The World’s End – Review

Oft teilen Filmtrilogien, die nicht von Anfang an als solche ausgelegt waren, das selbe Grundprinzip: Der erste Film ist der umjubelte Erstling, mit dem alles beginnt, der mit einer kreativen Idee, einer mitreißenden Story oder spannenden Charakteren sein Publikum findet. Der zweite Teil schafft es dann in der Regel, alle Elemente des Vorgängers zu verbessern und manchmal sogar zu übertreffen. Die Popularität wächst, die Begeisterung steigt, alles wartet auf den dritten Film. Und genau darin liegt dann häufig das große Problem: Plötzlich liegt auf den Machern ein Erwartungsdruck, jeder wartet mit Spannung, aber auch mit Skepsis auf den dritten Film. Die Erwartungen steigen ins Astronomische, die Macher wollen irgendwie ihre bisherigen Filme überbieten und/oder allen Fans gleichermaßen gerecht werden, was dann meistens zu einem völlig chaotischen, vollgestopften Misch-Masch-Werk führt, was alle irgendwie unbefriedigt zurücklässt – bestes Beispiel: Spider Man 3. Und so sehr ich diesen Film liebe: Auch The Dark Knight Rises fiel, zumindest zum Teil, in diese Kategorie hinein.

Edgar Wright und Simon Pegg standen mit The World’s End nun quasi vor dem selben Problem. Ihre beiden ersten Filme, die Zombiekomödie Shaun of the Dead und die Actionpersiflage Hot Fuzz, waren kleine Meisterwerke, die mit viel Liebe zum Detail und schwärzestem Brit-Humor aufwarteten. Der ikonische Auftritt einer bekannten Speiseeis-Marke sowie zahlreiche Querverweise und Anspielungen innerhalb der beiden Filme führten schnell dazu, dass sie den Namen „Cornetto-Trilogie“ erhielten. Zu einer Trilogie gehören aber nunmal drei Filme – The World’s End soll nun der dritte und letzte Eintrag der Kultreihe werden. Aber wie toppt man die beiden grandiosen Vorgänger, die in Sachen Comedy neue Maßstäbe setzten?  Ganz einfach – die Autoren Simon Pegg und Edgar Wright versuchen es gar nicht erst und gehen mit The World’s End in eine völlig neue Richtung.

Seit Jahrzehnten hat der kindisch gebliebene Gary King (Simon Pegg) nur ein einziges Lebensziel: Er will mit seinen Freunden endlich die „Goldene Meile“ in Newton Haven vollenden, eine aus zwölf Pubs bestehende Kneipentour, die sie bereits in ihrer Jugend ohne Erfolg in Angriff genommen hatten. Das Problem: Seine Freunde sind mittlerweile Anfang 40 und leben in geregelten Verhältnissen. Trotzdem schafft es der Draufgänger, seine alten Kumpels zu reanimieren und so machen sich Gary, Andy (Nick Frost), Steven (Paddy Considine), Oliver (Martin Freeman) und Peter (Eddie Marsan) auf, ihr altes Versäumnis aufzuholen und ihre Jugend wieder aufleben zu lassen. Das Dumme: Ganz Newton Haven ist bereits von Robotern assimiliert, die es nun auf die fünf Freunde abgesehen haben. Aber sowas kann diese nicht davon abhalten, ihre 60 Pints zu trinken und sich zu ihrem Ziel durchzuschlagen: Dem World’s End-Pub.

Nach dem großen Erfolg von Hot Fuzz im Jahr 2007 stand schnell fest, dass es einen dritten Teil geben würde. Sogar der Titel wurde kurz darauf angekündigt: „The World’s End“. Dann aber wurde das Projekt vorläufig auf Eis gelegt, da die Macher anderweitig beschäftigt waren. Simon Pegg feierte überragende Erfolge mit den Mission Impossible- und Star Trek-Filmen, Edgar Wright drehte die abgedrehte Nerd-Komödie Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt und wurde von Marvel angeheuert, eine Verfilmung des Comic-Charakters Ant Man umzusetzen. Trotzdem wurden alle Beteiligten nicht müde zu betonen, dass die Cornetto-Trilogie früher oder später einen dritten Teil erhalten würde. So wuchs die Spannung und die Erwartungshaltung der Fans nach und nach immer weiter in Richtung Weltall – auch Peggs Zusammenarbeit mit seinem alten Kumpel Nick Frost für die Alien-Klamotte Paul konnte nichts daran ändern. Nun ist es endlich soweit und Wright und Pegg machen das einzig richtige: Sie kopieren nicht einfach die Erfolgsformel der Vorgänger, sondern gehen neue Wege, die sich aber gleichzeitig wunderbar in die gesamte Trilogie einfügen.

Schon Shaun und Hot Fuzz waren keine reinen Gag-Feuerwerke, sondern hatten immer Raum für ein wenig emotionale Tiefe. The World’s End geht nun einen Schritt weiter und behält über beinahe die gesamte Laufzeit einen ernsten Unterton. Das Überthema lautet „Erwachsen werden“ und sich der Realität stellen. Das ist nun bei weitem nichts neues, viele Filme greifen dieses Thema auf. The World’s End ist zugegebenermaßen auch nicht allzu subtil am Werk was das angeht, da wird gerade gegen Ende häufig auf die emotionale Holzhammermethode gesetzt. Allerdings arbeitet das niemals zum Nachteil des Films. Im Gegenteil, es funktioniert hervorragend. Und zwar aus einem ganz zentralen Grund, das Element, das bislang alle Filme der Reihe zu etwas Besonderem gemacht hat: Die Charaktere.

