Prometheus: Dunkle Zeichen – Review

 

Irgendwann musste es ja so weit kommen. Nach all den Remakes, Sequels, Prequels, Reboots und Konsorten war es ja nur noch eine Frage der Zeit, bis es einer der ikonischsten Sci-Fi-Horror-Sagas an den Klassiker-Kragen geht. Die „Alien“-Filme sind seit Ridley Scotts erstem Werk von 1979 Paradebeispiele für klaustrophobischen Horror, rasante Action und spannende Charaktere (wobei ich mit James Camerons „Aliens“ noch ein Hühnchen zu rupfen habe – vielleicht mach ich da nochmal was zu). Nach zwei grauenhaften Alien vs Predator-Spin-Offs galt die Serie vorläufig als tot. Als Ridley Scott höchstpersönlich ein Prequel ankündigte, war die Begeisterung groß.

Ich hatte leider erst sehr spät die Gelegenheit, Prometheus zu sehen, weshalb ich mich im Vorfeld natürlich gegen mögliche Spoiler gesperrt hatte. Eine Tendenz zeichnete sich jedoch recht früh ab: Während viele Kritiker (allen voran unsere Eminenz Roger Ebert; hinzu kommen stattliche 73% bei Rotten Tomatoes) dem Film durchaus wohlwollend gegenüber standen, schienen die meisten Kinogänger den Film förmlich in der Luft zu zerreißen. Die Welle an negativer Zuschauer-Kritik übertraf sogar die von The Dark Knight Rises um ein Vielfaches. Da stellt sich natürlich die Frage: Ist Prometheus so schlecht wie sein Ruf?

Im Jahr 2093 macht sich eine Gruppe von Wissenschaftlern, darunter die ambitionierte Archäologin Elizabeth Shaw (Noomi Rapace), mit dem Raumschiff „Prometheus“ auf, einigen mysteriösen Höhlenmalereien auf den Grund zu gehen. Das Ziel: Den Ursprung der Menschheit zu finden. Auf der Suche nach den so genannten „Konstrukteuren“ landet die Prometheus im Auftrag des hundertjährigen Tycoons Peter Weyland (Guy Pearce) auf dem Mond LV-223. Und tatsächlich, in einer künstlich angelegten Höhle findet die Crew humanoide Schädel, einen Raum mit urnenförmigen Behältern sowie eine verstörende holographische Aufzeichnung. Was hat das alles zu bedeuten? Wer sind die Konstrukteure, was ist mit ihnen passiert und haben sie tatsächlich die Menschheit erschaffen? Und welche Rollen spielen die kalte Leiterin der Expedition Meredith Vickers (Charlize Theron) und der undurchschaubare Cyborg David (Michael Fassbender)?

Fangen wir mit dem Positiven an: Prometheus ist ein visuelles Meisterwerk. Ich glaube, dass ich nicht übertreibe, wenn ich behaupte, dass der Film zu den schönsten und faszinierendsten Werken der letzten Jahre gehört. Die Bilder, die Ridley Scott uns hier bietet, sind atemberaubend und brauchen den Vergleich zu ähnlichen Kunstwerken wie „Avatar“ nicht zu scheuen. Hier zeigt sich CGI von seiner besten Seite – das Medium Film wird visuell ausgereizt, ohne wie im Fall von den grauenhaften Star Wars-Prequels künstlich oder ablenkend zu wirken. Ridley Scott hätte auch einfach drei Stunden lang diese epischen Landschaftsaufnahmen zeigen können, ich hätt’s mir reingezogen. Da Prometheus ja im selben Universum wie die Alien-Saga spielen soll, sind die grandios düsteren und surrealen H.R. Giger-Elemente natürlich auch nicht fern, auch wenn sie sparsam eingesetzt werden. Auf der handwerklichen Ebene zeigt Scott hier erneut, warum er zu den alteingesessenen Meistern zählt: Bildkomposition, Schnitt, Spannungsaufbau – hier sitzt jeder Handgriff.

Uuuuuund damit müssen wir dann auch leider schon auf die Probleme des Films zu sprechen kommen, denn davon gibt es viele. Fangen wir mal ganz von vorne an: Der Original-Alien-Film aus den 70ern war ein simpler Survival-Horrorfilm im Weltraum, der nach dem üblichen Slasher-Prinzip verfuhr. Gerade diese simple Ausgangssituation erlaubte es Ridley Scott allerdings, den Fokus auf Atmosphäre und Spannung zu legen. Mit bahnbrechendem Erfolg: Bis heute ist Alien einer meiner absoluten Lieblings-Horrorfilme, den vor allem ein wichtiger Aspekt auszeichnete: Die Charaktere waren gut geschrieben und interessant, sodass man als Zuschauer mit ihnen in ihrem Kampf ums Überleben mitfieberte und sich vor allem an sie erinnert. Nun ja, zu sagen, dass sie ausnahmslos alle mordmäßig intelligent waren, wäre nun auch nicht ganz richtig, einige Personen trate schon mal ansatzweise in das Horror-Klischee-Töpfchen, aber mit der von Sigourney Weaver verkörperten Ripley hatten wir eine ikonische, rational denkende und handelnde Identifikationsfigur mit „Badass“-Potential (selbst in den eher missglückten Vertretern der Alien-Reihe wie Teil 4).

