Iron Sky – Review

Wenn man heutzutage etwas von „Kult“ hört, dann kann man zumeist seinen Brotaufstrich darauf verwetten, dass das betreffende Produkt durch das Internet verbreitet wurde. Sei es ein obskures Youtube-Video, sei es die übertriebene Götzenanbetung einer Person (hab ich da Chuck Norris gehört?) oder sei es ein Film, der schon vor seinem Start in den Himmel gehypet wird. Der gemeine Filmemacher per se ist ja nun kein absoluter Vollpfosten (Regisseure, die mit Michael anfangen und mit Bay aufhören, ausgenommen) und weiß um die Macht des schnelllebigen World Wide Webs, mit deren Hilfe Kult binnen Sekunden weltweit verbreitet werden kann. Warum diesen Vorabhype also nicht nutzen, um den eigenen Film zu finanzieren. Der Finne Timo Vuorensola ist einer dieser Schlauköpfe. Er wusste, dass eine völlig obskure Idee reichen kann, um schnell eine große Menge von filmverrückten Trashfreunden für das Projekt zu begeistern und zu mobilisieren. Crowdfunding heißt das Stichwort. Und so musste Vuorensola nur einmal „Nazis auf der Rückseite des Mondes rufen“ und Peng – schon bekam er rund 900.000 Euro sowie eine ansehnliche Vorab-Fanbase zusammen und Iron Sky konnte (natürlich mit der Hauptfinanzierung durch Stiftungen und Filmförderungen) gedreht werden.

Wir schreiben das Jahr 2018 und die USA schickt den ersten Afroamerikaner, James Washington (Christopher Kirby) auf den Mond, eine Wahlkampfaktion zur Wiederwahl der derzeitigen Präsidentin (Stephanie Paul). Dort entdeckt der Astronaut ein gigantisches Bergwerk, in dem eine Nazi-Armee ihre Basis aufgeschlagen haben, und wird von diesen gefangen genommen. Unter der Herrschaft des neuen Führers Kortzfleisch (Udo Kier) waren diese nach Kriegsende mit einer Flotte von Reichsflugmaschinen auf den Mond geflüchtet. Der Führer schickt seinen besten Offizier und Nachfolger in spe Klaus Adler (Götz Otto) auf die Erde, um die aktuelle Lage auszukundschaften und eine Invasion „zur Vernichtung aller Untermenschen“ vorzubereiten. Nun liegt es an Washington und der naiven SS-Offizierin Renate (Julia Dietze), die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren und den Angriff auf die USA zu stoppen.

Eins vorneweg: Man darf für diesen Film nicht empfindlich sein. Wer nach wie vor ein Problem mit Witzen über Hitler und den Nationalsozialismus hat, sollte um Iron Sky einen großen Bogen machen. Denn schon der furiose Anfang, der die gewaltige Mondstation der Nazis in Hakenkreuz-Form präsentiert, macht keine Gefangenen und naturgemäß macht der Film keinen Halt vor dem übermäßigen Gebrauch von Swastikasymbolen. Trotzdem wird der Nazikult an keiner Stelle überhöht, verharmlost oder verherrlicht, sondern stattdessen in bester Trash-Manier satirisch demontiert und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Ich muss ja zugeben: Die Prämisse des Films ist klasse. Allein die Trailer-Tagline: „You all know what I’m talking about, Ladys and Gentlemen – MOTHERFUCKING SPACE NAZIS!“ verdient einen eigenen Preis. Aber eine geniale Grundidee macht noch lange keinen genialen Film aus. Das Hauptproblem in Iron Sky liegt in seiner Kontinuität: Ein roter Faden ist nämlich kaum vorhanden. Die Befragung des Gefangenen, die Erkundung der USA (natürlich inklusive des obligatorischen Fish out of water-Szenarios), die neu angelegte Kampagne der Präsidentin nach „Beratung“ von Klaus Adler, die Läuterung Renates, der Konflikt der Weltmächte um einen in den letzten Minuten des Films noch eingeführten Rohstoff – diese und noch viel viel mehr Elemente werden in die knapp 90 Minuten förmlich hineingestopft. Leider führt die schiere Fülle an Themen und Plotlines dazu, dass sie nur angerissen und nie wirklich ausgespielt werden können. Die Dramaturgie wie auch die satirische Kritik an der Kriegstreiberei und dem Glauben an totalitär-radikale Botschaften der Amerikaner bleiben dabei auf der Strecke, der Film wirkt unglaublich bruchstückhaft. Ich vermute, das resultiert aus dem zugrunde liegenden Crowdfunding-Prozess, infolgedessen die Fans ihre eigenen Ideen einbringen konnten. Doch genauso wirkt Iron Sky an manchen Stellen leider: Wie ein zerstückeltes Sammelsurium von Ideen und Gags, die einfach zu viel für einen Film sind und sich dadurch quasi gegenseitig behindern.

