilm-Geheimtipps zu Halloween | gerry42

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s