Hier liegt mein ganz persönliches Hauptproblem mit Prometheus: Die Charaktere sind vollkommen uninteressant. Komplexe Ideen und philosophischer Subtext hin oder her: Ohne Figuren, die den Zuschauer interessieren, kann ein Film keine Spannung aufbauen. Genau das ist hier aber der Fall. Hier wird uns ein buntes Sammelsurium aus Top-Wissenschaftlern geboten, die abgesehen von ein paar Zeilen Exposition nichts weiter als „Dead Meat“ sind. Wir erfahren rein gar nichts über ihre Persönlichkeiten, viele Charakterelemente und -motivationen bleiben völlig im Dunkeln. Vor allem bei den so genannten „Hauptcharakteren“ fällt das schwer ins Gewicht: Noomi Rapace aka Elizabeth Shaw ist der extrem offensichtliche Versuch einer Ripley-Kopie (strong independent woman). Wir bekommen zwar kleine Charakter-Häppchen erzählt (aus den Handlungen oder den Reaktionen kann man sich das nicht erschließen…), aber insgesamt bleibt sie unglaublich blass und allenfalls minimal sympathisch. Das bricht dem Film dann aber in den Momenten das Genick, in denen wir dann mit Shaw mitfiebern sollen: Es gibt eine Szene, die unfassbar spannend und brutal hätte sein können und in bester Alien-Tradition genau darauf abzielt; das Problem ist aber, dass sie über die gesamte Laufzeit des Films eine Fremde für uns bleibt. Also warum sollte uns kümmern, was mit ihr passiert? Nun gut, zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt, dass Elizabeth Shaw zumindest sympathischer als der Rest der Crew ist. Die sind nämlich allesamt dumm wie Brot. Aber volle Kanone. Hier reiht sich eine saudumme Entscheidung mit Facepalm-Potential an die nächste. Ich will hier nicht spoilern, deshalb muss es reichen, wenn ich sage: Schlussendlich wünscht man sich, dass diese Hirn-Kastraten draufgehen. Am besten noch in einer großen Blutwolke. Prometheus WILL eben KEIN rein abstraktes Philosophie-Werk sein, sondern es soll Spannung erzeugt werden. Und genau da scheitert der Film grandios.

Auch in Sachen Story kann Prometheus, der zwar nicht direkt mit dem Original-Alien zusammenhängt, aber immerhin im selben Universum spielt (Stichwort Space-Jockey und Weyland) nicht überzeugen. Alien hatte durch seine simple Ausgangssituation (Killermaschine vs. hilflose Menschen in einer versiegelten Umgebung) profitiert und baute mit simplen Mitteln eine monströse Spannung auf. Das Konzept wurde mittlerweile in vier Filmen und zwei Spin-Offs genügend gemolken; insofern ist es natürlich begrüßenswert, dass Prometheus neue Wege bestreiten will. Es muss ja auch kein Sci-Fi-Horror sein, eine intelligente, philosophische Suche nach dem Ursprung des Lebens? Komplexe Theorien anstelle von klaustrophobischer Atmosphäre? Bitte, man ist ja offen für alles, besonders wenn 2001 – Odyssee im Weltraum zu den persönlichen Lieblingsfilmen gehört. Leider kam irgendjemand auf die Idee, Damon Lindelof an das Script zu lassen. Damon Lindelof. Einer der hauptverantwortlichen Story-Entwickler hinter der Serie „Lost“. Warum ich das hier so betone? Weil sich im grundlegenden Aufbau von Prometheus durchaus einige Parallelen zu Lost ziehen lassen.

