Paranormal Activity – Review

 

„Mach endlich die verdammte Kamera aus!“

„Hör endlich auf zu filmen!“

„Leg die Kamera weg und hilf uns!“

Egal in welcher Variation – sobald ich diesen Satz in einem Film höre, brennt eine Synapse in meinem Kopf durch, was dazu führt, dass ich mindestens eine vom Aussterben bedrohte Tierart ausrotten muss, bevor es mir wieder gut geht. Kurz: Ich kann diesen Satz einfach nicht mehr hören. Paradoxerweise tauchte dieser Satz das erste Mal in einem Film auf, der in meinen Augen zu den Meilensteinen des modernen Horrorfilm gehört: The Blair Witch Project. Ein Film, an dem sich bis heute die Geister scheiden – die Meinungen reichen von hochspannend bis zu rotzlangweilig – und der ein neues Genre aus der Taufe hob: Der Found-Footage Film.

Für alle Sprachverfechter und Anti-Anglizisten eine kurze Definition: „Found Footage“ bedeutet übersetzt: „Gefundenes Filmmaterial“. Und damit hätten wir eigentlich schon fast alles erklärt, was es zu erklären gibt. Diese Art von Filmen wird mit einer in der Story des Films integrierten Handkamera gedreht (heißt also, der Protagonist filmt irgendwas aus gottweißwasfür Gründen und das Geschehen um ihn wird ausschließlich aus dieser Kameraperspektive gezeigt). Vom Storytelling-Standpunkt aus ermöglicht dieses Mittel sowohl eine neue Art der unmittelbaren Nähe zum Protagonisten, da man ja alles ausschließlich aus  seiner Perspektive sieht, als auch einen gewissen rauen Realismus durch wackelnde Kameras, fehlende Schnitte, eventuelle Bildstörungen und so’n Trara, gewissermaßen Dogma 95, nur ohne die strikten Prinzipien (die ja auch nicht mehr das sind, was sie mal waren, stimmts, Lars von Trier?). Vom Hollywood-Moneten-Standpunkt aus, bedeutet der immense Erfolg von Blair Witch und Co. einen erfolgreichen Trend: Spottbillige Filme mit Mini-Budget und maximalem Ertrag. Ja, krasse Kiste, schon waren um die drölfzigtausend Found-Footage-Streifen geboren, mal gelungen (Chronicle, Rec 1 und 3…wobei die aus Spanien kommen, also zählt das technisch gesehen gar nicht), mal einfach nur billige Massenware, die immer nach dem selben Prinzip verlaufen (Cloverfield, Grave Encounters, The Devil Inside…). Und dann war da noch Paranormal Activity, ein Film, der ähnlich wie Blair Witch oder das geschickt vermarktete Cloverfield auf einer großen Welle des Hypes ritt und derzeit drei (!!!) Sequels nach sich zog.

Die Story passt, ganz im Found-Footage-Stil, auf einen Fußnagel: Micah (Micah Sloat) und Katie (Katie Featherstone), ein junges, zusammen lebendes Pärchen, hören jede Nacht mysteriöse Geräusche in ihrem Haus. Da Katie zunehmend verängstigter wirkt, installiert Micah eine Kamera im Schlafzimmer, um dem Spuk auf den Grund zu gehen.  Nach und nach finden die beiden heraus, dass für die Klopfgeräusche und plötzlich ins Schloss fallenden Türen eine dämonische  Erscheinung verantwortlich ist. Der mag offensichtlich keine Kameras (warum auch immer), weshalb der Terror zunehmend extremer wird…

Trotz all des Found-Footage-Gemeckers weiter oben: Ich kann an Filme, die ich nicht kenne, unvoreingenommen und neutral herangehen, wenn ich mich ein bisschen anstrenge. Das hat damals bei Twilight geklappt (hat nix genützt, der Film war trotzdem Grütze) und auch bei Paranormal Activity habe ich es geschafft, im Vorhinein alle bereits gesehenen Found-Footage-Fließbandprodukte auszublenden und dem Film eine faire Chance zu geben. Und das OBWOHL auch hier der unvermeidbare Satz „Nimm die Kamera weg“ fällt – mehrfach sogar.Die Frage bleibt ja trotzdem die selbe: Ist Paranormal Activity so gut wie sein Hype? Antwort: Hrrrmmmjjjooooooooaaaaaah…

