Mama – Review

Wenn man nicht gerade auf Superhelden, krachende Action und große Blockbuster mit Starpower steht, muss man sich in diesem Jahr der kreativen Bankrott-Erklärungen Hollywoods schon ordentlich umsehen. Die wahren Perlen finden sich in der Regel nämlich nicht in den Iron Mans und Avengers dieser Welt, sondern meist in den kleinen Releases, optimalerweise nicht aus der Traumfabrik, sondern independent produziert. „Mama“ scheint so ein Fall zu sein: Ein spanischer Horrorfilm, basierend auf dem gleichnamigen Kurzfilm, mit dem Andrés Muschietti seinen Regie-Einstand gibt. Darüber dann noch ein vielversprechender Trailer, die Edel-Plakette „Guillermo del Toro präsentiert“ und schon scheinen alle Zutaten für einen gruseligen Kinobesuch gegeben zu sein. Oder?

Wir schreiben das Jahr 2008. Der geisteskranke Geschäftsmann Jeffrey (Nicolaj Coster-Waldau) tötet seine Ehefrau und entführt seine beiden Töchter Victoria (Megan Charpentier) und Lilly (Isabelle Nélisse) in eine einsame Hütte in einem verlassenen Wald. Kurz bevor er die beiden ebenfalls ermorden kann, wird er von einer mysteriösen, offensichtlich nicht menschlichen Gestalt davongezerrt. Jahre später werden die beiden Geschwister in einem völlig verwilderten Zustand gefunden. Jeffreys Bruder Lucas (ebenfalls Nicolaj Coster-Waldau) nimmt sich ihrer an – sehr zum Leidwesen seiner Freundin Anabel (Jessica Chastain), die lieber ihre eigene Punkrock-Karriere verfolgen würde, als sich um zwei merkwürdige Wolfskinder zu kümmern. Nach und nach erholen sich Victoria und Lilly und fassen allmählich vertrauen zu ihren neuen Pflegeeltern. Doch die mysteriöse Gestalt, die die beiden nur als „Mama“ bezeichnen, ist ihnen gefolgt – und will sie nicht einfach so wieder gehen lassen.

„Mama“ ist ein Paradebeispiel für verschenktes Potential. Der Aufbau des Films ist zu Beginn noch recht vielversprechend – Andrés Muschietti eröffnet seinen Debütfilm mit einem märchenhaften „Es war einmal“ und setzt damit direkt den Ton. „Mama“ spielt mit Elementen des Horrorfilms, ist aber insgesamt eher als Schauermärchen angelegt. Der Auftakt ist stimmungsvoll und besticht durch starke Schauspielleistungen, besonders durch den aus Game of Thrones bekannten Nicolaj Coster-Waldau. Seine stärksten Momente bezieht der Film aus den beiden Kindern, die sich nach Jahren in der Einsamkeit spindeldürr und menschenscheu in der Hütte verstecken und sich nur auf allen Vieren spinnenartig fortbewegen.

Verbunden mit den düsteren Kulissen sorgt dieses Szenario schon früh für großartig inszenierte Gruselszenen. Einige davon bleiben gerade durch ihren Einfallsreichtum und eine intelligente Kameraführung nachhaltig im Gedächtnis. Billige Jumpscares gibt es nur selten, es regiert die Atmosphäre, die sich in das Schauermärchen sinnvoll eingebettet ist. Unterstützt wird dieser positive Gesamteindruck von sehr guten Schauspielern. Neben dem bereits erwähnten Nicolaj Coster-Waldau glänzt hier vor allem Jessica Chastain als wunderbar gegen den Strich besetzte Punkmutter wider Willen. Großer Respekt auch an Muschietti, denn gute Kinderschauspieler sind nicht leicht zu finden, und wenn dann auch noch gleich zwei Kinder die Hauptrollen in einem Film übernehmen, ist das Risiko gleich doppelt so hoch (wir alle erinnern uns noch an Jake Lloyd, nicht wahr?) Aber Megan Charpentier und Isabelle Nélisse schlagen sich sehr gut, spielen überzeugend und sorgen so dafür, dass aus „Mama“ ein mehr als solider Gruselfilm wird. Aber dann war da noch das Ende…

Leider tappt Muschietti in genau die Falle, die schon so viele Horrorfilme vor „Mama“ zerstört hat – und zwar die Auflösung und das Ende. Einen Großteil des Grusels bezieht der Film aus der Tatsache, dass man die titelgebende Mama bis zum Schluss nicht oder nur in Ausschnitten sieht. Das ist einer der ältesten Regeln im Horrorgenre und sie ist auch heute noch gültig: Gruselig ist vor allem das, was wir NICHT sehen – dann nämlich erledigt die Phantasie des Zuschauers den Rest. Sobald es dann aber zur großen „Creature reveal“ oder zur Erklärung der übernatürlichen Phänomene kommt, brechen die meisten Horrorfilme zusammen. Nur wenige Regisseure schaffen es, einen passenden Abschluss zu finden, die meisten rutschen in die Lächerlichkeit ab und versauen dadurch nachträglich den ganzen Film. Und  „Mama“ fährt dieses Auto wirklich mit Vollkaracho an die Wand. All die Atmosphäre, all der Spannungsaufbau ist dahin, sobald man die Kreatur in ihrer ganzen CGI-Pracht erkennt. Stattdessen wird es unfreiwillig komisch und das wird der ersten Hälfte des Films einfach nicht gerecht.

Ich würde wirklich gerne sagen, dass der Film danach noch die Kurve kriegt und nochmal Spannung aufbaut, wie es Insidious, der unter einem ähnlichen Problem litt, ja auch geschafft hat. Dem ist leider nicht so, der Film wird zunehmend dümmer und dümmer. Das Finale ist an melodramatischem Pathos nicht mehr zu übertreffen. Muschietti versucht hier den märchenartigen Touch voll auszuspielen und dem Film einen Abschluss mit emotionaler Tragweite zu verleihen. Ganz im del Toro-Stil also, nur mit noch etwas mehr Tränendrüse und zerschmelzenden Geigen im Hintergrund. Der Ansatz ist ja gut gemeint und ich freue mich immer über Filme, die neue Wege gehen und eben nicht bloß auf sicher spielen – aber dieses Ende ist viel zu übertrieben, viel zu kitschig, viel zu lächerlich, als dass man ab diesem Punkt den Charakteren noch irgendetwas abgewinnen könnte. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen, denn dieses „Pans Labyrinth hoch drölftausend“-Ende verleiht im Nachhinein dem gesamten Film trotz traubenzuckersüßem Ende einen sauren Nachgeschmack.

Es ist sehr schade, „Mama“ hätte wirklich zum Geheimtipp werden können. Die Atmosphäre stimmt, die Schauspieler überzeugen und der Regisseur hat einige innovative Einfälle. Leider wird vieles davon durch ein enttäuschendes Ende vernichtet, das den Film der Lächerlichkeit preisgibt und die wirklich guten Momente fast schon überdeckt. Nichtsdestotrotz ist „Mama“ ein gelungenes Regie-Debüt, das nicht langweilt und den Zuschauer über zwei Drittel der Laufzeit wirklich mitreißt. Wer sich dann noch von dem Pathos der Auflösung nicht beirren lässt oder vielleicht sogar emotional berührt wird, der erhält 90 Minuten Unterhaltung und einen soliden, einfallsreichen Horrorfilm.

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