James Bond 007: Skyfall – Review

 

Uff. Okay, ihr kennt das Spiel ja mittlerweile: Erstmal ist die Trivia abzuarbeiten. Das ist bei einem Film-Franchise, das nun seinen 50. Geburtstag feiert, ein Haufen Arbeit, aber ich mache es kurz: Ich war nie ein allzu großer James Bond-Fan. Weder bin ich mit den Filmen aufgewachsen, noch mutierte ich später zum absoluten 007-Liebhaber. Ich habe allerdings auch kein Problem mit ihnen; viele dieser Filme sind genau das, was sie sein sollen: Nette, solide Action-Unterhaltung, bei der man als Zuschauer immer weiß, was einen erwartet. Klar ist allerdings auch, dass sich jede Formel irgendwann mal ausreizt und im Fall Bond trug das Dilemma den Namen „Stirb an einem anderen Tag“, in dem sich das Franchise völlig verrannte: Absurde Action-Sequenzen, eine lächerliche Story, überladen mit schlechten CGI-Effekten sowie der verzweifelte Versuch hip und cool zu wirken – all das waren die Symptome einer Serie, die Gefahr lief, sich selbst zu überleben. Die Produzenten erkannten trotz überragender Einspielergebnisse die Warnzeichen (miserable Kritiken, wohin das Auge auch reichte), zogen die Notbremse – und holten den Reboot-Vorschlaghammer hervor.

Casino Royale präsentierte nicht nur einen deutlich raueren und geerdeteren James Bond, der sich wieder deutlich mehr an der Buchvorlage von Ian Fleming orientierte, sondern verlieh dem Charakter mit einem großartig gecasteten Daniel Craig tatsächlich etwas Tiefe und Emotionalität, was den ganzen Film deutlich spannender und interessanter machte. Zwar orientierte sich der Richtungswechsel durchaus an den ebenfalls sehr populären „Bourne“-Filmen, aber ich behaupte bis heute, dass Kritiker der neuen Bonds es sich mit bloßen Kopie-Vorwürfen etwas zu leicht machen. Casino Royale hatte seinen eigenen Stil, war modern und mitreißend, ohne die klassischen Elemente des Franchises völlig über Bord zu werfen. Der Nachfolger „Ein Quantum Trost“ hingegen erwies sich als das genaue Gegenteil. Zwar hatte man mit Marc Foster einen gefeierten Arthouse-Regisseur am Start, doch genau hier lag auch das Problem, denn Foster schien mit der Inszenierung von Action-Szenen völlig überfordert. So waren viele Fans zurecht enttäuscht über die inkonsequente Mischung aus belangloser, pseudo-gesellschaftskritischer Story, völlig verwackelten und miserabel fotografierten Action-Sequenzen, einem stumpfen und gelangweilt wirkenden Hauptcharakter und dem schlichten Fehlen von erinnerungswürdigen Höhepunkten. Nach einer laaaangen Zwangspause durch die Insolvenz von MGM waren die Vorzeichen für den neusten Streich Skyfall sehr ähnlich: Daniel Craig nimmt die Rolle als 007 wieder auf und mit Sam Mendes („American Beauty“) sitzt erneut ein Arthouse-Regisseur auf dem Regiestuhl. Also ein weiterer Fehlschuss?

Skyfall beginnt mit einem Knall: JAMES BOND STIRBT!!!!!!1111einself Natürlich weiß jeder Kinozuschauer, dass das Nonsens ist (aber hey, Bond mal in den ersten zehn Minuten wirklich zu killen – DAS hätte doch mal Eier). Tatsächlich wird der Doppelnull-Agent in der Türkei auf der Jagd nach einer Festplatte mit den Identitäten sämtlicher Undercover-Agenten des MI6 versehentlich von seiner Partnerin Eve (Naomi Harris) angeschossen und für tot erklärt. Während James frustriert zurückgezogen lebt und einen Drink nach dem anderen hebt, beginnt beim MI6 die Kacke so richtig zu dampfen. Geheimdienst-Chefin M (Judi Dench) wird bedroht – von niemand geringerem als dem exzentrischen Raoul Silva (Javier Bardem), eine Figur aus M’s Vergangenheit. So liegt es mal wieder an Bond, den Tag zu retten, was sich allerdings als alles andere als einfach erweist, denn die lange Pause hat den Doppelnull-Agenten körperlich geschwächt. Zumal Silva versucht, Bonds Loyalität in seine langjährige Chefin nachhaltig zu erschüttern.

Eine Sorge kann ich den Fans und Skeptikern der Serie direkt zu Beginn schon mal nehmen: Skyfall ist kein Quantum Trost. Der Film besinnt sich auf die Storytelling-Stärken von Casino Royale und spickt ihn mit diversen klassischen Elementen der Serie (unter anderem dürfen wir uns auf eine Rückkehr von Gadget-Tüftler Q und diverse augenzwinkernden Reminiszenzen der alten Filme freuen). Zudem legt Skyfall erstmals den Fokus auf die von Judi Dench grandios verkörperte M, was dem Film einen neuen und innovativen Dreh im Kontext der Bond-Saga verleiht.

