Irgendwas mit Menschen (Mischa-Sarim Vérollet) – Review

Warum müssen Autoren oft die kompliziertesten Namen haben?  Annette von Droste-Hülshoff oder Benjamin von Stuckrad-Barre wären solche Kandidaten. Wer bitte denkt da an die armen Leute, die diese Namen ausschreiben müssen. Vor mir liegt nun ein Buch von Mischa-Sarim Vérollet. Wow, case and point. Doch halt: Mischa-Sarim Vérollet ist ja nicht irgendjemand, sondern immerhin einer der Vorreiter und zentralen Wegbereiter der deutschsprachigen Slam-Szene. Da verzeiht man als Kritiker gerne den fingerbrechenden Namen. Indirekt war Vérollet mein allererster Kontakt mit dem Format Poetry Slam, auch wenn er davon wohl nichts weiß. (Übrigens, wer sich nun fragt, was ein Poetry Slam ist und ob man das essen kann, den verweise ich auf mein Sträter-Review – dort habe ich bereits lang und breit erklärt, was diese wunderbarste aller Dichterschlachten ausmacht…)

Kürzlich erschien nun im rennomierten Carlsen-Verlag Vérollets neustes Werk „Irgendwas mit Menschen“. Das gute Stück ist bei weitem nicht sein erstes Buch, der Autor kann bereits auf sage und schreibe sieben Bücher zurückblicken. Neben den klassischen Kurzgeschichten-Sammlungen wie „Das Leben ist keine Waldorfschule“ oder „Phantomherz Groß“ finden sich in seinem Repertoire auch zusammenhängende Romane wie das dunkle, zeitweise morbide „All des Königs Pferde“.

„Irgendwas mit Menschen“ ist hingegen eine Rückkehr zu den Wurzeln: Hinter dem rosafarbenen Cover, das Vérollet mit irritiertem Blick, Melone auf dem Kopf und Hund im Arm zeigt, verstecken sich 33 Kurztexte (handabgezählt, also zollt mir wenigstens ein bisschen Respekt) – einige davon bereits in Anthologien erschienen, der Rest brandneu. Wer nach Abwechslung in Form von ernsten oder lyrischen Texten sucht, sollte zu einem anderen Buch greifen, denn hier regiert die Satire. Jedes „Kapitel“ wird aus der typischen Ich-Perspektive erzählt. Inhaltlich haben sie nicht viel miteinander gemein, lose zusammengehalten werden sie durch das im Titel verkündete Oberthema „Irgendwas mit Menschen“. Mischa-Sarim Vérollet schildert gleich zu Beginn, dass er (bzw. das lyrische Ich) Menschen an sich nicht versteht, um dann in den nachfolgenden Texten sich und seine Umwelt in einzelnen Episoden zu untersuchen. Eine Antwort auf seine Fragen findet er nur selten – dich Suche danach stellt sich aber als unfassbar lustig heraus.

„Ich habe nichts gegen Menschen. Viele meiner besten Freunde sind welche.“ Der erste Absatz des Buches ist Programm: Ob im überfüllten Zugabteil, bei der Weihnachtsfeier der zukünftigen Schwiegereltern oder im Auto mit einem unter Drogeneinfluss stehenden Fahrer und seiner farbigen Gummipuppe – Mischa-Sarim Vérollet stellt die unterschiedlichsten Situationen mit bildhafter Sprache und sarkastischem Unterton dar. Die Pointen sitzen und die Beispiele werden zwar absolut überzogen aber eben auch lebensnah geschildert, sodass man als Leser oft nicht anders kann als zustimmend zu nicken. Denn mal ehrlich – wer kennt sie nicht, die Gute-Laune-Animatoren und die zwanghaften Pickelausdrücker dieser Welt? Und Vérollets Ausführungen zum Thema Pornos dürfte vielen männlichen Lesern bekannt vorkommen.Laute Lacher sind hier garantiert.

Natürlich sind die Stories alles andere als politisch korrekt und extrem subjektiv dargestellt, aber gerade deshalb sind die Geschichten so zugänglich. Irgendwo kann man sich immer ein Stück weit mit dem lyrischen Ich identifizieren und wenn es sich noch so dämlich, unbeholfen oder auch unsympathisch verhält. In vielen Texten taucht zudem der etwas einfach gestrickte beste Freund des Protagonisten mit dem Rufnamen „Blanko“ auf – seine Eltern gaben ihm ursprünglich den Namen „Bumsklumpen“ – was in witzigen Interaktionen zwischen den beiden mündet. Ansonsten gipfeln die Texte schnell mal in mehrseitigen Rants, in denen Vérollet über Musikfestivals, Swingerclubs oder Facebook herzieht. Ein besonders gestörtes Verhältnis scheint der Protagonist bzw. der Autor zu der Kunstform der Serviettentechnik zu haben – der Begriff (von dem ich, muss ich gestehen, vor der Lektüre dieses Buches nie gehört hatte) entwickelt sich zum Running-Gag, den Vérollet jedes Mal aufs neue förmlich zelebriert und hasserfüllt auseinandernimmt. Mein persönliches Highlight ist allerdings die Ratgeber-Trilogie „Dating für Fortgeschrittene“, die Vérollets sprachliches Talent und seinen morbiden Humor hervorragend zusammenführen und mit grandiosen Schlusspointen aufwarten.

Man merkt, dass der Autor sein Fach versteht: Jeder einzelne Satz ist perfekt durchkonstruiert, abwechslungsreich und auf einem extrem hohen sprachlichen Niveau, wenn auch niemals abgehoben oder verschachtelt. Vérollet spielt mit Sprache und Ausdrücken ohne sich zu wiederholen oder langweilig zu werden. Im Gegenteil: Beinahe jede Zeile ist ein garantierter Lacher. In einem Rutsch sollte man das Buch allerdings nicht lesen, da der konstant satirisch gehaltene Stil auf Dauer doch etwas ermüden kann. In kleinen Dosen (bitte keine schlechten Wortspiele jetzt), besonders auf Zugfahrten oder als Klolektüre wird man jedoch von „Irgendwas mit Menschen“ grandios unterhalten. Das Buch ist nicht allzu tiefgehend oder ernstzunehmen – macht aber unfassbar viel Spaß. Und jetzt ab auf die nächsten Slams und Lesebühnen – die Texte von Mischa nicht nur zu lesen sondern auch zu hören, ist nochmal eine eigene Erfahrung für sich.

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Ein Gedanke zu “Irgendwas mit Menschen (Mischa-Sarim Vérollet) – Review

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