HRNSHN (257ers) – Review

 

So, bevor wir das hier angehen, erstmal für alle Hip Hop- wie auch Metal-Fans gleichermaßen ein dicker fetter DISCLAIMER: Ich habe nicht viel Ahnung von Hip Hop. Bis vor ein paar Jahren war die Musikrichtung für mich sogar ein rotes Tuch (was nicht viel heißt, in der Pubertätsphase war alles, was weniger hart als Asphyx war, ein rotes Tuch). Aber man kennt das ja von gutem Wein, man wird älter, reifer, nachdenklicher und beginnt sich für andere Musikrichtungen zu öffnen. Mittlerweile ist auf meinem iPod neben Metal aller Stilrichtungen auch Klassik, Reggae, Techno oder eben Hip Hop zu finden. Das hat auch dazu geführt, dass ich mich nach und nach ein wenig mit Deutschrap und deren Vertreter auseinandergesetzt habe. Das heißt allerdings NICHT, dass ich jetzt der Hip Hop-Experte schlechthin bin, ich kann weder mit Fachbegriffen noch mit anschaulichen Vergleichen dienen. Ach ja, und besonders real bin ich auch nicht (das ist das Rap-Äquivalent zur Bezeichnung true im Metal – glaub ich jedenfalls). Ich urteile hier einfach aus Sicht eines stinknormalen Musikfans – wer also Fehler findet, darf sie behalten 😛

Die 257ers – drei Jungs aus Essen-Kupferdreh – zählten bislang zu den Geheimtipps unter den Hip Hop-Crews. Das Trio, bestehend aus Shneezin, Mike und Keule, hat sich nach der eigenen Postleitzahl benannt zeichnet sich vor allem duch absurde Klamauk-Lieder, meistens ohne tieferen Sinn oder überhaupt ein zusammenhängendes Thema, aus. Es regieren derbe und selbstironische Reimketten, leicht mitgröhlbare Hooks und pubertärer Pimmel- und Schimpfwort-Humor. Gesellschaftskritik, deepe Tracks oder überhaupt eine Aussage sucht man hier vergebens – das Konzept lautet einfach: Macht Party und nehmt euch nicht zu ernst. Diese Formel haben die 257ers auf bislang zwei Alben sowie diversen Mixtapes konsequent umgesetzt – HRNSHN ist nun ihr Debut bei dem Label Selfmade Records.

Es geht los – das Intro, genannt Intro, erinnert zunächst mit einem furiosen „H! R! N! S! H! N! – laaaaalaaaaaa“ jeden daran, welches Album er grade in den Händen hält. Es gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die Rapkünste jedes einzelnen Mitglieds – auch „Ehrenmitglied“ Jewlz darf seinen Teil beitragen. Wie ernst sich die Essener tatsächlich nehmen, zeigt ein ohne jede Scham gequiektes Wir sind ein, wir sind ein, wir sind ein, Hurensohn, Hurensohn, Hurensohn. Damit dürfte auch klar sein, dass der Albumtitel eher weniger auf das harmlose „Hören und Sehen“ zurückzuführen ist.  Wunderbar stumpf und selbstironisch – ein perfekter Ausblick auf das restliche Album.

Im ersten richtigen Song thematisieren die 257ers direkt ihren neuen Selfmade Deal – wobei „thematisieren“ vielleicht das falsche Stichwort ist, immerhin wird in den Strophen wieder ohne Sinn und Verstand einfach drauflosgerappt. Es geht um Drogen, Bollerwagen, Tauben und Klobrillen – besonders Mike beeindruckt hier mit seinem abwechslungsreichen Flow. Der Beat ist okay, wenn auch nicht besonders eingängig – live wird die Hook allerdings höchstwahrscheinlich trotzdem funktionieren. Ordentlicher Einstieg mit angenehmem Mitgröhlfaktor.

Der Beat von Spinat geht schon fast in Richtung Dubstep – und nervt tierisch, was aber daran liegen kann, dass ich mit dieser Musik sehr wenig anfangen kann. Fans wird der „Wawawawawuuppwuupp“-Beat aber sicherlich gefallen. Erneut ist es Mike, der in den Strophen am meisten auffällt und sich in einen förmlichen Doubletime-Wahn hineinsteigert. Aber auch Shneezin und Keule können überzeugen. Und der Refrain – ja der fräst sich trotz aller Beat-Nervereien sofort ins Hirn und hat zudem einen genialen Text zu bieten – da wird der Zaubertrank direkt aus dem Fass gesoffen und Kryptonit ist dank regelmäßigem Spinat-Konsum sowieso kein Problem mehr.

Wir sind geil – davon will uns Keule in der Hook des nächsten Songs überzeugen. Da ist schnell klar, wohin die Reise geht: Dicke Hose Rap, der vor Selbstironie nur so trieft und sich angenehmerweise immer noch kein Stück weit ernst nimmt. Leider bleibt der Song unspektakulär und recht langweilig – es bleibt nichts hängen, weder der Beat noch die Hook oder die typisch penislastigen Strophen. Keine Katastrophe und durchaus hörbar, trotzdem bislang schwächster Song des Albums.