Zu jedem Zeitpunkt nämlich sind die Figuren dem Zuschauer sympathisch. Dafür bedarf es nicht einmal einer besonders komplexen, tiefschürfenden Charakterzeichnung. Man gewinnt die fünf Chaoten einfach direkt lieb. Niemand von ihnen ist vollkommen, im Gegenteil: Besonders Gary King stellt sich über weite Strecken als selbstverliebtes Arschloch dar. Und auch seine Freunde haben ihre eigenen Probleme und Unzulänglichkeiten, mit denen sie sich inmitten der absurdesten Alien-Invasion herumschlagen müssen. Das liegt nicht zuletzt an den wunderbaren Schauspielern, die alle so wunderbar aufrichtig spielen, dass man sie einfach mögen muss. Simon Pegg und Nick Frost, auch privat beste Freunde und jahrelange WG-Partner, spielen dabei mit ihrem Bromance-Image und betrachten das Thema Freundschaft unter einem völlig anderen Blickwinkel als die anderen Filme. Ihre Beziehung steht, in Tradition der Reihe, im Mittelpunkt und beide spielen dabei hervorragend und authentisch. Freeman, Considine und Marsan geraten da fast ein wenig in den Hintergrund, aber auch sie bekommen ihre Momente, in denen sie glänzen können. So gelingt es dem Zuschauer mühelos, mit den Figuren und ihren Problemen mitzuleiden und zu beobachten, wie sie sich alle nach und nach entwickeln und erkennen müssen: Man kann die Vergangenheit nicht zurückholen. Man muss nach vorne sehen und nicht mehr an dem, was mal war, festhalten. Gleichzeitig stellen sie allerdings auch fest: „Nobody’s perfect“ – ein Motto, das sie schließlich auf herrlich absurde Weise retten wird.

Denn The World’s End ist schließlich immer noch eine Komödie – und eine extrem gute noch dazu. Klar, niemand sollte Gags im Sekundentakt erwarten, wie es Hot Fuzz so eindrucksvoll demonstrierte. Seine stärksten und übertrieben witzigsten Momente bezieht der Film aus den Dialogen zwischen den Protagonisten. Die Herren haben allesamt ein unfehlbares Gespür für Timing und spielen sich routiniert die Bälle zu. Wie es sich für eine vernünftige Kneipentour gehört, ist dabei viel Alkohol im Spiel, was zu grandios komischen Szenen führt. Die Alien-Roboter geraten da fast schon in den Hintergrund – aber nur fast, denn Fans sollten sich nicht von der „FSK 12“ Plakette abschrecken lassen: Die „Blut- und Eiscreme-Trilogie“ wird ihrem Namen in beider Hinsicht gerecht. Da werden Roboter zermatscht, zerschmettert und zerrissen, dass es eine wahre Freude ist. Der Film ist rasant und die Action dynamisch und mitreißend inszeniert Ein selbstironisches Cameo von Ex-Bond Pierce Brosnan und Hundertschaften an Querverweisen und filmischen Anspielungen auf die Vorgängerfilme runden The World’s End perfekt ab.

Ach ja…und das Ende…toppt wirklich alles in Sachen Verrücktheit, Albernheit und absurder Genialität. Mehr zu verraten wäre hier ein Spoiler, mit dem ich niemandem einen Gefallen täte. Seht es euch einfach an.

Filmisch ist The World’s End Edgar Wright pur. Der Regisseur bleibt seiner Linie treu und beeindruckt erneut durch kreative Szenenübergänge, wilde Schnitts und extreme Close-Ups. Die ganzen Tricks und Schnitte werden allerdings nie zum Gimmick, sondern immer sinnvoll in das Geschehen integriert. Somit fühlt sich The World’s End trotz thematischer Unterschiede genau wie die anderen Cornetto-Filme an und fügt sich ansatzlos in die Reihe ein. Nicht zu vergessen der Retro-Soundtrack, der unglaublich viel Laune macht und in seinen besten Momenten erneut die Handlung kommentiert – auch wenn er nie an den brillanten Einsatz von Queens“Don’t stop me now“ in Shaun of the Dead heranreicht.

Wer mit festgesetzten Erwartungen an The World’s End herangeht, muss sich darauf einstellen, enttäuscht zu werden. The World’s End ist kein zweiter Hot Fuzz – genausowenig wie Hot Fuzz ein zweiter Shaun of the Dead war. Jeder dieser Filme hat seine eigene Identität – sie teilen sich neben zahlreichen Querverweisen und Anspielungen jedoch die völlig absurde Handlung und die grandiosen Schauspiel- und Regieleistungen. The World’s End ist deutlich ernster als seine Vorgänger und legt deutlich mehr wert auf die emotionale Tiefe seiner Figuren. Trotzdem kommt der Humor nicht zu kurz. Ein wunderbarer Partyfilm, ein Fest für Filmnerds, die wirklich jede versteckte Anspielung entdecken wollen. Ein würdiger Abschluss einer fantastischen Trilogie, die jetzt schon ein moderner Klassiker geworden ist.

Advertisements

Ein Gedanke zu “The World’s End – Review

  1. Pingback: Gone Girl – Review | gerry42

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s