Ebenso interessant ist der Ansatz, Bond außerhalb seiner üblichen Form zu zeigen (seit The Dark Knight Rises scheint die „gefallener Held“-Thematik richtig „hip“ zu werden, nicht wahr, Iron Man 3? 😀 ). Leider zeigt Skyfall hier seinen ersten Schwachpunkt, denn dieser Handlungsstrang wird nur sehr knapp gestreift und anschließend völlig über Bord geworfen: Bond trinkt ein bisschen was, ist ein wenig unrasiert, scheitert an ein zwei Klimmzügen und verfehlt die Zielscheibe – das wirkt alles sehr holzhammer-artig, zumal Craig wenig später sowieso wieder alles niedermäht, was nicht bei drei im nächsten Subway verschwunden ist. Auch der angedeutete moralische Konflikt zwischen Bond und M wird allenfalls in ein zwei Dialogzeilen angesprochen und verschwindet wenig später völlig. Hier verspielt Skyfall einige wirklich interessante Möglichkeiten für Tiefgang – aber das ist immer noch ein Bond-Film, vielleicht verlange ich da auch zu viel.

Ich muss gestehen, dass ich nach der obligatorischen Pretitle-Action-Szene etwas skeptisch war. Zwar kracht es hier ordentlich und dem Zuschauer wird eine Auto-Verfolgungsjagd, eine Motorrad-Verfolgungsjagd und ein Faustkampf auf dem Dach eines Zuges geboten – aber irgendwie wirkt es dann doch leicht unspektakulär. Das ist alles keinesfalls vergleichbar mit der grandios verkorksten Eröffnungs-Szene aus Quantum, aber trotzdem: Man wird das Gefühl nicht los, das alles schon zigtausendfach in anderen Action-Filmen gesehen zu haben; man könnte es eine leichte Übersättigung nennen. Doch dieser kleine Dämpfer wird direkt im Anschluss durch eine grandios animierte Titelsequenz mit einem eingängigen Theme-Song ausradiert. Und dann, ja dann legt Sam Mendes erst so richtig los.

Die Entscheidung, den Oscar-Preisträger ins Boot zu holen, erweist sich als goldrichtig, denn der Mann weiß einfach genau, wohin er seine Kamera stellen muss. Ich begebe mich bestimmt nicht auf dünnes Eis, wenn ich einfach mal die Behauptung auf den Tisch knalle, dass Skyfall der stylischste Bond-Film aller Zeiten ist. Die Bildkompositionen sind wunderschön und einfach perfekt. Besonders erwähnenswert sei hier eine Kampfszene in einem Hochhaus in Shanghai vor großen, ständig die Farbe wechselnden LED- Wänden, die den Kampf zu einer Art stilisierten Schattenspiel werden lässt. Aber vor allem das Finale weiß durch sein sehr ungewöhnliches und gerade dadurch besonders frisch wirkendes Setting zu überzeugen (für mich persönlich vielleicht der beste und mitreißendste Action-Showdown des ganzen Jahres). Auch hier: Jeder Shot ist brillant gesetzt und wie für die große Leinwand geschaffen. Auch wenn Sam Mendes an einigen Stellen einige Kompromisse eingehen und Platz schaffen muss für einen wirklich übertriebenen Einsatz von Product Placement – sei es der Vaio-Laptop von Q im Mittelpunkt des Frames oder eine KOMPLETT ÜBERFLÜSSIGE Einstellung, in der Bond auf einem Bett liegt und eine Flasche Heineken trinkt. Hallo, im Kino muss man mittlerweile bereits bis zu 40 Minuten Werbung durchstehen, gebt uns mal ne Pause, verdammt!!!!

Leider wird Skyfall an manchen Stellen die lange Laufzeit von über 140 Minuten zum Verhängnis. Gerade zu Beginn ist das Tempo des Films recht langsam und oft sogar behäbig. Eigentlich sollte ich die letzte Person sein, die so etwas stört, immerhin zählen „2001: Odyssee im Weltraum“ und „The Good, the Bad, the Ugly“ zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Aber das hier ist immer noch ein Bond-Film, ein unterhaltsamer Popcorn-Film mit ein paar interessanten Tiefgang-Momenten im Rahmen seiner Möglichkeiten. Es ist schön, dass Bond in den neuen Filmen ein wenig mehr Persönlichkeit verliehen wird, aber seien wir mal ehrlich: James Bond wird niemals „Der Pate“ werden. Es geht immer noch um einen Super-Agenten und Over-the-Top Action, weshalb das gesetztere Pacing in diesem Fall gegen den Film arbeitet. Sehr schön hingegen sind die vielen kleinen Anspielungen auf die Serie als solche, die mit einem Augenzwinkern und viel Spaß inne Backen in den Film eingestreut wurden. Man könnte argumentieren, dass manche Seitenhiebe etwas ZU offensichtlich und plakativ sind (Q: „Was haben Sie denn erwarten, explodierende Kugelschreiber?“), aber hey, eine 50 Jahre alte ikonische Filmreihe darf sich auch gerne mal selbst feiern. Tatsächlich lässt sich vieles von dem, was M sagt – gerade in der Gerichtsszene – auf durchaus clevere Weise 1 zu 1 auf das Franchise übertragen.

