Metro 2033 – Review

 

Vorweg: Für alle, die sich jetzt fragen „Whut, der Bekloppte reviewt jetzt  auch noch PC-Spiele??? Der kriegt das doch mit den Filmen schon nicht hin!“ oder „Aldah, du riehwiuhst Metro 2033, mach doch ma Modern Warfare 3, du Kacknoob!“ – NEIN! Ich fange jetzt nicht an, auch noch Spiele zu besprechen, da fehlt mir a) die Ahnung und b) die Spiele. Warum nenne ich dann hier überhaupt „Metro 2033“, den postapokalyptischen Ego-Shooter aus dem Jahr 2010? Ganz einfach, weil ich nicht über den postapokalyptischen Ego-Shooter aus dem Jahr 2010 rede, sondern über den Roman von Dmitry Glukhovsky, auf dem das Spiel basiert. Über das Spiel weiß ich sonst nichts, außer dass es existiert. Das ist aber auch nicht weiter wichtig, schließlich geht es um das Buch, das einige Jahre vorher geschrieben wurde. Und das hat es in sich.

Der junge Artjom lebt in einer postnuklearen Welt, die durch Verstrahlung aus einem lange zurückliegenden Krieg an der Oberfläche völlig unbewohnbar geworden ist. Die Überlebenden haben sich in den Untergrund zurückgezogen und im Metro-System eine neue Gesellschaft aufgebaut. Der Frieden in Artjoms Heimatstation WNDCh wird jedoch gefährdet, als mutierte Kreaturen, genannt „Die Schwarzen“, drohen, den Untergrund zu stürmen. Ein geheimnisvoller Soldat namens Hunter findet heraus, das Artjom selbst Schuld an der bevorstehenden Katastrophe sein soll. Deshalb beauftragt er ihn damit, die Gefahr in der Zentralstation Polis zu melden und Hilfe zu holen. Der Weg ist jedoch mit vielen Gefahren gespickt, Artjom muss eingestürzte Tunnel, undichte Gasleitungen und nicht zuletzt gefährliche Gruppierungen wie Faschisten oder Banditen und Mörder in den Stationen selbst überwinden. Und hinter jeder Tunnelecke könnte ein Mutant lauern…

Russische Romane sind im Allgemeinen in den Buchverkaufscharts hierzulande nicht sehr hoch vertreten und werden deshalb gerne übersehen. „Wächter der Nacht“ von Sergej Lukianenko ist da eine der wenigen Ausnahmen. Deshalb fiel Metro 2033 bislang allenfalls zufällig in den Regalen einer Buchhandlung auf. Da ich die genannte „Wächter“-Sage von Lukianenko gelesen hatte und die Story zu Metro 2033 interessant klang, hatte ich es einfach mal auf gut Glück gekauft. Und ich wurde nicht enttäuscht: Während die Story spannend, aber auch etwas formelhaft konzipiert wurde, ist das Setting einfach grandios. Nicht-Kenner der Moskauer Metro sind hier keinesfalls aufgeschmissen, denn Glukhovsky nimmt sich viel Zeit, um seine liebevoll, mit vielen Details gespickte „Welt“ zu erklären und ausführlich aber niemals langweilig zu beschreiben.  Was an der Oberfläche tatsächlich geschehen ist, wird nicht erläutert, es wird mit einigen Andeutungen der Fantasie des Lesers überlassen. Eine sehr gute Entscheidung vor allem deshalb, weil es keine Rolle für die Protagonisten spielt. Wo jeder zweitklassige Film eine halbgare Erklärung abgeliefert hätte (Virus, Weltkrieg, Umbrella-Corporation…), hat es Metro 2033 schlicht nicht nötig. Die Gegebenheiten sind für die Personen im Buch Alltag, sie hinterfragen es nach Jahrzehnten der Gewohnheit nicht mehr und verzichten natürlicherweise auf gezwungene Exposition-Dialoge.

Die einzelnen Stationen werden in der Welt des Romans zu Städten, teilweise richtigen Metropolen, teilweise aber auch Reiche mit eigener fragwürdiger Politik oder Lagerstatt für Mörder oder Halsabschneider. Verschiedene soziale Strukturen werden nach und nach eingeführt und fügen eigene Charaktere und eigene Gefahren zu der Geschichte hinzu, was für Abwechslung und Spannung sorgt. Hinzu kommen die Tunnels selbst, die so lebendig geschildert werden, dass der Leser sich unweigerlich in einen klaustrophobischen Horrorfilm hineinversetzt fühlt. Einen GUTEN klaustrophobischen Horrorfilm wohlgemerkt (damit wäre The Descent 2 raus aus der Nummer :P).

