Awakened (As I Lay Dying) – Review

Metalcore ist ein Genre, das sich am ehesten mit Fertigfutter vergleichen lässt: Schnell und leicht sättigend, aber auf Dauer unfassbar fad und ungesund. Egal, wie viele verschiedenen Sorten man probiert, letzten Endes bleibt man immer mit einem flauen Gefühl im Magen zurück. Und genau das ist das Problem von Metalcore: Es gibt einfach zu viele Bands, die einfach innovationslos den gleichen Stiefel zwischen Metal und Hardcore durchwürgen. Irgendwann hat man den x-ten vorhersehbaren pseudo-heavy Breakdown gehört, den x-ten monotonen Shout, das x-te seelenlose Clean-Gejaule, das den Anschein von Abwechslung erwecken soll…natürlich, jedes Metal-Subgenre hat so seine Stinker und zigtausend erbärmliche Klone, aber besonders der Metalcore bietet heutzutage, wo irgendwie alles schon da gewesen zu sein scheint, überdurchschnittlich wenig Abwechslung.

Und dann gibt es noch As I Lay Dying. Während viele andere Metalcore-Bands den kreativen Ausverkauf ihres Genres erkannt haben und in andere übergewechselt sind (Machinemade God, Trivium…), sind die fünf Jungs aus Kalifornien im Metalcore geblieben – und gehören mittlerweile zu meinen absoluten Lieblingsbands. Der Grund: Die Metalcore-Elemente sind alle vorhanden, werden aber durch die verschiedensten Einflüsse vom Death Metal bis hin zur klassischem Heavy Metal ergänzt. War Shadows are Security noch ein recht solides Album mit einigen coolen Momenten und den ersten Hits („Through Struggle“ –> der letzte Breakdown am Ende killt ALLES), so war An Ocean Between Us der Quantensprung schlechthin. Intelligente Texte, ein genialer Front-Shouter (der, das sei mal bemerkt, in Perfektion shouten, screamen und growlen kann), astreine Riffs und Clean-Gesangspassagen mit Hitcharakter. Hier waren es vor allem die Überhits „Nothing Left“ und „I Never Wanted“, die hängen blieben, aber auch die übrigen Songs spielten mit dem Genre, brachen es immer wieder auf und lieferten neben harten Moshparts kurze Power Metal-Einschübe oder Noise-Attacken in bester Carcass-Manier (Jeff Walker hat sich bei „Wrath Upon Ourselves“ garantiert die eine oder andere Träne der Rührung aus den Augenwinkeln gedrückt).

Der Nachfolger „The Powerless Rise“ präsentierte sich da sperriger, aber gerade dadurch auch interessanter: Knüppelharte Brutalo-Hits wie „Beyond our Suffering“ wechselten sich mit faszinierenden, sich erst nach dem zweiten oder dritten Hörgang erschließenden Experimenten à la „The blinding of false lights“ ab. Nach einer inhaltlich eher dürftig ausgefallenen EP (ebenfalls hier rezensiert) ist nun Awakened da – Stillstand oder Fortschritt?

Es ist nie falsch, sein Album mit einer Granate zu beginnen. Cauterize ist eine solche. Tim Lambesis gibt mit einem furiosen Einstiegsschrei direkt die Marschrichtung vor, es folgt handwerklich perfekter Metalcore bei erhöhtem Tempo – und dann ein Refrain, bei dem jedem Metal-Fan das Höschen nass wird vor Freude. Josh Gilbert singt eine dermaßen eingängige Melodie, dass es erstaunlich ist, dass das Aufnahme-Mikro vor lauter Epik nicht explodiert ist. Ich lehne mich da nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich einfach mal behaupte, dass das die wohl beste AILD-Hook seit „Nothing Left“ ist. Unterstützt wird der Über-Refrain dann noch von Lambesis kraftvollen Organ – wie viel geiler kann ein Song noch werden?

Die Antwort liefert mit A Greater Foundation direkt der zweite Überhit. Hier beweist Lambesis ein weiteres Mal seine gesammelte Bandbreite, die weit über monotone Shouts hinausgehen. Für melodische Hooks ist da kein Platz, stattdessen streitet sich der Sänger mit grandiosen Gangshouts, die förmlich dazu einladen, die Fäuste in die Luft zu recken und mitzuschreien (mir ist das sogar beim Joggen passiert…seitdem gelte ich in den Augen einer vorbeispazierenden Familie vermutlich als besessen 😛 ). Dazu werden die Uptempo-Riffs von den Herren Hipa und Sgrosso mit so hoher Präzision eingetackert, das es eine wahre Freude ist:Die trashigen Gitarrenläufe in den Strophen sind Gold. Der Song ist ein eingängiger Headbanger allererster Klasse – da wäre die melodische Bridge als i-Tüpfelchen gegen Ende des Songs kaum noch nötig gewesen. Erneut ein Song, der sich direkt in die Liste der All-time-Faves katapultiert – und wir sind erst bei Track 2…

Resilience schaltet erstmal ein, zwei Stufen herunter und bietet einen langsamen melodischen Einstieg vor der recht metalcorekonformen Strophe. Abgesehen von einigen Carcass-artigen Screams von Lambesis gibt es da nichts besonderes zu vermerken. Dafür überrascht erneut die Hook, in der Gilberts schwindelerregend hohem Gesang von Tim Lambesis Brüllen untermauert wird. Dadurch wird der – erneut sehr hartnäckig im Ohr hängen bleibende – deutlich kraftvoller, vor allem weil sich beide Stimmen sehr gut ergänzen.