Wer dachte, dass es nicht klamaukiger und bekloppter geht, der kennt Rappen ist Gangsta noch nicht: Der Beat stellt dabei einen herrlichen Gegensatz zum prolligen Titel dar und prescht mit einem witzigen Gitarren- und Synthiemischmasch durch die Walachei. Dazu erzählt Mike in den eindeutig spektakulärsten Reimketten des Albums: Mein Ticker is voll cool/da krieg ich häufig was umsonst/aber meine Bude riecht dann komisch/so nach Kräutern der Provence oder später dann Lecker Xanax gekaut/damit kenn ich mich aus/die Menge steht drauf/das nimmt Eminem auch. Im Refrain werfen die drei Rapper den letzten Rest Ernsthaftigkeit und Würde völlig über den Haufenum mit wunderbar albernem Quäkgesang ihre „Gangstahaftigkeit“ zu preisen.

Während andere Rapper zu diesem Zeitpunkt auf den eigenen Alben bereits mindestens drölf Gast-Features verbraten haben, taucht bei den 257ers erst jetzt in Bis dahin bin ich tot der erste Gast auf – niemand anderes als Favorite (nie mein Fall gewesen, aber es gibt schlimmeres, und wenn das schon ein Rap-Skeptiker wie ich sagt, ist das sogar ein halbes Lob 😛 ). Der Track ist gutes altes 257ers-Ohrenfutter, das genauso auch auf den alten Alben hätte sein können. Es geht – zur Abwechslung mal – um die existenziellen Themen Saufen und Drogenkonsum…ach ja, und alles, was die drei Jungs sonst so in ihren Rap-Parts verwursten können. Favorites Part ist abgesehen von ein, zwei gelungenen schwarzhumorigen Spitzen recht unspektakulär; der Track ist klassisches 257ers-Material und erinnert nicht umsonst an alte Perlen wie „Abriss“.

Man muss ja immer auch an das Live-Publikum denken – besonders wenn man die ganze Zeit nur mit Sinnlosigkeiten und Schweinereien um sich wirft. Go Ninja ist ja mal sowas von dreist auf Live-Tauglichkeit ausgerichtet. Ein pumpender Synthie-Beat, schnelles Tempo und die zum mitgröhlen einladenden, vielsagenden Zeilen „Go Ninja, go ninja, go, gooooooooo“. Eine Hymne an die Fans und das Feiern überhaupt (Saufen und Drogen nicht zu vergessen) – ohne die Live-Atmosphäre leider nicht ganz so knallend, wie wahrscheinlich beabsichtigt. Bleibt trotzdem recht hartnäckig im Ohr.

Ernsthaftigkeit? Das ist den 257ers doch Scheißegal. Ganz im Gegensatz zur Vielseitigkeit. Zwar ist der Song weit davon entfernt, eine Ballade zu sein, doch der Beat ist deutlich zurückgenommener und gechillter als die bisherigen Partytracks. Inhaltlich wird dem Hörer nahe gelegt, einfach mal locker zu bleiben. Mike und Shneezin hauen mal wieder die besten Lines überhaupt heraus, aber auch Keule schlägt sich sehr gut. Die Hook…ein besonders klebriger und ekelhafter Ohrwurm trotz teilweise arg schiefem Gesang von Shneezin. Absolut hittauglich.

Aber es geht noch besser: Auf dem Album ging es sowieso schon sehr phallisch zu – Mein Schwanz sagt dreht sich dieses Mal aber auch thematisch vollständig um das gute Stück. Sehr simpel und primitiv latürnich, aber sowohl vom Timing als auch von den Witzen und Punchlines her ist der Track einfach perfekt. Ein eingängiger Gaga-Beat mit skurrilen Sirtaki-Gitarren rundet den Track ab. Sehr lustig, dazu erneut eine Ohrwurm-Hook und zack – schon haben wir mein erstes Lieblingslied. Eines der besten Tracks von HRNSHN, ja sogar einer der besten Tracks, die die 257ers überhaupt geschrieben haben.

Die erste Singleauskopplung Auseinanda hat wieder einen dieser „Huch, is ja total Party“-Beats, die auf dem Album ja öfter auftauchen, hier nervt er aber bei weitem nicht so wie bei „Spinat“ oder „Go Ninja“. Was diesen Song aber wirklich abgrenzt und großartig macht, ist der Text mit der fast schon Helge Schneider’esken Bridge: Wer will frische Kekse/Haben wir gerade erst gebacken/Vorsicht, Finger nicht verbrennen/Die sind heiß/Mit übelst dicken Mandelstückchen/und Schokolade auch dabei/Wir haben auch lecker Sojakekse/hast du Laktoseunverträglichkeit . Geballte Sinnlosigkeit vom Allerfeinsten und auch die Live-Gröhl-Hook zündet dieses Mal.

