Der David ist dem Goliath sein Tod (Torsten Sträter) – Review

Dichten ist eine brotlose Kunst. Und eine ziemlich lahme und uncoole noch dazu. Wer gibt schon gerne vor seinen Kumpels in der Kneipe damit an, Texte oder Gedichte zu schreiben? Die sprichwörtliche Dichterlesung mit Wasserglas wie sie Loriot in Pappa ante Portas so herrlich zu parodieren wusste, konnte die Jugendlichen schon vor gut 10 Jahren nicht hinter der Zentralheizung vorlocken. Jedenfalls solange, bis ein gewisser Marc Kelly Smith aus Chicago den Poetry Slam erfand. Zu Beginn noch eine kaum bekannte Untergrundkultur, die nur langsam zu Deutschland Clubs und Kneipen herüberschwappte, erfreut sich der gnadenlose Bühnenwettstreit hierzulande mittlerweile zunehmender Bekanntheit (die deutschsprachigen Meisterschaften 2011 wurden in der O2 World in Hamburg vor gut 4000 Zuschauern ausgetragen, nur mal so als Hausnummer).

Das Prinzip ist sehr einfach: Auf einem Poetry Slam treten Poeten jeden Alters mit ihren Texten, die sie vor Publikum auf einer Bühne performen, gegeneinander an. Einzige Bedingungen: Der vorgetragene genreunabhängige Text muss aus der eigenen Feder stammen, Requisiten sind nicht gestattet und jeder Teilnehmer hat ein Zeitlimit von 5-6 Minuten. Am Ende stimmt das Publikum über den besten Text des Abends ab.

So warum habe ich jetzt gut 2 Absätze damit verschwendet, das Prinzip des Poetry Slams darzulegen (ich hab mich ja schon kurzgefasst, Mensch) ohne auch nur einen Zacken rezensiert zu haben? Zum Einen, um die kulturlosen Banausen unter euch, die noch nie einem solchen Event beigewohnt haben, nahezulegen, mal einen solchen Poetry Slam zu besuchen, sei es als Zuschauer, sei es als Teilnehmer. Es lohnt sich und ich schwöre, dass ihr es nicht bereuen werdet. Zum anderen, weil ich jetzt in einem (unfassbar gewollten, ich weiß) Kunstgriff auf meinen ersten Satz zurückgreifen werde: Dichten ist eine brotlose Kunst. Auch das stimmt mittlerweile nicht mehr wirklich, denn der Slam hat schon so manche  Autoren deutschlandweit berühmt gemacht. Sebastian 23 ist sogar schon bei TV Total und im Quatsch Comedy Club aufgetreten und viele Slammer wie Patrick Salmen, Mischa-Sarim Verollet, Andy Strauß oder Jan-Philipp Zymny haben bereits ihre eigenen Bücher herausgebracht. So, und damit kommen wir dann auch mal endlich zum Review-Teil, denn einer meiner absoluten Lieblingsslammer hat unlängst selbst ein Buch veröffentlicht, das ich an dieser Stelle mal genauer unter die Lupe nehmen will.

Torsten Sträter ist laut Klappentext „Jahrgang 1966, von Beruf Ruhrpott“ und gehört zu der Kategorie Slammer, die Texte im Comedy-Stil schreiben und performen. 2009 und 2010 wurde er dank seinen unverkennbar trockenhumorigen Situationskomik-Vorträgen mit Dortmunder Einschlag NRW-Meister. „Der David ist dem Goliath sein Tod“, das 2011 im Carlsen Verlag erschien, ist nicht Sträters erstes Buch, insgesamt hat er bereits vier im Eldur-Verlag erschienene Werke auf seinem Konto, die ich jedoch bislang nicht gelesen habe.

„Der David ist dem Goliath sein Tod“ ist dabei kein zusammenhängender Roman sondern eine Sammlung von kurzen Texten, die in der Regel nicht länger als 15 Seiten sind. Einige davon dürften dem geneigten Slam-Besucher bekannt sein wie „Mein Freund der Bademantel“, „Liebesbrief“ oder, mein persönlicher Lieblingstext „Klassenpflegschaft“. Eine inhaltliche Verbindung gibt es dabei nicht, vielmehr bündelt Sträter seine Kurzgeschichten in zwei Gruppen: „Früher“ und „Jetzt“. Unterscheiden tun sich die Texte der jeweiligen Kategorien nur darin, dass die „Früher“-Geschichten eine Art fiktiven Rückblick in der Vergangenheitsform bilden, während der Teil „Jetzt“…naja, im Jetzt spielt, halt.

