Drive – Review

Die Oscar-Verleihungen stehen mal wieder vor der Tür (gut, wenn ihr dieses Review ein halbes Jahr später lest, macht diese Einleitung überhaupt keinen Sinn mehr, aber das soll mir jetzt auch egal sein) und die Nominierungen stehen: Absoluter Favorit – das Stummfilm-Drama „The Artist“. Daneben finden sich viele übliche Verdächtige: Spielberg, Scorsese, Woody Allen; auf der Darsteller-Seite George Clooney, Brad Pitt, Meryll Streep (mal wieder) oder Kenneth Branagh. Bis auf ein paar Ausnahmen keine wirklich großen Überraschungen – deshalb verwundert es kaum, dass die Kontroverse in diesem Jahr nicht auf den Nominierungen liegt, sondern vielmehr an der völligen Nichtbeachtung der Academy eines Films, der sich auf dem berühmten Filmfestival in Cannes zum heimlichen und überraschenden Publikumsliebling gemausert hat: Drive. Ein auf den ersten Blick recht unspektakulär anmutender Indie-Film des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn, der bislang allenfalls Filmkennern durch Werke wie „Bronson“, der „Pusher“-Trilogie  oder „Walhalla Rising“ bekannt sein dürfte. Und auch wenn mit dem Begriff „Kultfilm“ heutzutage sehr inflationär umgegangen wird, lohnt sich bei einem in der Kritik so gefeierten Geheimtipp durchaus ein Blick hinein.

Der namenlose Protagonist (Ryan Gosling) führt ein berufliches Doppelleben: Tagsüber verdient er sich als Automechaniker und Stuntfahrer für Filmproduktionen – nachts jedoch wird er zum schweigsamen und höchst effizienten Fluchtwagenfahrer für Kriminelle. Eines Tages verliebt er sich in die hübsche Irene (Carey Mulligan), die mit ihrem kleinen Sohn in dem Nachbarappartment wohnt. Doch deren Ehemann Standard (Oscar Isaac) wird kurze Zeit später aus dem Gefängnis entlassen. Der Protagonist findet heraus, dass Standard der albanischen Mafia Schutzgeld schuldet , weshalb diese ihn brutal zusammenschlagen und Irene und ihren Sohn bedrohen. Ryan Goslings Charakter bietet ihm seine Dienste als Fluchtfahrer für einen Überfall auf ein Pfandhaus anbietet. Doch die Aktion geht fürchterlich schief und der Protagonist findet sich bald inmitten einer Verschwörung wieder, bei der es nur eine Maxime gibt: Töten oder getötet werden.

Die erste Assoziation nach der Storybeschreibung? Schnelle Autos, Fluchtwagen, Mafia…? Richtig, klingt verdammt nach The Fast and the Furious. Eine Annahme, die sich im Laufe des Films als ebenso richtig herausstellt wie Transformers dem Arthouse-Genre zuzuordnen. Drive läuft fernab von markigen Paul Walker-One-Linern und explodierenden Boliden vor Vin Diesels in der Sonne glänzenden Bizeps. Der Aufbau von Drive ist ruhig, langsam, unaufgeregt – und doch nicht zäh. Besonders klar wird das bereits in der Eingangsszene, in der der Driver einen Fluchtwagen-Job für ein Verbrecher-Duo ausführt: Anstelle von schneller Action und explodierenden Autos dominieren stille Spannungsmomente, für die sich Revn viel Zeit nimmt: Es muss nicht viel passieren, damit mehr Spannung aufgebaut wird als durch jede beliebige Filmschießerei. Das macht die einzelnen Action-Momente im Verlauf des Films nur umso effektiver, wuchtiger und eindrucksvoller, zumal sie eindrucksvoll, aber niemals over-the-top oder zum Selbstzweck inszeniert werden.

Es gibt einen gerne benutzten Ausdruck in Filmkritiken, den ich zutiefst hasse: „Der Film entfacht eine geradezu hypnotische Sogwirkung“. Nun kann es natürlich sein, dass ich hier breit lachend in eine selbst aufgestellte Kreissäge laufe, es kann nämlich durchaus sein, dass ich selbst den Ausdruck in ähnlicher Form schon einmal auf meinem Blog verwendet habe; das kann ich nicht genau sagen, sollte dem so sein, schiebt es auf Unerfahrenheit oder was auch immer. Bei Filmen von Refn wird diese absolut nichtssagende Standardphrase auffallend häufig in der Kritik verwendet, auch bei Drive. Und auch wenn ich den Ausdruck nicht mag, kann ich hier zumindest seine Herkunft nachvollziehen: Zu dem sehr stillen, langsamen Aufbau, der Zuschauer mit typisierten Hollywood-Sehgewohnheiten unter Umständen schnell anöden könnte und der sich an manchen Stellen tatsächlich, wie ich gestehen muss, etwas zäh gestaltet, tragen nicht zuletzt die teilweise einfach wunderschönen Bildkompositionen bei: Unterstützt von stilisierter Zeitlupe brennen sich bestimmte Bilder einfach tief in das Gedächtnis ein (mein persönliches Highlight, ohne zu viel spoilern zu wollen: Die Fahrstuhl-Szene. Guckt sie einfach, sie ist grandios und, ganz davon abgesehen, hochspannend). Leider hatte ich bislang noch nicht die Gelegenheit Walhalla Rising von Refn zu sehen, aber nach diesem Film brenne ich geradezu darauf, seine Bildsprache auf weite Landschaften ausgeweitet zu sehen.