Was den Film aber wirklich hervorhebt, sind die Leistungen der Schauspieler. Jeder, der jetzt noch behauptet, dass Daniel Craig kein würdiger Bond-Darsteller ist, kann sich von mir aus in seinem Wohnzimmer einschließen und beleidigt „Moonraker“ gucken – der Junge ist mittlerweile so mit seiner Rolle verwachsen, als hätte er nie eine andere Rolle gespielt. Jede Szene wird von seiner Präsenz eingenommen und ihm wird genug Raum geboten, um die Charaktermomente hervorragend auszuspielen. Zudem darf Judi Dench endlich mal ein wenig mehr zeigen und beweisen, dass sie nicht ohne Grund einen Oscar ihr Eigen nennt. Auch die Neuzugänge passen erstaunlich gut in das Konzept der Reihe, sodass man sich tatsächlich bereits freut, sie in den (garantiert kommenden) Sequels zu sehen. Sei es Naomie Harris als schlagfertige wie verführerische Eve, sei es Ralph Fiennes als kalter, effizienter neuer Chef, oder sei es Ben Wishaw, der der Figur Q ein zeitgemäßes Update verleiht – auch wenn hier mal wieder das leidige Hollywood-Klischee des hyperintelligenten Turbo-Hackers zum Tragen kommt.

Und doch verblasst diese Riege der Hochkaräter gegenüber einem Mann: Javier Bardem. Definitiv einer der erinnerungswürdigsten Bond-Schurken aller Zeiten. Bardem spielt Silva, M’s geheime Nemesis, in einer atemberaubenden Mischung aus Exzentrik und Bedrohlichkeit. Die Rachethematik wird zwar nur angeschnitten, passt allerdings hervorragend in das Konzept des Films. Ja, auch hier haben wir wieder dieses Cyberterroristen-Klischee mit einem Charakter, der mit ein paar Zeilen Code quasi die ganze Welt beherrschen kann (und anstelle von tausend lahmen Computer-Code-Zeilen zeigen wir ein paar große Netzwerk-Schaubilder, die blutrot werden, denn das ist genau die Art auf die Computer-Hacking funktioniert, ne…), aber das ist schlussendlich vollkommen zweitrangig: Bardem nimmt wie schon damals in „No Country for old men“ jede Szene völlig für sich ein und sorgt für eine nachhaltige Wirkung. Eine tragische und faszinierende Figur mit einem dunklen Geheimnis, in der der Schauspieler in Sprache, Bewegung und Mimik völlig aufgeht und zum Charakter Silva wird. Wer war nochmal dieser Wasser-Dieb aus Quantum oder die Diamanten-Fresse aus Stirb an einem anderen Tag?

Vielleicht sollte ich noch auf das Bond-Girl eingehen, eines der ikonischsten Elemente aller Bonds. Nun ja, wir haben hier tatsächlich erneut eine großbusige Maid in der Gestalt von Bénérice Marlohe aka Sévérine: Eine junge Frau, die von Silva bedroht wird und sich von Bond versprechen lässt, sie zu befreien. Mehr Worte muss ich dazu nicht verlieren, denn bereits nach gefühlten fünf Minuten wird sowohl der Charakter als auch der komplette Handlungsstrang völlig über Bord geworfen ohne irgendeine Auswirkung auf die Charaktere oder die Story zu haben. Im Wesentlichen also eine reine Zeitverschwendung.

Skyfall ist dem im selben Jahr erschienenen The Dark Knight Rises in vielerlei Hinsicht gar nicht mal so unähnlich: Beide haben als Ausgangspunkt eine ikonische Figur in einer Film-Reihe, die zunehmend dümmer wurde und Gefahr lief, sich zu wiederholen. Sowohl Batman als auch James Bond wurde ein zeitgemäßer Anstrich und mehr Charaktertiefe verliehen. Skyfall wie auch Rises enden schließlich mit einem Brückenschlag zwischen den alten und neuen Filmen der Reihe. Ist Skyfall der beste Bond aller Zeiten? Ich finde, das kann man nicht wirklich sagen. Jeder James-Bond-Film war schlussendlich ein Kind seiner Zeit; somit ist es immer eine Frage des Geschmacks, welche Art von Bond-Film einem am besten gefällt. Skyfall ist nicht perfekt oder fehlerlos, aber es bleibt wunderbares Popcorn-Kino und hält den Charakter frisch und interessant. Und das ist nach 50 Jahren doch mal eine Ansage.

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