Findet Nemo – Review

Die Geschichte von Pixar ist eine dieser fast schon unglaubwürdig klingenden Erfolgsgeschichten. Ein Animationsstudio, das von Kritikern wie auch von Fans gleichermaßen gefeiert wird, das Jung wie auch Alt ins Kino zieht und begeistert, das von Toy Story bis hin zu Oben Hits am laufenden Band produziert, das sich bislang sagenhafte 12 Oscars in den Trophäenschrank stellen konnte. Pixar scheint fast schon allmächtig zu sein (nun ja, sieht man mal von der Cars-Reihe ab) und bricht regelmäßig alle Kassenrekorde. Einer der frühen Rekordbrecher aus der Trickschmiede mit dem goldenen Händchen war Findet Nemo. Der Film sorgte nicht nur für eine Umsatzexplosion in den Kinos, sondern sorgte auch für einen Boom auf dem Clownfischmarkt. Beinahe jedes kleine Kind wollte einen kleinen Nemo (auch wenn hunderte von diesen kleinen Nemos ein paar Wochen später doch das Klo runtergespült wurden, weil die Viecher enttäuschenderweise weder sprechen noch sonst irgendwelche Kunststückchen vorführen können, um diese kleinen Kackbratzen zu unterhalten). Im September 2012 soll Findet Nemo – nach dem herausragenden Erfolg von König der Löwen – erneut in 3D ins Kino kommen. Warum nicht also mal dieses Wunderkind aus dem Computer mal etwas genauer unter die Lupe nehmen?

Nach dem Tod seiner Frau ist der kleine Nemo alles, was Clownfischvater Marlin (im Deutschen gesprochen von Christian Tramitz) bleibt und so hütet er den Kleinen wie seinen Augapfel und schickt ihn nur unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen in die Schule. Der rebellische Nemo hat jedoch keine Lust auf die väterliche Kontrolle, sondern will lieber die Weiten des Ozeans erkunden. So büchst er während eines Klassenausflugs kurzentschlossen aus – und wird direkt von ein paar Tauchern einkassiert und in ein Aquarium gesperrt. Der panische Marlin setzt sofort Himmel und Hölle in Bewegung um seinen Sohn zu retten – und tut sich mit der vergesslichen Dorie (Anke Engelke) zusammen. Währenddessen versucht Nemo mit den anderen Bewohnern des Aquariums aus seinem Gefängnis zu fliehen.

Eine Stärke, die Pixar-Filme immer schon ausgezeichnet hat, ist seine Fähigkeit, simple Geschichten stark und mitreißend zu erzählen. Im Kern ist Findet Nemo eine einfache Rettungsodyssee, die man ähnlich geartet schon oft gesehen hat und immer noch sieht, doch wird sie mit so viel Herz und Charme erzählt, dass man unweigerlich mitgerissen wird. Zudem merkt man hier eine eindeutige Entwicklung von Pixar im Vergleich zu vorhergehenden Filmen wie Toy Story, Das Große Krabbeln oder Monster AG: Der Fokus liegt auf der Story und den Emotionen, nicht (mehr) allein auf den Witzen. Der Beginn kommt nahezu ohne einen einzigen schnellen Gag aus, was Findet Nemo „erwachsener“ aber auch spannender und vielschichtiger macht. Manchmal tritt er leider doch in die niedliche Kindchenschema-Falle (große Kulleraugen, Baby-Stimmen, das volle Programm!), aber diese Momente dominieren glücklicherweise niemals den Film.

Das alles heißt nicht, dass Findet Nemo nicht witzig ist, im Gegenteil: Allein die Möwenjagd-Szene ist mittlerweile legendär und spätestens mit Dori erhält der Film dann auch seinen Comic Relief. Die größte Komik entsteht (wie immer) durch die skurrilen aber doch liebenswerten Figuren, die nicht bloße Witzevehikel sind, sondern hinter denen nahezu immer ein gewisses Maß an Substanz steckt. Bruce der Hai, der Vorsitzender einer Selbsthilfegruppe von Vegetarier-Haien ist, seinen Hunger aber nur bedingt unter Kontrolle halten kann; die Meeresschildkröte Crush mit Hippie-Tendenzen und gechillt-guten Ratschlägen; die bunte Truppe aus dem Aquarium, deren Anführer Khan ein dunkles Geheimnis hütet (nebenbei: mein Lieblingscharakter ist und bleibt dieser französische Hummer. Ernsthaft, ich komme bei dem Vieh aus dem Lachen nicht mehr raus); und nicht zuletzt Dori, der Gute-Laune-Fisch mit den Kurzzeitgedächtnis-Störungen. Dori ist dann teilweise auch einer der Schwachpunkte des Films, denn so sympathisch sie auch sein mag; sie geht zumindest mir an gewissen Stellen einfach tierisch auf den Zeiger. Ich weiß nicht, ob das an Anke Engelkes Interpretation liegt aber diese Dampfplauderei verbunden mit dem einen oder anderen Kalauer ist auf längerer Strecke dann doch etwas anstrengend.

Auch vor ernsten, traurigen und teilweise wirklich düsteren Momenten wird nicht zurückgeschreckt: Gerade die Anfangssequenz, in der ein Hai Marlins Frau und ihr Gelege tötet, sind für einen Kinderfilm schon verdammt hart. Von dem psychopatischen Ausbruch des Hais Bruce mal ganz abgesehen. Davon abgesehen schafft es Findet Nemo trotzdem, den klassischen Disney-Charme zu erhalten und mit den Elementen, die Pixar groß gemacht haben, zu verbinden. Und wer sich jetzt beschwert, dass sein Kind traumatisiert aus dem Kino gekommen ist: Hey, was für abgefuckte Sachen haben uns denn die alten Disney-Filme vorgesetzt? Wer hilft mehreren Generationen von verstörten Kindern über das Bambi-Trauma hinweg? Von „Der Glöckner von Notre-Dame“ ganz zu schweigen!

Die Animationen sind auch nach knapp zehn Jahren nach wie vor über jeden Zweifel erhaben. Andrew Stanton und Co erschaffen hier erneut eine bunte, detailreiche Welt mit hervorragend animierten Bewohnern und Mimiken. Nie wird das Bild eintönig oder unpassend, das Wasser und die Botanik sehen auch heute noch beeindruckend fotorealistisch aus. Nur die Menschen wirken da manchmal etwas fehl am Platz, aber das „Problem“ zieht sich ja durch alle Pixar-Filme und stört nicht allzu sehr.

Im Pixar-Kanon ist Findet Nemo bis heute eines der Flagschiffe der Firma und das mit Recht: Die simple Geschichte ist hervorragend geschrieben, die Figuren sind liebenswert, skurril und erinnerungswürdig, der ganze Film ist tragisch, emotional, spannend und witzig. Die Erwachsenen werden neben dem guten Drehbuch die dunklen und ernsten Momente zu schätzen wissen, die Kleinen können über die Witze lachen und über die Welt unter dem Meer staunen. Ein Film, der das Prädikat „Für die ganze Familie“ wirklich verdient hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s