Ziemlich beste Freunde – Review

 

Die Deutschen und ihre Filmtitel. Nein, lasst mich, ich fange NICHT mit dem Review an, bevor ich nicht meinem Ärger darüber Luft gemacht habe. Das wird jetzt durchgezogen und ihr habt keine andere Wahl! Dass die deutschen Übersetzer schon so manchen englischsprachigen Filmtitel absolut verhunzt haben, ist kein Geheimnis, das war ja schon damals bei „Zwei glorreiche Halunken“ (Originaltitel: „The Good, The Bad, The Ugly“) oder „Ritter der Kokosnuss“ (eigentlich „Monty Python and the holy grail“) gang und gäbe. Aber mittlerweile sollte man ja meinen, dass wir im 21. Jahrhundert in einer Zeit angelangt sind, in der man Filmtitel (sofern sie nicht grade unübersetzbare Wortspiele oder Redewendungen enthalten) getrost wörtlich übersetzen kann. Aber nope – einmal kurz geblinzelt und schon wird aus dem neusten Kassenschlager aus Frankreich „Intouchables“ (also: Die Unberührbaren oder Die Unantastbaren) kaltblütig ein „Ziemlich beste Freunde“. Warum das ein Problem ist? Weil solch ein verfälscht lahmer Titel ganz schnell entscheidend sein kann, bei der Frage, ob man in diesen Film ins Kino geht oder nicht. „Ziemlich beste Freunde“ klingt vielleicht nach seichter MDR-Unterhaltung am Vorabend oder einer neuen Til Schweiger-Komödie (hups, hab ich das etwa laut gesagt >:-D), aber nicht unbedingt nach einem wirklich sehenswerten, interessanten Film.

So, genug außerhalb des eigentlichen Themas gewettert, es geht um den Film. Glücklicherweise scheinen die deutschen Kinogänger ihre Pappenheimer zu kennen und haben sich nicht von dem recht lahmen Titel abschrecken lassen: Bislang hatte „Ziemlich beste Freunde“ allein in Deutschland über 4,8 Millionen Zuschauer, ein neuer Rekord, der sogar den französischen Überraschungshit „Willkommen bei den Sch’tis“ (2,3 Millionen Kinogänger in Deutschland) aus dem Jahr 2008 lässig unter den Teppich pustet. Ganz zu schweigen von Frankreich selbst: Über 19 Millionen Franzosen verschafften dem Film von Olivier Nakache und Éric Toledano den Status der erfolgreichsten Komödie 2011. Zeit also, dem Hype ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

„Ziemlich beste Freunde“ erzählt die Geschichte des Millionärs Philippe (François Cluzet), der seit einem Paragliding-Unfall vom Hals abwärts gelähmt ist und eine neue Pflegekraft sucht. Dabei trifft er auf den schwarzen Arbeitslosen Driss (Omar Sy), der eigentlich kein Interesse an dem Job hat und nur eine Unterschrift für das Arbeitsamt haben will. Philippe gefällt die erfrischend mitleidlose sarkastische Art von Driss und er stellt ihn ein.  Zunächst fällt es den beiden schwer, sich aneinander zu gewöhnen, doch schnell schließen sie sich gegenseitig ins Herz und profitieren voneinander: So führt Philippe Driss an die klassische Musik und die Malerei heran, im Gegenzug zeigt Driss seinem neuen Freund moderne Hip Hop-Moves und hilft ihm, sich in Sachen Liebe endlich durchzusetzen und die Frau anzusprechen, die er aus der Ferne verehrt. Doch dann entscheidet sich Driss zu gehen, um sich um seine arme Familie zu kümmern, was Philippe in eine schwere Krise stürzt.

Wie ich ja immer zu predigen pflege: Es kommt nicht immer auf die Originalität einer Story an, auch die Umsetzung ist entscheidend. „Ziemlich beste Freunde“ hat keine besonders originelle Story. Es ist eine weitere Abwandlung des alten „Zwei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten treffen aufeinander“ – Prinzips, in diesem Fall halt mit einer Behinderung eines Protagonisten. Und ja, natürlich gibt es einige Fish out of water Situationen, in denen die Komik daraus entsteht, dass der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Driss plötzlich im Haus eines wohlhabenden Menschen wohnt (ganz im Stil von „Die Glücksritter“ mit Eddie Murphy und Dan Akroyd). Natürlich düfen da Elemente wie klassische Musik vs. Hip Hop- oder Gesang in der Badewanne nicht fehlen. Nicht wirklich neu und unzählige Male durchexerziert – trotzdem ist „Ziemlich beste Freunde“ kein Durchschnitt.

