Der Hobbit: Eine unerwartete Reise – Review

Wir schreiben das Jahr 2011. Ein junger, filmbegeisterter Abiturient beschließt, sich aus reinem Spaß an der Freude in der hohen Kunst der Filmkritik zu versuchen. Zwei drei WordPress-Klicks später ist Gerry42 geboren. Das erste, aus heutiger Sicht eher unbeholfene Review: Die Herr der Ringe-Trilogie von Peter Jackson. Diese neuzeitlichen Klassiker der Filmgeschichte haben bereits ein paar  Jährchen mehr auf dem Buckel als mein Blog – „Die Gefährten“ kam 2001 weltweit in die Kinos und begeisterte Millionen und Abermillionen Zuschauer für ein Genre, das bis dahin eher als „Nerdkram“ verschrien war – das Fantasy-Genre. 2003 erntete der letzte Teil „Die Rückkehr des Königs 11 Oscars und katapultierte den ehemaligen Splatter-Spezi aus Neuseeland in den Hollywood-Himmel. Und was soll ich sagen: Zehn Jahre später wirkt die Trilogie kein Stück veraltet. Noch immer gehören die Extended Editions der Filme zu meinen absoluten Lieblingsfilmen und meine Meinung hat sich auch knapp anderthalb Jahre nach meinem Review nicht geändert.

Warum ich diesen ganzen Käse erzähle? Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, aber die Einleitung passt aus aktuellem Anlass ganz gut: Zehn Jahre nach der Ringe-Trilogie, über ein Jahr nach meinem ersten Review, verfilmt Jacko ein weiteres bekanntes Tolkien-Werk: „Der Hobbit“. Eigentlich ein knapp 300-seitiges Kinderbuch, das inhaltlich mit der Ringe-Saga direkt zusammenhängt. Und hier ist auch schon das erste große Fragezeichen, denn Jackson möchte nicht einfach nur das Büchlein verfilmen – er macht daraus direkt eine neue Mittelerde-Trilogie. Mit Überlänge. Das wirkt erstmal etwas befremdlich, so als würde man aus einem Pixi-Buch ein zehnteiliges TV-Event machen, aber per se muss das ja nicht automatisch bedeuten, dass der Film schlecht ist (nicht wahr, liebe US-Vorabkritiker?). Wie dem auch sei, für mich als Mittelerde-Fan stand natürlich außer Frage, auch diesen Film zu untersuchen – in 2D und bei 24 Frames pro Sekunde (so wie Filme seit Anbeginn der Filmgeschichte abgespielt werden…so wie es sein SOLLTE!!!) – auf eine Beurteilung der ganzen technischen Gimmicks werdet ihr also hier verzichten müssen.

Eigentlich will der Hobbit Bilbo Beutlin (Martin Freeman) nur seine Ruhe haben und in seiner gemütlichen Hobbit-Höhle Pfeife rauchen. Doch als eines Tages der Zauberer Gandalf (Ian McKellen) zusammen mit 13 Zwergen vor seiner Tür steht und ihn auf ein Abenteuer mitnimmt, ist es mit der Beschaulichkeit vorbei. Bilbo soll den Zwergen dabei helfen, ihren Schatz aus den Klauen des Drachens Smaug zurückzugewinnen. Unter dem Kommando des Zwergs Thorin Eichenschild (Richard Armitage) macht sich die Gruppe auf den gefährlichen Weg, auf dem neben Orks, Trollen und Goblins auch eine gewisse mörderische Kreatur mit dem Namen Gollum (Andy Serkis) wartet.

„Der Hobbit“ beginnt, wie sein Vorgänger, in Hobbingen im Auenland. Die Kulissen, die Musik, die Atmosphäre – es ist eine Rückkehr zu einem altbekannten und liebgewonnenen Ort. Dazu gibt es auch noch Cameos von Elijah Wood als Frodo und Ian Holm als alten Bilbo und schon ist man wieder im Ringe-Universum. Es fühlt sich einfach gut an und ich vermute, dass viele Herr der Ringe-Fans eine ähnliche kindliche Freude dabei verspüren. Es ist die Freude auf das Abenteuer, das vor den Charakteren liegt, auf die Erforschung von neuen Gebieten und die Rückkehr an bekannte Orte, die den Zuschauer vergessen lassen, dass die Verfilmung eines 300-seitigen Kinderbuchs als Trilogie reine Geldmache ist. Natürlich ist sie das…na und??? Halt’s Maul, ich bin in Mittelerde!