Wer nun verzweifelt das Wort Hrrrmmmjjjooooooooaaaaaah (WICHTIG: Mit sechs „A“s) googelt, für den gehe ich gerne ins Detail: Der Film ist – gut. Ein guter Vertreter des Found-Footage-Genre. Ich hätte auch „Okay“ sagen können, aber das klingt dann doch etwas zu negativ, zumal Oren Pelis Low-Budget-Werk kein lieblos dahingeklatschter Wackelkamerakandidat ist, sondern durchaus effektiv mit seinem Spannungsaufbau spielt. Leise Schritte, Klopfen, Krachen, Türen, die sich wie von Geisterhand schließen – hier wird nicht mit klassischen Gruseleffekten à la Poltergeist und andere Vertreter des „Haunted House“-Genres gegeizt. Bei Versatzstücken bleibt es dann auch, denn innovativ ist hier nicht viel, aber man muss ja nicht immer das Rad neu erfinden, um einen guten Film zu erhalten (bestes Beispiel: Insidious). Zumal die subjektive Kamera hier durchaus seinen eigenen Reiz hat. Viele Zuschauer verbinden mit Paranormal Activity vor allem eins: Die Nachtaufnahmen.

Hier wird mit simpelsten Mitteln Spannung erzeugt: Eine statische Kamera auf einem Stativ filmt das bespukte Pärchen nachts im eigenen dunklen Schlafzimmer. Latürnich nicht in Echtzeit, sondern mit diversen Zeitraffer-Effekten versehen. Die Nächte teilen den Film durch kurze Einblendungen in einzelne Kapitel ein, in denen die zunächst subtilen Schrecken nach und nach ganz langsam gesteigert werden. Und es wirkt: Peli dreht kontinuierlich an der Spannungsschraube, bis das Paniklevel bei den Protagonisten (und dem einen oder anderen Zuschauer) im letzten Drittel des Films förmlich ins Unermessliche steigt. Das bewusste Spiel mit Unschärfe, Dunkelheit und Kameragewackel funktioniert, wird aber glücklicherweise nie übertrieben.

Der Film macht also vieles richtig – und hat es trotzdem nicht geschafft, mich so zu packen wie das große Vorbild The Blair Witch Project oder seine Extrem-Horror-Variante Rec. Er ist spannend, ja, aber irgendwie fehlt das letzte bisschen Atmosphäre, das die pure Panik-Stimmung der Protagonisten auf den Zuschauer überträgt. Vielleicht liegt es daran, dass man alles schon mal irgendwo gesehen hat, und damit meine ich nicht zwangsläufig die Found-Footage-Elemente, die hier verhältnismäßig gut gehandhabt werden. Die Geisterhaus-Geschichte sorgt für Unbehagen und den einen oder anderen Schock, bleibt jedoch immer abstrakt und auf gewisse Weise fantastisch – und das arbeitet gegen den Realismus, den der Film anstrebt. Nie wird man wirklich in den Glauben versetzt, „gefundenes Filmmaterial“ vor sich zu haben. In Blair Witch hat man die Orientierungslosigkeit und gesteigerte Angst der Figuren geglaubt, man fühlte sich zeitweise, als beobachte man die letzten Aufnahmen von drei verschwundenen Jugendlichen, als erlebe man ihre letzten Stunden der Angst mit – das ist der Grund, aus dem man Found Footage verwendet (und natürlich weil es billig wie Zwieback ist). In Paranormal Activity bleibt immer eine Rest-Distanz, die genau das verhindert. Vor allem die Dialogteile sind zwar gut geschauspielert, aber auch ein bisschen einfallslos und manchmal schleicht sich sogar ein leiser Seifenoper-Touch hinein.

Das kann man von den schauspielerischen Leistungen glücklicherweise nicht sagen: Katie Featherston liefert eine natürliche und überzeugende Performance ab. Auch wenn die Hintergrund-Story ihrer Figur etwas zusammengeschustert wirkt, holt sie das Beste aus dem Charakter heraus, übertreibt es aber glücklicherweise nie, sodass man ihr die Angst wirklich abkauft. Micah Sloat, der sich zum größten Teil undankbarerweise hinter der Kamera befindet, darf nicht so viel zeigen. Leider ist seine Figur recht eindimensional und nicht sonderlich interessant geraten; trotzdem zeigt er eine souveräne Leistung.

Völlig ungeachtet der Tatsache, dass man viele Elemente des Films schon fünfzigtausendmal in Geisterfilmen und vor allem anderen Vertretern des Found-Footage-Trends gesehen hat, ist Paranormal Activity trotz allem ein sehr ordentlicher Horror-Film. Der Spannungsaufbau ist subtil und effektiv und zieht zum Ende hin ordentlich an; der Einsatz der subjektiven Kamera ist plausibel in die Story eingebaut und die Schauspieler machen einen ordentlichen Job. Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne, die dringend mindestens einen Schock- oder Splattereffekt pro Minute brauchen (ihr könnt dann ja den neuen Resident Evil gucken gehen, gell?) werden sich wie schon bei The Blair Witch Project tödlich langweilen; alle anderen werden mit einem spannenden Gruselfilm, der leider nie so zupackend gerät wie der oben genannter Genre-Klassiker. Und jetzt mach endlich die Kamera aus!!!

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