Prometheus erfüllt leider seine Funktion eines Prequels, das offene Fragen und Geheimnisse erklären soll, nur bedingt. Ja, wir erfahren, wie versprochen, Näheres über den mysteriösen, versteinerten „Space Jockey“ aus Alien. Naja, wir sehen ihn ein oder zweimal. Wer er ist, wo er herkommt, was seine Funktion ist – das klären wir in irgendeinem Sequel zu dem Prequel, das bereits geplant ist. Stattdessen nutzen wir lieber die Filmlaufzeit, um noch mehr Fragen aufzuwerfen. Am Ende kann der Film vor offenen Fragen kaum mehr stehen und der Zuschauer wird auf die Fortsetzung vertröstet. Klingt das bekannt? Die Antwort fängt mit „L“ an und hört mit „ost“ auf. Auch hier türmten sich im Verlauf von sechs Staffeln Mysterien über Mysterien, Fragen über Fragen, Cliffhanger über Cliffhanger, offene Fragen wurden mit neuen offenen Fragen geklärt und im Internet wurde heiter mitgerätselt. Das funktioniert bei einer Mystery-Serie mit einem spannenden Konzept und vor allem viel Zeit, seinen Geheimnis-Wust über zig Folgen in Ruhe auszubreiten, sehr gut. Im Falle Prometheus aber sorgt ein solcher Aufbau für Verwirrung und schlussendlich für eine eher distanzierte Sicht auf den Film. Der Film wirft mit so vielen verschiedenen Elementen um sich, streift Plot Points ohne auch nur einen einzigen davon zu vertiefen oder zu erklären. Am Ende weiß man nicht mehr, welches Monster jetzt woher kommt und was macht…egal, hauptsache MONSTER MASH!!! Da sind dann Charakter-Twists, die völlig aus dem Nichts kommen, nicht einmal ansatzweise erklärt werden und somit für den Zuschauer auch keinen Sinn ergeben, auch nicht besonders hilfreich.

Und wenn wir gerade schon bei Lost-Vergleichen und Lindelof sind: Auch wenn die Macher alle noch so oft beteuern, dass der Plot nicht ins Leere läuft und tatsächlich alle Fragen beantwortet werden sollen – erinnert euch mal an das Ende von Lost: Da konnten Lindelof und Co irgendwann auch nicht mehr weiter Fragen auftürmen, sondern mussten anfangen, Erklärungen zu liefern. Das war dann der Moment, in dem die Serie völlig zusammenbrach. Das Ergebnis war ein völlig kruder, unbefriedigender Batzen Antworten, dessen überkitschige pseudo-tiefgehende Inszenierung von der einfachen Tatsache ablenken sollte, dass vieles überhaupt keinen Sinn ergab und vor Logik- und Anschlussfehlern nur so triefte. Man wurde das Gefühl nicht los, dass die Schreiber sich in eine Sackgasse geschrieben hatten. Viele Fragen wurden gar nicht erst beantwortet, sondern blieben „bewusst“ und „absichtlich“ offen, während der Rest viele Fans (mich eingeschlossen) frustriert zurückließ. Prometheus droht bereits jetzt, in genau dieses Schema zu fallen, denn es gibt bereits jetzt eine Menge Plotholes und Elemente, die bei genauer Betrachtung überhaupt keinen Sinn ergeben.

In Sachen Schauspieler-Leistung kann man nicht meckern. Sie können allesamt nichts dafür, dass die Figuren so blass bleiben. Jeder arbeitet eben mit dem, was das Drehbuch ihnen gibt und sei es noch so wenig. Noomi Rapace darf immerhin in einigen Szenen zeigen, was sie wirklich draufhat und spielt die Panik ihres Charakters perfekt aus (besonders in einer Szene…ich sprach schonmal davon). Daneben haben wir einen grandios unterforderten Idris Elba und eine seltsam deplatziert wirkende Charlize Theron. Ach ja, und Guy Pearce mit grauenhaftem Alter-Mann-Make Up. Michael Fassbender überzeugt mit seiner Darstellung als Cyborg, aber seine Motivation bleibt völlig im Dunkeln und scheint sich zwischendurch sogar selbst zu widersprechen. Das ist aber nicht die Schuld des Schauspielers, sondern des Drehbuchs.

Prometheus ist leider ein klassischer Fall von Style over Substance. Visuell und handwerklich fantastisch schafft es der Film leider weder den Zuschauer zu packen und mitzureißen, noch überzeugt sein komplexer Story-Überbau, der voller Plotholes ist und statt Antworten nur weitere Fragen liefert. Ich bezweifle stark, dass die bereits angekündigten Sequels zum Prequel (das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen) all diese Fragen zufriedenstellend beantworten können. Zwar kann ich den Hass vieler Internet-User (wobei da wieder, wie schon bei The Dark Knight Rises viele Hater unterwegs sind, die den Film anhand von zusammengegoogelten Fehlern aufhängen wollen), aber insgesamt lässt Prometheus einen erstaunlich kalt. Und das ist vielleicht das Schlimmste, was einem Film passieren kann.

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Ein Gedanke zu “Prometheus: Dunkle Zeichen – Review

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