Verblendung – Review

 

Eigentlich wollte ich ja. Verdammt, ich wollte diesen Film so gerne ignorieren, nein, mehr noch: Ich wollte ihn bewusst boykottieren. Warum? Weil mir die Hollywood-Praxis, ausländische Filme für den amerikanischen Markt zu remaken, einfach weil Amis zu faul zum Untertitel-lesen oder neu synchronisieren sind und sich solche Filme ergo nicht ansehen. Das führt gerade bei der derzeitigen Remake/Reboot/Sequel-Welle zu der absoluten Unsitte, dass Romanverfilmungen wie der schwedische „Verblendung“ – Film von Niels Arden Oplev sagenhafte ZWEI Jahre später neu gedreht werden. Völlig unnötig, zumal die erste Fassung von Stieg Larssons Bestseller bereits von hoher Qualität war. Aus diesem Grund boykottiere ich bislang auch noch den Film „Let me in“, das amerikanische Remake des schwedischen Films „So finster die Nacht“ (Verfilmung des gleichnamigen Romans von John Ajvide Linqvist). Da Amis auch noch zum Verwässern der Filme oder Anpassen an amerikanische Sehgewohnheiten neigen, lag mein Interesse hieran bei Null…

…bis herauskam, dass David Fincher Regie führt. Gott, ihr wisst, wie ihr mich drankriegt. Einer meiner absoluten Lieblingsregisseure (wer der andere ist, wisst ihr doch eh schon alle mittlerweile). Hollywood könnte mich sogar zu einem Remake von „Twilight“ ins Kino bewegen, wenn David Fincher Regie führen würde. Die Ankündigungen des „Feel-Bad Movies des Winters“, das R-Rating und die Aussage, dass Fincher einige Storyänderungen vornehmen würde, erhöhte das Interesse sogar noch.  Ich kenne nur die schwedischen Filme, die Bücher habe ich noch nicht gelesen, daher kann ich nicht berücksichtigen, inwieweit Finchers Version buchakkurat ist. Aber wie schlägt sie sich als Film?

Erstmal, worum gehts: Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) hat mit einem Skandal zu kämpfen, der seine komplette Reputation zerstört hat. In dieser schwierigen Situation wird er engagiert ein Rätsel zu lösen: Der hochkarätige Unternehmer Henrik Vanger (Christopher Plummer) bekommt jedes Jahr anonym eine gepresste Blume zugeschickt. Als Adressat vermutet dieser den Mörder seiner Nichte Harriet, die fünfzig Jahre zuvor spurlos verschwand. Schnell verliert sich Blomkvist in den undurchsichtigen und abgründigen Tiefen der Familie Vanger und holt sich Hilfe von der Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara), die als Mündel des Staates von ihrem neuen Ziehvater missbraucht wurde. Mit ihr entdeckt er neue Spuren, doch jemand scheint nicht zu wollen, dass die beiden ihr Ziel erreichen. Und auch Lisbeth verbirgt ein dunkles Geheimnis.

Dunkel und abgefuckt – das ist seit Sieben schon genau David Finchers Ding. Da wundert es kaum, dass der Stoff aus Stieg Larssons „Millenium“-Trilogie wohl eine besondere Faszination auf ihn ausgeübt haben muss: Frauenmörder, Vergewaltigungen, Folter – Fincher darf die volle Pallette des R-Ratings auspacken und nutzen. Und das tut er. Schon das düstere, genial konzipierte Intro, das schwarze, sich in Ölschlieren auflösende Figuren zeigt, unterlegt von einee elektronischen Industrial-Neuinterpretation von Led Zeppelins „Immigrant Song“, zeigt, wohin die Reise geht. Das Publikum wird nicht geschont, doch die Gewalt wird ebenso wenig zum Selbstzweck eingesetzt. Trotzdem geht gerade die berüchtigte Vergewaltigungsszene an die Substanz: Sie ist nicht explizit, aber trotzdem härter als in der Originalfassung und hält deutlich länger mit der Kamera drauf, als es der Zuschauer ertragen will. Und die Idee, eine Folterszene mit „Orinoco Flow“ von Enya zu unterlegen, hat fast schon etwas von schwarzem Humor.

