Marvel’s The Avengers – Review

 

Lasst mich gleich vorab mal die Fronten klären: Ich bin kein Avengers-Fan. Ja, steinigt mich ruhig, aber mich interessieren Captain America, Thor etc. einfach nicht besonders. Ich habe, mit Ausnahme von Iron Man 1 (lief mal im Fernsehen), keinen der vorangegangenen Filme zu den Marvel-Helden gesehen; Iron Man war einigermaßen unterhaltsam und lebte vor allem von seinem glänzenden Hauptdarsteller, ansonsten war er allerdings in meinen Augen eher lahm, lang und weilig. Danach war mein Interesse für all diese Nachfolge-Filme dahin und es ist bis heute nicht zurückgekehrt. Also nein, ich weiß im Wesentlichen so gut wie gar nichts über die Hintergrundgeschichte der Avengers; dieser Umstand ist vielleicht ein Nachteil, ermöglicht mir jedoch gleichzeitig eine etwas andere Sichtweise auf den aktuellen Sommerblockbuster-Hit: Nämlich den Blick eines unbeteiligten Außenstehenden, der den Film ungeachtet jeglichen Fanboytums als eigenständiges Werk betrachten kann. Also, funktioniert The Avengers als alleinstehender Film für Nichtkenner der Comics oder der Filme?

Die Geheimorganisation S.H.I.E.L.D. unter Direktor und Spion Nick Fury (Samuel L. Jackson) versucht, den in „Captain America – The First Avenger“ vorgestellten Tesserakt als unerschöpfliche Energiequelle zu nutzen. Wie es sich für gute MacGuffins gehört, läuft alles nicht so wirklich wie es sollte und der leuchtende Power-Kubus öffnet stattdessen ein Portal in eine andere Dimension, was sich der asische Gott der Lügen Loki (Tom Hiddleston) zunutzen macht, um durch das Portal auf die Erde zu gelangen, sich den Würfel unter den Nagel zu reißen und seine hochtrabenden Pläne zur allgemein unter Bösewichten begehrten Weltherrschaft umzusetzen. Fury hat daraufhin keine andere Wahl, als ein Team aus den mächtigsten Superhelden der Welt – bestehend aus Tony Stark aka Iron Man (Robert Downey Jr.), Steve Rogers aka Captain America (Chris Evans), Bruce Banner aka Hulk (Marc Ruffalo), Natasha Romanov aka Black Widow (Scarlett Johansson), Clint Barton aka Hawkeye (Jeremy Renner) und Thor aka…well, fucking Thor (Chris Hemsworth) – zusammenzustellen. Schnell geraten die großen Egos der Platzhirsche aneinander, doch um Lokis gewaltige Armee zu stoppen, müssen die Avengers ihre Differenzen beiseite legen.

Puh, nach zweineinhalb Stunden Bumms und Krawall, wo fange ich da an? Marvel’s The Avengers fackelt nicht lang und nimmt keine Rücksicht auf Neueinsteiger. Charaktere und Handlungselemente aus den einzelnen Avengers-Filmen werden nicht vorgestellt, was allerdings auch völlig verständlich und richtig ist, schließlich hat jeder einzelne der Charaktere (mal abgesehen von Hawkeye und Black Widow) einen eigenen Film zur Etablierung erhalten. Besonders tragisch ist das auch nicht, denn Komplexität ist etwas, das man der Handlung von The Avengers nun wirklich nicht vorwerfen kann. Wir haben das Standard- „Bösewicht will die Weltherrschaft übernehmen“-Szenario, das keine Überraschungen oder Neuerungen bietet. Der Handlungsverlauf (inklusive klassischer 3-Akt-Struktur, „Twists“ und MacGuffin) bleibt vorhersehbarer Action-Blockbuster-Standard (Nick Fury hat „überraschend“ ein dunkles Geheimnis, das die Gruppe zu spalten droht…oho, what a twist!). Aber klar, etwas großartig anderes hat man ja auch im Vorhinein nicht erwartet und ich wäre verdammt blöde, würde ich so etwas von diesem Film verlangen. Joss Whedon will keine vielschichtige oder komplizierte Story erzählen, er bietet seinen Zuschauern das, was sie von dem Film erwarten: Action und das Zusammenspiel der ikonischen Charaktere.