Aber als wäre in dem Roman nicht genug Kacke am Dampfen, fügt Glukhovsky noch ein absolutes Pflichtelement aus jedem postapokalyptischen Buch/Film/Klopapier…ein: MUTANTEN. Und das schon von Anfang an. Ich muss gestehen, das klingt sehr klischeehaft und ich war auch sehr skeptisch, da ich bei Mutanten in einer postapokalyptischen Welt leider mittlerweile immer an „I am Legend“ denken muss (der mit Will Smith, nicht „Der Omega-Mann“ mit Charlton Heston). Ihr versteht mich schon, diese computeranimierten CGI-Enttäuschungen, die aus einem eigentlich saugeilen Film ein allenfalls durchschnittliches B-Movie gemacht hatten. Glukhovsky jedoch umschifft dieses Problem, indem er es größtenteils bei Andeutungen belässt. Wir erfahren sehr schnell, wie sie aussehen und was der Protagonist mit ihnen zu tun hat, doch die „Schwarzen“, wie sie im Buch genannt werden (klingeling, subtile Anspielung, anyone?) tauchen äußerst spärlich auf und werden nach einiger Zeit in den bedrohlichen Wirren der Moskauer Metro sogar zur sekundären Gefahr. Man weiß fast nichts über sie, sie schwirren häufig nur als unterschwellige, omnipräsente Bedrohung in der Luft; teilweise wird sogar sehr geschickt mit dem Leser in Form von Träumen, Illusionen und Halluzinationen in Gasaustritten gespielt. Zum Schluss gibt es dann noch einen Plottwist, der, obwohl er etwas vorhersehbar daherkommt, in sich schlüssig ist und ihr eine recht überraschende Wendung gibt.

Natürlich steht und fällt ein solcher Roman mit seinen Charakteren. Im Gegensatz zu Lukianenkos „Wächter“-Reihe erlebt der Leser die Geschichte aus der Sicht eines einzigen Protagonisten, nämlich Artjom. Er wird sympathisch beschrieben, trotzdem bleibt er etwas formelhaft und unausgereift. Glukhovsky setzt mehr auf die Situationen, in die sein Charakter gerät, worunter die Figurenzeichnung etwas leiden muss. Es fällt aufgrund des exzellenten Settings nicht allzu schwer ins Gewicht, vor allem da sich der Autor einen geschickten Kniff hat einfallen lassen, um Artjom in die Story einzuführen, doch etwas schade ist es schon. Auch die Nebencharaktere werden zu bloßen Begleitern, temporären Weggefährten, Kanonenfutter oder Gefahren degradiert. Das klingt krasser als es tatsächlich ist, immerhin sind sie interessant und abwechslungsreich gestaltet, teilweise skurril oder geheimnisvoll, doch fehlt ihnen allen die gewisse Tiefe, was sie allen letzten Endes zu rein funktionalen Charakteren macht.

Der Schreibstil von Dmitry Glukhovsky ist sehr flüssig und nicht so sperrig oder langatmig, wie das überbordend detailreiche Setting (allein die Metro-Karte im Buchumschlag kann mühelos mit dem Auenland mithalten) vermuten lassen würde. Die bereits erwähnte Arbeit mit Andeutungen tragen dazu bei, dass sich der Roman sehr gut und mitreißend lesen lässt. Der Spannungsaufbau ist nicht ganz klassisch, wird aber kontinuierlich gehalten und wechselt sich passend mit ruhigen Momenten, Dialogen oder Erklärungen ab. Innere Monologe und die Schilderung des Geschehens allein aus der Sicht von Artjom sorgt für das nötige „mittendrin in der Action“-Feeling.

Also, insgesamt ein mehr als empfehlenswertes Buch, nicht nur für Fans des Endzeit-Genres, sondern auch für Freunde von spannendem Survival-Horror. Das Setting ist brillant, detailreich und innovativ, die Spannung sehr gut und geschickt aufgebaut, der Endtwist stimmig, wenn auch für den einen oder anderen etwas vorhersehbar. Lediglich die etwas flachen Charaktere stören ein wenig, doch das vermag den Lesespaß nicht zu trüben. Mich zumindest nicht. Also: Scheiß auf das PC-Spiel, lest ein Buch. Am besten dieses. Es lohnt sich.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s