Man sieht von der ersten Szene an, dass hinter diesem Film mehr steckt, als bloß ein uninspiriertes Drehbuch mit Standard-Plotelementen. Die Inszenierung ist locker, gefühlvoll und mit Herzblut. In knapp 110 Minuten schaffen es die Regisseure, eine simple Geschichte (die auf wahren Begebenheiten beruht) mitreißend und warmherzig zu erzählen und rüberzubringen. Dabei machen sie es sich jedoch nicht so einfach, auf die Tränendrüse zu drücken, sondern verzichten bereits in der ersten Szene auf eine Einführung in die Geschichte. Stattdessen eröffnet der Film mit einer rasanten Verfolgungsjagd mit der Polizei durch das nächtliche Paris, infolgedessen Philippe den verwirrten Polizisten sogar einen urkomischen Krampfanfall vorgaukelt, um einer Verhaftung zu entgehen. Wem das schon zu hart an der Grenze des guten Geschmacks ist, der sollte an dieser Stelle besser aufhören, den Film zu sehen, denn Philippes Behinderung wird mehr als nur einmal für Gags, die tief im schwarzen Humor verwurzelt sind, genutzt („Keine Arme, keine Schokolade“). Das Kunststück dabei: Der Film schafft es, trotz aller Witze den Respekt gegenüber dem Charakter und seiner Behinderung zu bewahren. Niemals wird es billig oder geschmacklos, aber auch nicht laff oder harmlos (Stichwort: Darmentleerung…). Dabei halten die Regisseure die Waage zwischen Humor und Ernsthaftigkeit auf gelungene Art und Weise, ohne das typische Hollywood-Baukasten-Modell (Erste Hälfte witzig, zweite Hälfte gefühlvoll) anwenden zu müssen.

Dass der Film so gelungen ist, liegt nicht zuletzt an den Hauptdarstellern bzw. ihren Charakteren. Zwar muss ich sagen, dass der Hintergrund von Driss und seine Situation nur angeschnitten wird und nicht gerade in die Tiefe geht (vor allem hört der Nebenplot mit seiner Familie kurz vor Ende einfach auf), doch der Fokus auf der Chemie zwischen den beiden Darstellern entpuppt sich als völlig richtige Entscheidung: Omar Sy und François Cluzet spielen einander in bester Spielfreude die Bälle zu und verleihen den lustigen wie auch ernsten Momenten eine unfassbare Dynamik und Glaubwürdigkeit und schaffen es so, dass man auch über die angesprochenen Klischeemomente nur zu gerne hinwegsieht. Wo „Willkommen bei den Sch’tis“ auf skurrile Figuren und Slapstick-Einlagen setzte, punktet „Ziemlich beste Freunde“ mit einer geerdeten, aber niemals langweiligen Charakterzeichnung. Besonders François Cluzet stellt Philippe sympathisch und selbstironisch, aber immer auch mit Würde dar, während Omar Sy zwar manchmal an der Grenze zur überdrehten Komik von schwarzen Schauspielern wie Chris Rock steht, diese aber glücklicherweise nie überschreitet; auch in den ernsten Momenten überzeugt Sy durch ein subtiles, feinfühliges Spiel, auch wenn ich mir mehr Konsequenz in Bezug auf seine Hintergrundgeschichte gewünscht hätte.

Also, Hype hin oder her, „Ziemlich beste Freunde“ ist tatsächlich ein ziemlich guter Film (…aua…). Fernab von Standard-Komödien Bauart Hollywood ist der Film sehr lustig, konsequent in seinen Gags, schwarzhumorig, aber ebenso gefühlvoll und ernst. Dass das Drehbuch nicht sonderlich originell ist (ja, ich weiß, wahre Begebenheit und so…aber der Plot war einfach schon hundertfach da), wissen die beiden Hauptdarsteller durch ihr großartiges Spiel wieder auszugleichen. Durchweg unterhaltend hinterlässt der Film seinen Zuschauern einfach ein positives Gefühl. Und wenn das kein Argument für einen Film ist, weiß ich auch nicht weiter.

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