Die Länge von 169 Minuten schadet dem Film nicht – wie schon in den drei Ringe-Filmen gibt es in den ersten zwei Dritteln des Films kaum Längen. Der Ton des Films wechselt häufig sehr abrupt, beispielsweise von Slapstick-Einlagen zu dunklen Rachethemen hin zur Herr der Ringe-Epik. Das mag viele gestört haben, in meinen Augen passen die einzelnen Elemente jedoch gut zusammen. Sie bringen Abwechslung in den überlangen Film und verleihen ihm eine eigenständige Note, die ihn von seinen mit Oscars gekrönten Vorgängern unterscheidet. Und nein, ich hatte kein Problem mit der albernen Trollen. Ja sicher, sie sind kindisch und alles andere als hohe Dialog-Kunst…aber es ist gleichzeitig eine treue Buchumsetzung und nicht zu extrem abweichend von dem Universum, das Jacksons Filme etabliert haben. Leicht befremdlich wirkt dagegen der braune Zauberer Radagast, der wirklich etwas übers Ziel hinaus schießt. Im Buch wird er lediglich einmal kurz erwähnt, im Film nimmt er jedoch eine tragende Rolle ein und wird von Sylvester McCoy als überdrehter Sonderling, der mit den Tieren des Waldes spricht und einen Kaninchen-Schlitten fährt (!!!), dargestellt.

Da man 300 Seiten nicht so ohne weiteres auf drei überlange Filme übertragen kann, finden sich in „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ einige Abweichungen vom Buch , die als streckende Elemente fungieren. So wird mit dem rachesüchtigen Ork Azog ein neuer Antagonist eingeführt, der im Finale auf Thorin Eichenschild trifft, um eine alte Rechnung zu begleichen. Nun ja…hier bemüht sich Jackson doch etwas zu stark, um von der Tatsache abzulenken, dass der Drache Smaug erst in Teil 2 auftaucht und dem ersten Film somit ein großer Gegner fehlt. Azog ist nicht besonders beeindruckend, hat kaum Persönlichkeit und sein gesamter Handlungsstrang wirkt letztlich wie angetackert. Der zusätzlich angeteaserte Nekromant, der in einem der nächsten Filme auftauchen wird, hingegen fügt sich sehr gut in den Film-Kontext ein und fügt der Handlung neben Smaug eine weitere düstere Bedrohung hinzu, die mich bereits jetzt neugierig auf die Sequels macht.

Wo wir grade bei Antagonisten sind: Jeder Buchkenner darf jetzt einmal laut schreiend aus dem Fenster springen vor Begeisterung. Ja, das legendäre „Rätsel im Dunkeln“-Kapitel ist in diesem Film. Mit anderen Worten: Gollum is back. Und ist so faszinierend und bedrohlich wie eh und je. Andy Serkis übertrifft sich in seiner Performance-Capture-Darstellung selbst, sodass Jackson nichts mehr groß tun muss, außer die im Buch großartig geschriebene Szene ausspielen zu lassen. Dieser Moment ist der absolute Höhepunkt des Films und gleichzeitig der Moment, ab dem sich doch einige Längen in dem Film bemerkbar machen, denn die nachfolgenden Action-Szenen sind etwas zu ausufernd und lang, ohne dass die Intensität und Spannung der „Rätsel im Dunkeln“ erreicht werden. Trotzdem kann man auch nicht behaupten, dass der Film danach langweilig wird; dafür ist Peter Jackson ein viel zu fähiger Regisseur, der epische Höhepunkte auch episch zu inszenieren weiß. Und seien wir mal ehrlich: Diese MUSIK macht jede Länge wieder um ein Vielfaches wett.