„Nackt im Studio rappe ich am aggressivsten“, hat Shneezin erst kürzlich in einem Interview verraten – bei Rede nicht mit mir dürfte er also entsprechend wenig angehabt haben: Die Hook wird dem Hörer förmlich ins Ohr geschrien, trotzdem ist sie selbstironisch und einprägsam. Ganz im Gegensatz zu den Strophen, die ungewöhnlich blass und durch imitiertes Hundegebell auch etwas albern ausfallen. Trotzdem ist der Song angenehm treibend und erinnert an seinen besten Stellen an das harte „Dark Side of Life“.

Jewlz, das geistig zurückgebliebene vierte Ehrenmitglied der 257ers, durfte bereits in zwei Skits und in diversen Song-Passagen auftreten und wichtige Dinge aus seinem Leben erzählen. Jetzt bekommt er mit Seite an Seite sogar seinen eigenen Track, in dem er von seinen ersten Liebeserfahrungen berichten darf. Das ist ganz niedlich und wird passenderweise von Shneezin und Favorite mit einem übertrieben kitschigen Refrain untermalt – aber spätestens beim dritten Hören geht es einem dann doch auf den Senkel. Vor allem, weil der inflationäre Gebrauch von Jewlz auf dem Album nicht nur sich wiederholend und langweilig gerät, sondern auch irgendwann zum zwiespältigen Vorführfaktor wird.  Trotzdem, ein nettes Lied, das niemandem wehtut.

Hatte ich gesagt, der Beat von „Spinat“ sei nervig? Da habe ich wohl zu früh geurteilt – in Pass mal die Seife ist der Beat grauenhaft. Irgendeine dissonante Computer-Kacke ohne Eingängigkeit oder Wiedererkennungswert. Dafür kann hier Keule mit einem übertrieben weinerlichen Rap-Part glänzen, während Shneezin und Keule den zweiten Part wie damals in „Unsere Arme sind schwach“ als Dialog gestalten (ohne dabei jedoch so ganz an den absurden Witz des gerade genannten Songs heranzureichen). Die Hook ist dann wiederum so strange und bescheuert, dass sie wieder einen eigenen Reiz erhält. Insgesamt ein sehr…interessantes Lied, das zwischen witzig und unerträglich hin- und herschwankt.

Und dann kommt Abgehn – ein Track, der danach schreit, die neue Band-Hymne zu werden. Völlig überproduzierte Disco-Beats inklusive Elektro-Drop, Mitgröhl-Hook und Party aus jeder Pore. Das ganze ist so überladen und krampfhaft auf Abfeiern ausgelegt…dass es tatsächlich funktioniert. Obwohl es so sperrig und bemüht ist, wirkt „Abgehn“ tatsächlich mitreißend. Band-Hymne? Passt. Abgehn!

Ich bin schon lange ein großer Alligatoah-Fan – obwohl oder gerade weil ich so ein Rap-Skeptiker bin, der sich dieser Musik nur langsam öffnet. Ich feier mittlerweile einfach so gut wie alles, an dem er beteiligt ist. Somit ist es wohl kaum ein Wunder, dass Über alle Berge für mich persönlich das ungeschlagen beste Lied des Albums ist. Alligatoah aka Kaliba69 aka Lukas wasweißich erhält, ebenso wie die 257ers, nur einen recht kurzen Rap-Part, den er dafür umso pointierter und einfach perfekt auf den Punkt runterrappt. Dagegen wirken die soliden sinnfreien Parts der drei Essener ein wenig blass, aber das auch nur im direkten Vergleich, für sich genommen sind die Parts ebenfalls sehr gut geraten. Inhaltlich gibt es dieses Mal sogar tatsächlich einen roten Faden, es geht um unerwartete Schwangerschaften. Und dann, ja, dann darf Alligatoah seine Gesangsstimme auspacken und eine ekelhaft klebrige, absolut übertrieben poppige Hook bringen. Absolut genial und eingängig, dazu sauber gesungen – einfach perfekt.

Die 257ers – eindeutig nicht der intellektuelle Höhepunkt des deutschen Raps, das zeigt auch das neue Album HRNSHN. Hauptsächlich regieren nach wie vor die schlüpfrigen Gags, die derbe Sprache und die absurden Reimketten. Und ganz ehrlich – mehr will man doch auch nicht. Die Essener nehmen sich nicht die Bohne ernst, verarschen das Gangster-Gehabe ihrer Kollegen und haben einfach Spaß. Glücklicherweise lassen sie sich auf ihrem Label-Debut nicht von selbigem verbiegen und machen weiterhin, was sie wollen. Die Treffer-Quote der Songs ist erstaunlich hoch, auch wenn das Album für meinen Geschmack oft etwas zu diskolastig gerät. Komplett am Stück kann man sich HRNSHN auch nicht unbedingt anhören, aber wenn man die 257ers dann mal anschmeißt, dann erhält man auf jeden Fall erfrischenden, gekonnt selbstironischen Rap, bei dem man auch mal gepflegt das Hirn ausschalten kann. Der Rest kann dann ja XAVAS oder Casper hören gehen.

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