Da Iron Sky jedoch keine bierernste Geschichtsstunde (da hätte wohl jemand ausgiebigst geschwänzt 😀 ) sondern ein Partyfilm und Komödie sein will, zählt natürlich in erster Linie nicht der Plot, sondern der Unterhaltungswert. Und der ist, das muss ich einfach sagen, sehr hoch. Iron Sky besticht durch seine erstaunlich hohe Gagdichte und seinem spürbaren Spaß an sich selbst. Nicht jeder Witz sitzt, bei weitem nicht: Viele Gags sind unglaublich flach und manchmal einfach unfassbar dämlich. Bestes Beispiel ist die offensichtlich an Sarah Palin angelehnte Präsidentin von Amerika, deren aufgedrehte Attitüde und platten Sprüche einfach mal so gar nicht zünden. Aber hier ist es die Masse, die es macht. Das Tempo ist atemberaubend und der Film selbst nimmt sich nicht eine Sekunde lang ernst, wie man es nach diversen Trailern hätte vermuten können. Und dazwischen verbergen sich nichtsdestotrotz einige gut getimete und vereinzelt sogar brüllkomische Lacher. Nicht zuletzt trägt auch das bizarre Szenario entscheidend dazu bei, dass Iron Sky so ein kurzweiliges Spektakel ist. (Man sollte es allerdings vermeiden, den Film im Kino mit einem Haufen Vollidioten zu sehen, für die schon das Wort „Neger“ ausreicht, um in hysterisch-affenartiges Gelächter à la „Höhöhö, hasse gehört, er hat Neger gesagt, höhöhö, hasse gehört, Kalle?“ auszubrechen

Positiv hervorzuheben sind in Iron Sky jedoch eindeutig die Effekte, die fast schon auf Blockbuster-Niveau spielen. Ob die Swastika-Mondstation, die Mörderwaffe „Götterdämmerung“ oder die Steampunk-Alptraum-Versionen des Hindenburg-Zeppelins – die Tricks sind beeindruckend und sorgen für krachende neofuturistische Action, die besonders im Finale besonders spektakulär zum Tragen kommen.

Um hier nicht zum spaßlosen Oberanalytiker zu mutieren: Nein, ich erwarte keine bis ins Detail ausgearbeiteten Charaktere und realistischen Dialoge in einem Film über Mond-Nazis. Insofern machen die Schauspieler hier alles richtig: Christopher Kirby überzeugt als sympathischer Kämpfer für das Gute, der ein paar flotte Sprüche loslassen darf und dem die Nazis in seiner Gefangenschaft eine besondere „Behandlung“ zukommen lassen. Dass er sich letzten Endes in Renate verliebt – ja, komm, geschenkt, wie bereits gesagt, Realismus erwartet hier niemand und der Love-Story werden gerade mal ein paar Sekunden Spielzeit gegönnt, tut also niemandem weh das ganze. Julia Dietze schlägt sich ebenfalls sehr gut als blauäugige, überzeugte Nationalsozialistin, die sich letztlich auf die Seite von Washington schlägt und im Finale selbst gehörig auszuteilen weiß (Stichwort: hochhackige Pumps…geklauter Gag, trotzdem witzig). Ihr Charakter leidet allerdings entschieden unter dem übervollen Plot, sodass sowohl ihre grundsätzliche Überzeugung, als auch das Fish out of water-Szenario auf der Erde sowie ihre letztendliche Läuterung viel zu kurz kommen.

Götz Otto merkt man seinen Spaß als böser SS-Mann in jeder Sekunde an. Er trumpft förmlich auf und spielt so übertrieben und abgedreht, dass es eine wahre Freude ist, ihm zuzusehen. Meine persönliche Lieblingsszene: Als er im weißen Haus im Hintergrund des Bildes mit hinreißender Theatralik einen ausgestopften weißen Wolf streichelt, während Renate ihr persönliches verklärtes Bild vom Nationalsozialismus präsentiert. Für Trashfans ein weiteres kleines Highlight: B-Movie-Ikone Udo Kier als Führer Kortzfleisch. Mal ehrlich: Wer, wenn nicht Kier? Eine Besetzung, die einfach wie Faust aufs Auge passt, nicht zuletzt, da Kier schon im Grindhouse-Fake-Trailer-Projekt „Werewolf women of the SS“ von Rob Zombie den Nazi in sich entdecken durfte.

Ist Iron Sky also der erhoffte Kultfilm? Ja und Nein. Der Film verspielt leider viel von seinem Potential durch ein übervolles Skript und viel zu viele Ideen und Ansätze, die nie vollständig ausgespielt werden. Zudem sind nicht wenige Gags und Kalauer unfassbar flach und dämlich geraten. Ausgeglichen wird das Ganze aber durch ein sehr hohes Tempo, coole Einfälle, blockbusterreife Steampunk-Effekte und eine hohe Spielfreude. Die Filmemacher nehmen ihr Werk zu keiner Sekunde ernst, scheren sich keinen Deut um vermeintliche Tabus und haben einfach nur Spaß an ihrem Film. Und das überträgt sich schlussendlich auch zwangsläufig auf den Zuschauer.

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