Erstaunlicherweise wird im Film verhältnismäßig wenig gefahren, was bei einem Film mit dem Titel „Drive“ recht widersinnig anmutet, doch darum scheint es Refn nicht zu gehen: Viel wichtiger scheint ihm die Charakterstudie: Angetrieben wird das Werk von seinem Protagonisten, der über den ganzen Film hinweg namenlos bleibt. Interessant ist seine Charakterisierung, die überraschend minimal gehalten wird. Der Driver redet nicht viel, schweigt meist und beschränkt sich auf einen recht ausdruckslosen Pokerface-Gesichtsausdruck. Insofern ist es eine wahre Meisterleistung von Ryan Gosling, seinem Charakter allein durch die Mimik und den Ausdruck von Gefühlen ausschließlich durch Blicke die nötige Tiefe zu verleihen. Sein Held wirkt durch einen markigen Zahnstocher und die Schweigsamkeit an die minimalistischen Filmhelden der 70er Jahre à la Steve McQueen oder Clint Eastwood, was der fantastische Old-School Synthie-Score nur noch verstärkt. Aber allein seine Körpersprache und die Mimik sagen insbesondere in den Szenen mit seiner heimlichen Liebe Irene deutlich mehr aus, als es fünfhundert pseudo-smarte Dialoge vermitteln könnten. Gosling besitzt zudem eine unfassbare physische Präsenz, welche es  schafft, selbst Szenen in denen eigentlich nichts passiert eine gewisse Grundanspannung zu verleihen.

Im krassen Kontrast dazu stehen plötzliche, beim ersten Mal sehr unerwartet kommende Gewaltausbrüche, die nur vereinzelt und ganz gezielt eingesetzt werden, dafür aber in all ihrer extremen Drastik gezeigt werden. Gewalt ist ein zentrales Thema in Drive, das nicht direkt angesprochen wird, aber immer präsent ist:  In diesen einzelnen Momenten hält die Kamera schonungslos drauf, doch auch unterschwellig passiert viel in diesem Themengebiet: Besonders in dem Hautcharakter schimmert hinter der ruhigen, distanzierten Fassade immer wieder das Gewaltpotential durch. Er hat ebenso wenig Skupel davor, brutal und gewalttätig zu werden wie seine Verfolger, die eigentlichen „bösen Jungs“. Das wird nicht glorifiziert und wirkt schon durch kunstvolle und subtile Andeutungen im ersten Drittel des Films als Kontrast zu einer bloßen schwarz-weiß-Zeichnung der Charaktere. Und ich kann es nur wiederholen: Gosling stellt diese Zwiegespaltenheit auf subtile Art und Weise grandios und sehr glaubwürdig dar.

Die anderen Schauspieler neben Gosling sind zwar in ihrer Charakterzeichnung etwas reduzierter, doch sind ihre Performances ebenfalls von sehr hoher Qualität. Besonders Albert Brooks als Verbrecher Bernie Rose sticht dabei nicht zuletzt durch die  untypische Rollenbesetzung hervor. Eine so düstere und brutale Rolle hätte man von ihm kaum erwartet und doch schafft Brooks es, die Figur klischeefrei und überzeugend zu verkörpern. Über Oscar Isaac, Christina Hendricks und Carey Mulligan kann man zusammenfassend nur sagen, dass sie ihre jeweiligen Figuren sehr gut und natürlich spielen, auch wenn sie hinter Goslings Charakter deutlich zurückstecken müssen. Lediglich von Ron Perlman hätte ich gerne mehr gesehen; seine Screentime ist viel zu kurz, lässt aber erahnen, dass Potential hinter diesem oft unterschätzten B-Film Schauspieler steckt.

Tja, sollte ich Drive empfehlen? Wieder mal einer dieser Geheimtipps, der eindeutig nicht jedem zusagen wird. Drive ist sehr langsam gehaltenes Erzählkino mit einer Figur im Stil der 70er Jahre-Helden. Die Bildkompositionen sind grandios, sofern man sich auf sie einlassen kann. Für viele wird das Tempo zu zäh und langatmig sein und ich muss gestehen, ein paar Szenen ziehen sich doch etwas und hätten den einen oder anderen Schnitt vertragen. Doch der Spannungsgrad ist auf seine eigene Art sehr hoch, die Gewaltausbrüche heftig, die Geschichte spannend und der Score wunderbar altmodisch. Was die bevorstehenden Oscar-Verleihungen anbelangt (um mal wieder die Brücke zum Artikelanfang zu schlagen): WO IST DIE VERDAMMTE OSCAR-NOMINIERUNG FÜR RYAN GOSLING???

So und nicht anders, Kollegen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s