Der Schreibstil Sträters ist schnell, in kurzen Sätzen und sprachlich einfach gehalten. Das ist nichts negatives, im Gegenteil, vielmehr verleiht er den episodenartigen Kurzgeschichten einen Fluss, der dazu führt, dass man sie innerhalb von wenigen Minuten durchgelesen hat. Vor allem aber sind sie lustig, extrem lustig sogar. Die Gefahr, dass Slam-Texte durch die Performance des Autoren getragen werden und in Buchform nicht funktionieren, ist hier nicht vorhanden. Sicher, die Lektüre des Buches wird noch witziger, wenn man im Hinterkopf den unverwechselbaren Lesestil von Torsten Sträter hört, aber auch beim bloßen Lesen sind viele Texte einfach brüllkomisch. Ich bekomme selten Lachanfälle beim Lesen (das ist bei mir eher etwas gechillter und ruhiger), aber hier kann ich garantieren, dass ihr ohne Lachtränen nicht mehr aus der Nummer, sprich: dem Buch herauskommt. Trockener Humor voller Übertreibungen, absurder Schilderungen von skurrilen Alltagssituationen und immer mit einem guten Schuss Dortmunder Mundart (Zitat: „Ich pöl dir gleich deinen Ziegenarsch weg, du Tünnes!“) versetzt – eine teuflische Mischung.

Das im handlichen Taschenbuchformat gehaltene Werk enthält insgesamt 19 Kurzgeschichten plus kurzem satirischen Ratgeber „Wie schreibt man wirklich erfolgreich?“ und Hidden Track. Alle sind auf extrem hohen Niveau, wenn auch meiner Meinung nach ein paar Texte nicht ganz so gelungen sind wie andere (was trotzdem noch extrem viel heißen will – was ich nicht alles an Gliedmaßen aufgeben würde, um auch nur einen der „schlechteren“ Texte mein Eigen nennen zu dürfen): „Mein erster Kinobesuch“ beispielsweise, der von Sträters fiktiver Obsession mit dem Karamellkern in Milchspeiseeis handelt, ist absolut abgedreht und übertrieben, wirkt auf mich aber schlussendlich etwas zu bruchstückhaft und gezwungen. „Russisch Lloret“ und „Täuschend echte Erholung“ sind Schilderungen von Urlaubstrips, die schnell zum Alptraum werden. Beide sehr lustig und wunderbar geschrieben, keine Frage, aber insgesamt haben sie mich dann doch etwas zu sehr an Tommy Jaud erinnert. Nicht so mein Fall.

Dafür entschädigt der gesamte Rest des Buches, in dem sich ein Highlight an das nächste reiht. Ursprünglich wollte ich hier jeden Text einzeln durchgehen, aber a) hab ich ohnehin schon wieder viel zu viel geschrieben und b) möchte ich so wenig wie möglich vorwegnehmen – die Lachanfälle sind durch den Überraschungseffekt nur umso größer. Doch neben Brüllertexten wie „Die Sache mit Struppi“, „Mein Diät-Tagebuch“ und so vielen anderen Titeln setzt Sträter auch auf ruhigere, ernstere Töne: „Nusspli für Sinatra“ ist von außen immer noch ein astreiner Comedy-Text mit humorvollen Schilderungen und Dialogen – doch im Kern ist die Geschichte eine Liebeserklärung an die Musik von Frank Sinatra, der man einfach die absolute Ehrlichkeit und Leidenschaft in jeder liebevoll geschriebenen Zeile anmerkt. Und „Größer und Billiger“ ist ein völlig untypischer, nachdenklicher Text, den Sträter völlig zu Unrecht selbst am Ende als „Nichts halbes und nichts ganzes“ bezeichnet.

Insgesamt zeigt „Der David ist dem Goliath sein Tod“, dass Slam-Texte nicht nur auf der Bühne, sondern auch in Buchform perfekt funktionieren können. Gleichzeitig ist das Buch ein Comedy-Highlight, bei dem man sich in der Bahn oder auf Bahnhöfen mehr als zusammenreißen muss, um nicht lauthals loszugeiern. Der Schreibstil ist locker und trocken, die Texte abartig lustig, das Buch einen Kauf wert. Also Leute, holt euch dieses Buch. Und seht euch Torsten Sträter auf der Slam-Bühne oder auf Youtube an. Euer Zwerchfell wird es euch danken.

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Ein Gedanke zu “Der David ist dem Goliath sein Tod (Torsten Sträter) – Review

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