Okay, nehmen wir uns mal die Action vor: Ich hatte ja, als ich damals den Trailer zum Film gesehen hatte, die berechtigte Befürchtung, dass The Avengers auf ein gigantomanisches Explosionsfest der Marke Transformers hinauslaufen würde. Sowas hasse ich wie die Pest. Glücklicherweise erweist sich diese Vermutung nur als bedingt richtig. Klar, gerade im Finale fliegt alles in die Luft, was nicht bei drei im nächsten Baumarkt verschwunden ist und die Kämpfe mit den roboterartigen Chitauri (sowie gigantischen fliegenden Bandwürmern…ja, ihr habt richtig gelesen) gehen dann gegen Ende tatsächlich etwas sehr generisch in Explosionen und Effektgewittern unter. Davon abgesehen sind die Action-Szenen erstaunlich kurzweilig und abwechslungsreich inzeniert. Viele Ruhepausen nimmt sich der Film nicht, ein Großteil der zweieinhalb Stunden Laufzeit besteht aus Action, Action, Action. Maßlos übertrieben natürlich und teilweise einfach lächerlich (ein fliegender Flugzeugträger, der sich bei Bedarf unsichtbar machen kann…ich hinterfrage das einfach mal nicht). Trotzdem gelingt Whedon das Kunststück, dass dieser Overkill nach einer gewissen Zeit nicht allzu ermüdend wirkt. Vor allem schafft er es, trotz der hohen Anzahl an Protagonisten, keinen einzigen aus den Augen zu verlieren und jeden in den Action-Sequenzen sinnvoll einzubinden. Jeder bekommt Zeit und Gelegenheit, zu glänzen. An den Effekten gibt es nichts zu mäkeln, Feuerbälle, Blitze und einstürzende Neubauten sind state-of-the-art. Sehr angenehm auch, dass auf allzu hastige Schnitte und Wackelkamera verzichtet wurde, sodass man tatsächlich etwas von der Action sehen kann. Vom Hocker reißt es dann trotzdem nicht, irgendwie hat man das Gefühl, das alles schon hundertfach gesehen zu haben; abwechslungsreich genug, um nicht zu langweilen, ist das aber dennoch.

Deutlich interessanter ist die Interaktion der einzelnen Helden. Für sich genommen sind sie sehr simpel gehalten und jeder einzelne hat im Wesentlichen eine spezifische  Charaktereigenschaft vom Reißbrett (jedenfalls soweit ich das allein aus diesem Film beurteilen kann): Captain America ist der entschlossene Anführer der Gruppe, idealistisch, ironiefrei, langweilig. Thor ist der Gott aus einer anderen Welt, der mit den Eskapaden seines durchgeknallten Bruders zu kämpfen hat (ein innerer Konflikt, der sehr halbherzig angedeutet wird). Bruce Banner/Hulk ist der ruhige besonnene Pol der Gruppe, in dem eine unkontrollierte Bestie schlummert und der so ganz nebenbei die witzigste Szene des gesamten Films hat). Black Widow ist die einzige Frau im Team und darf also die klassische Femme Fatale spielen. Iron Man ist der überhebliche, ironische und egoistische lebende One Liner der Truppe und darf einen blöden Spruch nach dem anderen aus seiner Helm-Dose feuern. Hawkeye wird zu Beginn gegen seinen Willen auf die Seite des Bösen gezwungen, nach seiner Befreiung hat er allerdings keine nennenswerten Charaktereigenschaften – er ist…da. Und schießt mit dem Flitzebogen. Oh, the excitement! Seine besten Momente hat der Film dann, wenn diese verschiedenen Persönlichkeiten aufeinander losgelassen werden. Die Konflikte und Streitereien bringen Dynamik in das wilde Treiben, wobei die simplen Eigenschaften der Figuren perfekt gegeneinander ausgespielt werden. Ego trifft auf andere Art von Ego, da ist Zoff vorprogrammiert. Und das macht Spaß, ist spannend und witzig zugleich und grenzt The Avengers durch gut geschriebene Dialoge von seelenlosen Dunghaufen à la Transformers ab.