Technisch ist der Film erneut Augenfutter vom Feinsten. Die langen epischen Kamerafahrten über die grünen Auen von Neuseeland…ähm, Mittelerde natürlich…sind auf der Leinwand atemberaubend. Dazu noch der fantastische Filmmusik von Howard Shore, der neben den bekannten Scores auch einige neue Stücke wie das epische „Misty Mountains“ anzubieten hat – meterdicke Gänsehaut ist garantiert. Kritisch wird es erst bei den CGI-Szenen. Oh, nicht falsch verstehen, WETA hat auch hier wieder erstklassige Arbeit geleistet (Gollum sieht besser aus als je zuvor), aber viele der Orks und Goblins, allen voran der Goblin König und Thorins Nemesis Azog wirken etwas künstlich und man sieht ihnen den Computer-Hintergrund an. Das ist Jammern auf extrem hohen Niveau, aber im Vergleich zu den grandiosen Masken und praktischen Effekten der Orks aus „Ringe“ ziehen sie einfach den Kürzeren.

Martin Freeman fügt sich als Bilbo nahtlos in Mittelerde hinein, verleiht ihm Charakter und Persönlichkeit und verschwindet völlig in der Rolle – das größte Kompliment also, das man der grandiosen Leistung des aus der BBC-Serie „Sherlock“ bekannten Schauspieler machen kann. Über die alte Schauspieler-Garde um Ian McKellen, Cate Blanchett, Hugo Weaving und Christopher Lee braucht man nichts weiter zu sagen, sie nehmen ihre Rollen in gewohnt brillanter Manier wieder auf. Andy Serkis spielt sowieso jenseits von gut und böse, während Neuzugang Richard Armitage einen soliden Job erledigt, auch wenn in seine Rolle mitunter etwas zu viel Pathos reingeklatscht wird (geben wir mal dem Drehbuch die Schuld). Die restliche Zwergen-Crew agiert ebenfalls gut – leidet allerdings an einem zentralen Problem: Sie haben kaum bis keine Persönlichkeit. Alles, was der Zuschauer von ihnen erhält, ist der Name und wenn das Drehbuch mal besonders keck ist, ein zwei Zeilen Dialog – ansonsten unterscheiden sie sich allenfalls durch ihre Bärte voneinander. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass das in der Buchvorlage anders wäre – aber beim Medium Film wirkt sich dieses Versäumnis gravierender aus (im Buch konnte J. R. R. Tolkien die Hintergründe von Zwergen wie Balin oder  in diversen Nebensätzen sowie den drölfzigtausen Anhangskapiteln der Mittelerde-Saga zumindest grob ausloten).

Also, ist Der Hobbit – Eine unerwartete Reise das neues Meisterwerk des Fantasy-Films? Nein, dafür ist die Handlung zu gestreckt und löchrig (es gibt diverse Plot-Holes, einige davon sogar sehr gravierend – Stichwort Adler) und der Film leidet an kleineren Schwächen – im Gesamtbild ergibt sich allerdings ein extrem gelungener Trilogie-Auftakt, der Lust auf mehr macht. Visuell ist der Film unübertroffen, die Schauspieler sind großartig und es gibt viele große und kleine aber am wichtigsten ist das Feeling: Der Hobbit fügt sich nahtlos in die Herr der Ringe-Trilogie ein. Man merkt dem Film an, dass er, trotz des offensichtlichen Versuchs den finanziellen Erfolg der Vorgänger zu kopieren, mit viel Liebe und Detailgenauigkeit geschaffen wurde. Wir sind wieder in Mittelerde und uns erwartet ein neues Abenteuer in dieser Welt, die wir in drei meisterhaften Filmen liebgewonnen haben.

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3 Gedanken zu “Der Hobbit: Eine unerwartete Reise – Review

  1. Waren gestern endlich im hobbit. Du hast recht ziemlich lang…aber Gollum und die Musik großartig. Der „Oberzwerg“ hatte leider nur einen Gesichtsausdruck und dieses epische Schlachtengetümmel nervte mich irgendwann. Die ersten 30min in 3D furchtbar…später wurde es besser (vielleicht gewöhnt man sich an die Künstlichkeit). Bilbo macht es sehr gut und die einzige Frau im Film….atemberaubend (komisch kein Wort über sie????). Die Elben wieder sehenswert. Also ein gelungener Abend. Zu Hause in Mittelerde.

  2. Pingback: Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere – Review | gerry42

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