Trotzdem sollte man den Film nicht auf Gewalt und Härte reduzieren, immerhin erzählt David Fincher ja hier die Geschichte von Stieg Larssons Romanen neu. Dabei hält er sich recht nah an die schwedischen Originalverfilmung, weicht jedoch gerade zum Ende hin von ihr ab und präsentiert eine eigene, aber in sich stimmige Auflösung. Auch das Setting und die Atmosphäre bleibt recht ähnlich, was nicht zuletzt an dem Setting liegt. Fincher lässt den Schauplatz dankenswerterweise in Schweden und hält die kalte, trostlose Grundstimmung der Filme aufrecht. Der direkte Vergleich der Optik ist natürlich ungerecht; der schwedischen Version von Niels Arden Oplev merkt man eben die TV-Herkunft an, während diese Fassung auf ein deutlich höheres Budget zurückgreifen konnte. So sieht die Ami-Version natürlich besser und hochwertiger aus, aber das ist kein ausschlaggebender Kritikpunkt. Viel ausschlaggebender ist die Art des Erzählens. Und hier, muss ich gestehen, hat Fincher eindeutig die Nase vorn. Die sehr komplexe Familiengeschichte und die vielen Namen und Subplots werden hier deutlich kompakter und flüssiger erzählt und erklärt. Die gesamte erste Hälfte wirkt weniger bruchstückhaft und (gerade für Nicht-Kenner der Buchvorlage wie mich) deutlich schlüssiger und weniger verwirrend. Allerdings schätze ich an der schwedischen Version die unterkühlte Stimmung und Vermittlung von Gefühlen, die so „typisch schwedisch“ ist und die dem Remake leider völlig abgeht. Das ist nicht weiter schlimm, bis zum Ende, wo es mich tatsächlich stört. Die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten bedurfte keiner weiteren Erklärungen, sie war in der schwedischen Fassung subtil und langsam gezeichnet und deutete sich durch kleine, eher versteckte Momente an. Aber da man den amerikanischen Zuschauern offensichtlich alles buchstabieren muss, wird ihnen am Ende quasi überdeutlich ins Gesicht geschrien, wie es um Lisbeths Gefühle zu Mikael steht. Das ist der einzige Moment im Film, in dem das Remake etwas an die unzähligen anderen Hollywood-Reboot-Filme erinnert, die subtile Stimmungslagen durch gewohnte Plastik-Elemente ersetzt.

Vom technischen Standpunkt aus hat die Version von 2011 jedoch eindeutig die Nase vorn. Hier merkt man wieder einmal, was für ein Meister seines Fachs David Fincher tatsächlich ist. Jede Kameraeinstellung, jeder Schnitt, jeder Szenenaufbau ist so perfekt gesetzt, dass es eine reine Freude ist. Jeder, der sich für das Filmemachen interessiert, sollte diesen Film sehen, eine bessere Lehrstunde findet man nur selten. Spätestens wenn Mikael Blomkvist aka Daniel Craig durch eine Wohnung schleicht, als plötzlich der Hausbesitzer unerwartet zurückkommt, wird die Spannung, ohne dass es irgendwelcher technischen Spielereien bedarf, mit minimalen Mitteln ins Unerträgliche gesteigert. Absolut brillant ist jedoch das Sound-Design, in das sich der sehr gelungene Score von Trent Reznor und Atticus Ross (die schon für den genialen Soundtrack in „The Social Network“ verantwortlich waren) nahtlos einfügt: Düstere Industrial-Geräusche und Piano-Fragmente gehen perfekt in Geräusche aus dem Film über oder ergänzen den Sound atmosphärisch optimal.

