Zodiac: Die Spur des Killers – Review

 

Polizeiarbeit und Ermittlungen haben im wahren Leben herzlich wenig mit CSI zu tun – da ist nix mit Schießereien, aufwendigen Verfolgungsjagden und Happy End. Stattdessen heißt es da oft langwierige Recherchen, Befragungen, Pressedarstellungen, eben alle diese Dinge, bei denen dem Otto-Normal-Zuschauer, dessen Sehgewohnheiten auf ADS-Schnitte und Shoot-Outs mit säckeweise Filtereffekten im „Crank“-Stil geeicht sind, die Füße inklusive Unterschenkeln einratzen. Da ist der bis heute ungeklärte Fall des Zodiac-Mörders aus den 60ern als Filmstoff denkbar ungeeignet, es sei denn, man dichtet tüchtig was dazu. Was nicht heißt, dass es nicht schonmal versucht wurde, siehe frühere gescheiterte Versuche aus deutschen Landen (mit Alexandra Neldel in der Hauptrolle) oder vom Großmeister Ulli Lommel höchstpersönlich. Ansonsten ist der Fall, der bis heute nicht aufgeklärt wurde, mit seinen zähen Ermittlungsarbeiten eher Stoff für Dokumentationen, aber weniger für das auf den schnellen Rubel ausgelegte Hollywood. Es sei denn, man heißt David Fincher.

In San Francisco werden mehrere Morde begangen, die alle auf das Konto eines Mannes gehen. „Zodiac“ nennt sich der Spaßvogel, der nicht nur nach Lust und Laune hin- und hermeuchelt, sondern den Zeitungen auch noch Tipps, Details und Hinweise aus den laufenden Ermittlungen schickt. Auch die San Francisco Chronicle erhält die Briefe. Angefixt davon, beginnen der Journalist Paul Avery (Robert Downey Jr.) und der Karikaturist Robert Graysmith (Jack Gyllenhaal), Nachforschungen anzustellen. Besonders Graysmith steigert sich nach und nach förmlich in die Suche hinein. Den leitenden Ermittlern des Falles, Dave Toschi (Marc Ruffalo) und Bill Armstrong (Anthony Edwards oder auch „Der Typ aus Emergency Room“), schmeckt diese Einmischung überhaupt nicht, zumal Graysmith sich, je tiefer er in den Fall eintaucht, zunehmend selbst in Gefahr zu begeben scheint…

Tja, was macht man aus einem auf Tatsachen basierenden Fall, in dem der Täter nie gefunden wurde? Ganz einfach, man konzentriert sich auf die Jäger. Abwechselnd aus der Perspektive der Journalisten und der Detectives erzählt bietet Fincher einen fast schon dokumentarischen Einblick in die zähen, hoffnungslosen Recherche-Arbeiten und der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Dass diese Art von Filmen  alles andere als langweilig sein kann, hat schon 1976 „Die Unbestechlichen“ mit Robert Redford und Dustin Hoffman bewiesen, zu dem Finchers Werk auch sonst einige Ähnlichkeiten aufweist: Auch „Die Unbestechlichen“ ist ein (großartiger) Film, der auf Fakten basiert (in diesem Fall der Watergate-Skandal, der von den Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward aufgedeckt wurde) und im Kern nicht mehr beinhaltet, als die Faktensuche und Recherchearbeit in einem aussichtslos wirkenden Fall. Warum auch nicht, die Realität bietet oft die spannendsten Geschichten. Diese dann mit der Ebene eines Unterhaltungsfilms zu kreuzen ist der eigentliche Kunstgriff, der sowohl „Die Unbestechlichen“ als auch Zodiac auszeichnen: Selbst wenn man weiß, was tatsächlich passiert ist; selbst wenn man weiß, dass der Zodiac-Killer niemals gefasst wurde, fiebert man trotzdem mit den Charakteren mit und hofft wider besseren Wissens, dass sie doch noch Erfolg haben. Man staunt über jede neue Entdeckung, jeden Fitzel einer Spur, man spürt die Resignation und die Hoffnungslosigkeit der Personen. Und Spannungsmomente hat der Film trotz aller Faktentreue zu bieten; sie sind rar gesäht, aber in sich stimmig und verdammt intensiv. Besonders die brutalen Morde des Zodiac-Killers, die relativ zu Beginn des Films abgehandelt werden, sind hart inszeniert und schlagen auf den Magen.