Ein weiteres gelungenes Kunststück gelingt Whedon mit seiner Interpretation der Hulk-Figur. Intelligenterweise zögert er desser Verwandlung heraus, zeigt sehr detailiert den introvertierten Banner und lässt den Zuschauer spüren, wie sehr es unter der Oberfläche brodelt. Der Spannungsaufbau wird bis zur unausweichlichen Eskalation effektiv angezogen, wobei das Endergebnis nach dem ganzen Tamm-Tamm dann doch etwas enttäuschend wirkt. Und zu einer nicht unerheblichen Logiklücke führt das Ganze dann auch noch: Wenn der grüne Junge doch so furchtbar unkontrolliert und gefährlich ist, wie er am Anfang aufgebaut wird, wieso haut er im Finale nicht seine Helden-Partner ebenso zu Klump wie die Gegner? Und wieso reagiert er auf Ansprache und rettet sogar einem Kollegen das Leben? Das macht keinen Sinn. Aber wo wir grade bei Logiklücken in der Handlung sind: Wenn Loki doch andere Leute zu seinen willenlosen Sklaven machen kann so wie Hawkeye – wieso macht er das dann nicht bei allen anderen? Einmal jeden aus der Heldenriege kurz antippen und fertig is die Laube. Gut, bei Iron Man versucht er es gegen Ende und scheitert (an dem Reaktordingsi? An dem Metal? An seinem guten Aussehen…ach, wurscht!). Aber über die ganze Zeit der Gefangenschaft wird nicht einmal versucht, die Gegner zu unterwerfen. Wurde das in den vorigen Filmen irgendwie erklärt?

Schauspielerisch bewegt sich Whedons Werk auf akzeptablen Comicverfilmungs-Niveau (Comicverfilmungen Marke Spider Man, NICHT Marke Dark Knight). Jeder der Schauspieler holt aus seinen Figuren das Bestmögliche heraus, wobei Robert Downey Jr. und Marc Ruffalo besonders positiv auffallen, was aber auch daran liegen mag, dass ihre Figuren die interessantesten und vor allem am wenigsten lächerlichen der Truppe sind. Tut mir leid, aber Captain America? Ich kann Filme nicht ernst nehmen, in denen einer der Protagonisten aussieht wie ein überdimensionaler Lampion einer amerikanischen Wahlkampfparty. Und Thors Kostüm hat das Flair einer dörflichen Karnevalsverkleidung. Samuel L. Jackson darf hier zwar nicht der „Badass Motherfucker“ sein, den wir kennen und lieben, aber wenigstens kriegt er hier mehr zu tun als in den Star Wars-Filmen (und er darf tatsächlich eine Bazooka abfeuern – hooray!). Und Scarlett Johansson ist einfach keine gute Schauspielerin, stört hier allerdings auch nicht zu sehr (Sex sells eben). Loki ist als Bösewicht solide, aber nicht besonders interessant. Tom Hiddleston bemüht sich sichtbar um einen bedrohlichen, ambivalenten (vernachlässigter Bruder mit fehlgeleiteten narzisstischen Allmachtfantasien – blablabla) Bösewicht, doch schlussendlich ist der Junge einfach kein wirklich beeindruckender Gegner. Ein paar knisternde Blitze, böses Gegrinse und ein Blitzestäbchen reichen nicht aus, um ihn furchterregend zu machen; dabei reden wir hier von einem verdammten GOTT!

Fazit: Marvel’s The Avengers macht eigentlich nicht viel falsch. Das seit Jahren in den Himmel gehypete Gipfeltreffen der Giganten ist bombastisch, actionreich und kurzweilig. Die Story ist völlig zweitrangig, was aber von Anfang an zu erwarten war. Mich hat der Film unterhalten, aber nicht besonders mitgerissen. Vielleicht bin ich einfach die falsche Zielgruppe dafür und habe für diese Art Sommerblockbuster nicht allzu viel übrig. Einen Vorwurf kann ich Joss Whedon und Co dafür nicht machen. Fans werden ihn vergöttern – ich halte mich superheldentechnisch dann doch lieber an Nolans Batman – wir sehen uns zu The Dark Knight Rises.

 

Anmerkung: Zu der 3D-Auswertung des Films sage ich an dieser Stelle mal nichts – ich werde die Problematik jedoch demnächst in einem kleinen Sonderartikel zur Sprache bringen.

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