Wie auch in der schwedischen Fassung steht und fällt Verblendung mit der Besetzung der Charaktere. Daniel Craig erweist sich hierbei als sehr gute Wahl. Anstelle von Bond-mäßiger Härte und kernigen Sprüchen gibt er hier den ehrgeizigen, ruhigen Journalisten, der mit dem Fall wie auch mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hat. Gegenüber seinem schwedischen Pendant Mikael Niqvist hat er den klaren Vorteil seines Aussehens auf seiner Seite: Man kauft Craig einfach deutlich eher den begehrten Frauenschwarm ab. Auch sonst ist seine Performance nuancierter und trotz der gebotenen Subtilität mitreißender und sympathischer als Niqvists.

Die erheblich größere Herausforderung hatte Rooney Mara zu bekämpfen. Die bisher recht unbekannte Schauspielerin (A Nightmare on Elm Street – Remake, The Social Network) musste in keine geringeren Fußstapfen treten als in die von Noomi Rapace. Diese hatte Lisbeth Salander so intensiv und in Erinnerung bleibend gespielt, dass der Charakter bis heute mit ihr assoziiert wird und ihr zum Durchbruch in Hollywood verhalf (aktuell: Sherlock Holmes – Spiel im Schatten). Mara tut das einzig richtige…und interpretiert die Rolle völlig anders. Und anders als erwartet muss ich sagen: Es gelingt. Rooney Mara bietet eine zierlichere, deutlich verschlossenere Version von Salander – was sie nur noch unberechenbarer macht. In diesem Kontext sind dann auch ihre Taten deutlich überraschender und umso heftiger. Die Wucht und animalische Erotik von Noomi Rapace kann sie nicht verkörpern, was sie aber mit einer etwas mehr mädchenhaften und zögerlich-feminineren Art wieder auszugleichen weiß, die die Beziehung zwischen Blomkvist und ihr interessanter wie auch intensiver macht. Ihre Racheakte wirken in diesem Kontrast schockierender, der Charakter geerdeter und gleichzeitig unberechenbarer. Eine mehr als respektable Performance, die auf andere Art durchaus mit den übergroßen Fußstapfen des schwedischen Originals mithalten kann.

Die anderen Schauspieler werden angesichts des Fokusses der Story auf die beiden Protagonisten zwangsläufig zu Nebencharakteren verdammt, auch wenn hier einige bekannte Namen wie Christopher Plummer (als Henrik Vanger), Robin Wright (als Blomkvists Geliebte und Mitarbeiterin Erika Berger) und Stellan Skarsgård (als Martin Vanger) aufwarten. Alle liefern einen soliden Job ab, auch wenn Skarsgårds Rolle etwas vorhersehbar daherkommt. Und „Emergency Room“-Fanatiker dürfen sich über die Rückkehr von Goran Višnjić aka Dr. Kovač in einer kleinen Nebenrolle freuen.

Also, lohnt sich Verblendung? Nun, für alle, die die Verfilmungen aus Schweden nicht kennen, definitiv. Der Film ist ein düsteres, hartes Krimiepos mit großartigen Schauspielern und einer technischen Perfektion, bei der einem das Herz aufgeht. Alle anderen müssen abwägen, denn die Filme ähneln sich in punkto Look und Atmosphäre sehr, auch wenn Finchers Version im direkten Vergleich trotz einzelner Anpassungen an amerikanische Sehgewohnheiten deutlich vorne liegt. Es ist eine gelungene Neuverfilmung der Bücher von einem Meister seines Fachs. Pflicht für Fincher-Fans, aber auch Kenner der Bücher und/oder der schwedischen Filme sollten mal einen Blick riskieren. Ihr macht auf jeden Fall nichts falsch damit.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Verblendung – Review

  1. Pingback: Gone Girl – Review | gerry42

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s