Wasted Words schlägt da in eine ähnliche Kerbe – wie viele Ohrwürmer wollen mir die Bastarde denn noch entgegen schleudern? Auch das Zwei-Ton-Picking in der Bridge funktioniert recht gut, während der Rest leider „nur“ gut gemachter Metalcore-Standard ist.

Die Gitarrenmelodie in Whispering Silence hingegen braucht nicht einmal zwei Sekunden, bevor sie sich scham- und rücksichtslos in den Cortex bohrt. Fast schon poppig zeigen sich As I lay Dying hier – auch wenn es das Testosteron-Brüllen von Lambesis bei bewährtem Stromgitarren-Feuerwerk wohl nie in die Playlist von 1live schaffen wird. Durch das interessante Wechselspiel von Clean- und Shout-Gesang in der Strophe schafft es dieser Song nie belanglos oder austauschbar zu wirken. Die Gitarren-Fraktion tut ihr übriges und gönnt sich gegen Ende sogar ein klassisches, gewohnt fingerfertiges Solo. Warum dann allerdings am Ende noch ein Breakdown angetackert wird, der viel zu schnell wieder ausgeblendet wird, weiß der Geier.

Ruhige Clean-Gitarren, ein sanftes Solo…die gute alte Ruhe vor dem Sturm. Langsam baut sich Overcome auf und mündet in klassischem Metalcore und einer cleanen Hook. Handwerklich sauber, aber im Kontext dessen, was die Band bislang geleistet hat, eher lahm. Die Riffs wirken wie bereits irgendwo gehört, der Hitfaktor hält sich auch in Grenzen – belanglos, next.

So geil Josh Gilbert auch singen kann – in Sachen Abwechslung wäre jetzt ein krasser Nackenbrecher ohne Clean-Gesang à la „Beyond our suffering“ oder „Within Destruction“ ganz knorke. Das ist uns in No lungs to breathe nicht vergönnt, es regiert das klassische AILD-Muster: Harte Strophe, cleaner, dieses Mal leider nur halbwegs eingängiger Refrain. Da geht mehr, da muss mehr gehen.

Defender – oder besser „DEFENDER“, um dem brutalen Breakdown gegen Ende, den das von Tim Lambesis förmlich ausgekotzte Wort einleitet, gerecht zu werden. Hier zeigt sich die Band endlich wieder inspiriert und gibt nach einer kurzen Bass-Soloeinlage vor allem den Gitarren eine Gelegenheit zu glänzen. Ein weiteres Mal wirft Josh Gilbert die Fliegenfänger aus und sorgt dafür, dass der Refrain auch wirklich kleben bleibt. Starker Song, auch wenn die Überflugphase der ersten beiden Songs des Albums nicht erreicht werden.

Mit Washed away gönnen sich die fünf Jungs aus Kalifornien eine kleine halbakustische Auszeit und fiedeln einfach mal eine Minute lang instrumental herum. Das gab es in An Ocean between us auch schon, ist aber auch kein Verbrechen, denn der Track gibt dem Album (und dem Hörer) Luft zum Atmen und nicht zuletzt ein wenig benötigte Abwechslung.

Washed away mündet nahtlos in My only home, ein Song, der erneut mit den alten Mustern arbeitet und eine eingängige, wenngleich übermäßig poppige Hook bietet. Klassischer Metalcore, im besten Sinne, den man vermutlich als alleinstehenden Song  betrachten muss, denn im Albumkontext wirkt er ein wenig austauschbar.

Der letzte Track des Albums – leider auch das letzte, denn in Tear out my eyes übertreiben es As I lay Dying erstmals mit der Poppigkeit: Stadiontaugliche Ohohohooo-Chöre? Nee, das klang schon damals bei Bullet for my Valentine kacke und in einem AILD-Song will ich sowas schon mal gar nicht haben. Zumal vom Rest des Songs kaum etwas hängen bleibt. Das ist vermutlich einfach eine persönliche Abneigung, wie bei dem Kinderchor bei Machine Head aber Fakt bleibt: Enttäuschender Abschluss eines starken Albums.

Die Special Edition bietet neben dem harten und sehr starken Unwound, das gerne auch auf das reguläre Album gepasst hätte, eine verzichtbare Demoversion von A Greater Foundation.

As I lay Dying gehen mit „Awakened“ den sicheren Weg und setzen auf alte Stärken. Dabei bleibt leider die Abwechslung und die Unvorhersehbarkeit von „The Powerless Rise“ auf der Strecke – was sehr schade ist, denn der eingeschlagene Pfad war vielversprechend, wenn auch etwas sperrig. Das harte Strophe/cleane Hook-Wechselspiel wiederholt sich dadurch einfach zu oft, was das Gesamtalbum leider etwas schmälert. Die gute Nachricht jedoch: Die alten Stärken fallen geiler denn je aus. Die Band hat ein paar absolute Überhits im Gepäck, wobei sie ihr Pulver leider schon zu früh verballern. Abgesehen von einigen Füllern ist Awakened jedoch mit Metalcore-Futter der allerfeinsten Sorte ausgestattet. Kein Fortschritt also, aber auch kein wirklicher Stillstand – ich würde es eher als Festigung des eigenen Stils bezeichnen. As I lay Dying spielt eben immer noch ganz oben mit im Metal und zeigen, dass sich Härte und Eingängigkeit nicht ausschließen müssen. Ein Konzept, von dem sich die Genre-Platzhirsche Heaven Shall Burn gerne eine Scheibe abschneiden  dürfen.

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