Gleichzeitig ist Zodiac nämlich auch die minutiöse Charakterzeichnung eines obsessiven Charakters, für den der Fall aus unerklärlichen Gründen zur persönlichen Angelegenheit wird. Eigentlich könnte es Robert Graysmith völlig egal sein, was aus den Zodiac-Ermittlungen wird; er ist lediglich ein recht unbeachteter Karikaturist, auf den der Fall eine ungewöhnliche Faszination und Anziehungskraft ausübt. Mehr und mehr steigert sich der Charakter, sehr natürlich porträtiert vom oft unterschätzten Jake Gyllenhaal, in seine Suche hinein, was ihm diverse anonyme bedrohliche Telefonanrufe einhandelt. Ganz hält sich Fincher nicht an die realen Geschehnisse, er nimmt sich einige Freiheiten und biegt ein paar Fakten, um einen Tatverdächtigen weiter ins Zentrum zu rücken. Aber mehr als eine begründete Vermutung bleibt nicht übrig.

David Fincher ist ein Meister, wenn es um visuelles Erzählen geht; in „Sieben“ – seinem anderen Serienkiller-Movie, wenn man so will – wusste er bereits meisterhaft mit seiner dunklen Bildsprache eine abgründige Atmosphäre zu erzeugen. Von seinem Meisterstück „Fight Club“ brauchen wir gar nicht erst zu reden. Für Zodiac nimmt er sich allerdings deutlich zurück und nimmt einen gemäßigten, fast schon dokumentarischen Stil an. Die Einstellungen sind lang und konventionell, da ist nix mit Kamerafahrten durch Kaffeetassen oder Freeze-Frames mit Bild-in-Bild-Gimmicks. Das Fehlen von ablenkenden Elementen gelingt zum Vorteil des Films, teilweise wird es sogar zum Spannungsaufbau verwendet. Die distanzierte Haltung lässt den Zuschauer zum äußeren Beobachter werden, was die Morde des Zodiac-Killers nicht weniger intensiv und noch realistischer werden lässt. Und wenn Graysmith das Haus eines Verdächtigen untersucht, zieht Fincher die Spannungsschraube so unvermittelt und rapide an, das einem das Popcorn bröckchenweise aus dem offen stehenden Mund kullert. Und das mit einfachen, aber hochgradig effektiven Mitteln. Solche Momente gibt es nicht oft, aber gerade ihr plötzliches Erscheinen macht einen großen Teil des Reizes von Zodiac aus. Mitunter wird die akkurate Spurensuche etwas langatmig und zäh, besonders gegen Ende, wo die Spuren längst im Sand verlaufen sind, aber das Gesamtpaket weiß trotzdem zu überzeugen.

Die Schauspieler-Garde ist glänzend gecastet. Neben Gyllenhaal liefert Charakterdarsteller Marc Ruffalo, den viele höchstwahrscheinlich aus dem Marvel-Machwerk The Avengers als Bruce Banner aka Hulk kennen dürften, eine geerdete und glaubwürdige Performance ab. Dem schließen sich auch Anthony Edwards, Brian Cox und der Rest der Riege an – jeder spielt, wie es der jeweilige Charakter verlangt und zuweilen vergisst man, dass man Schauspielern zusieht, was das größte Kompliment sein dürfte, was man einem Schauspieler machen kann. Robert Downey Jr. trägt seinen üblichen öligen Charme bei, was teilweise etwas ablenkend wirkt (Iron Man is a reporter now, eh?); aber gut, Robert ist ein klasse Schauspieler und sein Können kommt auch hier zum Vorschein.

Zodiac ist ein für David Fincher recht ungewöhnlicher Film. Niemand sollte hier ein zweites „Sieben“ erwarten. Vielmehr ist Zodiac Fans von dialoglastigen Filmen à la „Die Unbestechlichen“ oder „State of Play“ oder auch von realistisch gehaltenen Qualitäts-Serien wie „The Wire“ zu empfehlen. Alles in Allem zeigt Zodiac, welche Bandbreite David Fincher als Regisseur besitzt. Am Ende gibt es keinen Plot-Twist, keine befriedigende Auflösung, keinen spektakulären Showdown. Es bleibt dem Zuschauer überlassen weiterzurätseln. Und auch wenn der Film einen möglichen Täter suggeriert – ob er es wirklich war, werden wir nie wissen. Genau wie im echten Leben.

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