Gravity – Review

Ich vergleiche ja gerne Dinge, also warum nehmen wir nicht einfach mal die gegenwärtige Filmindustrie und vergleichen sie mit Biersorten. Wenn man über Monate, ja, über Jahre hinweg gezwungen ist, nur noch Oettinger, Sternburger oder jede beliebige Art von Alt-Bier zu trinken, dann bedarf es nur eines durchschnittlichen Bieres à la Wernesgrüner und schon springen alle auf die Tische und feiern den neuen Messias ihrer Geschmacksknospen. Anders gesagt: Servier den Menschen genug Scheiße und sie klammern sich an jeden kleinsten Funken Kreativität. So, nachdem ich nun erfolgreich vom Film abgelenkt und (hoffentlich) eine Bierkontroverse, die sich gewaschen hat, angezettelt habe, lasst uns über Gravity reden.

Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) und Matt Kowalski (George Clooney) befinden sich auf einer Routine-Mission im Weltraum, um einen defekten Satelliten zu reparieren. Es ist Stones erster Flug ins All, während Kowalski bereits ein alter Hase ist. Doch die Ruhe soll nicht lange anhalten: Ein Haufen herumfliegender Trümmer eines zerstörten russischen Satelliten prasselt auf die Astronauten nieder, tötet ein Crewmitglied und schleudern Stone unkontrolliert in die Weiten des Weltraums, wo sie ohne Schwerkraft und mit begrenztem Sauerstoffvorrat ungebremst umhertrudelt.

Der erste Trailer zu Gravity war ein PR-Meisterstück. Kein schnell zusammengeschnittener Mumpitz mit Inception-Tröten und riesigen 3D-Schriftzügen, die dir schriftlich ins Gesicht brüllen, wie obergeilomat dieses neue Remake von XY sein wird – es reichte eine einzige Szene aus dem Film, ein fortlaufender Shot ohne sichtbaren Schnitt, in dem George Clooney und Sandra Bullock im Weltall von herbeigeschossenen Trümmern drangsaliert werden und Bullock ziellos ins Weltall fliegt. Bäng, Titelgrafik, Startdatum, feddich. Genau das, was ein guter Teaser-Trailer machen soll: Dich begeistern, dich anheizen, dich dazu bringen diesen Film unbedingt zu sehen. Und das Internet tat sein übriges und der Hype für Gravity war geboren, nicht zuletzt weil man es hier endlich mal wieder mit einer originalen Filmidee zu tun hat – noch dazu ohne Franchise-Ambitionen oder Buch als Ausgangsmaterial. Wir haben lange genug Billig-Bier getrunken, gebt uns etwas frisches, inspiriertes.
Und Gravity versprach genau das.

Ich wollte Gravity lieben. So gerne. Um ehrlich zu sein, ich will es jetzt noch. Aber leider kann ich ihn nicht guten Gewissens als das Meisterwerk bezeichnen als das ihn viele Filmfans proklamieren (zum Zeitpunkt des Reviews hat Gravity ein imdb-Rating von 8,5 und liegt damit in der Top 250 aller Zeiten VOR Klassikern wie Vertigo oder Taxi Driver!!!). Es ist kein schlechter Film, keineswegs, aber er bleibt sehr weit hinter seinen Möglichkeiten.

Zunächst das Positive: Auf einem technischem Level ist Gravity grandios. Die ersten 15 Minuten kommen ohne einen (sichtbaren) Schnitt aus ohne dass die Einstellung zur Angeberei wird. Wie schon in Children of Men, in dem Regisseur Alfonso Cuarón ebenfalls häufig mit dieser Technik arbeitete, wirkt alles wie aus einem Fluss und bildet langsam aber effektiv seine Atmosphäre auf. Diese One-Shot-Sequenzen werden mehrfach in diesem Film eingesetzt, drängen sich aber nie auf, sondern tragen in den entscheidenden Momenten sogar entscheidend zur Spannung bei. Auch die Kameraführung und besonders die CGI-Effekte sind atemberaubend, vom Sounddesign – das in Weltraum-Filmen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt – ganz zu schweigen. Sogar die 3D-Effekte sind zur Abwechslung mal lohnend. Allein basierend auf diesem Absatz würde ich einen Kinobesuch bereits empfehlen, denn sowas bekommt man nicht alle Tage zu sehen.

Ich habe es bereits erwähnt: Die erste Szene des Films ist hochspannend. Auch wenn der Ausgang natürlich bereits durch den Teaser-Trailer gespoilert wurde, ist das Pacing einfach grandios und arbeitet perfekt mit dem Kontrast zwischen der absoluten Stille im Weltall und der plötzlichen Eskalation durch den ersten Trümmereinschlag. Und damit kommen wir schon zum ersten Knackpunkt: Der ERSTE von mehreren Trümmereinschlägen. Denn über den Film verteilt kommt es gleich mehrfach zu Szenen wie diesen. Die Story lässt sich im Wesentlichen wie folgt umreißen: Ruhe, Dialoge, Trümmereinschlag, Panik, Ruhe, Dialoge, Trümmereinschlag Panik. Rinse and Repeat. Bullocks Charakter sucht im Verlauf der Story gleich mehrere Raumstationen auf und jedes Mal geht gleich wieder irgendetwas kaputt, alles wird kackendramatisch, Bullock stöhnt und schreit und dann Rettung in letzter Sekunde. Spätestens beim dritten Mal nutzt sich da der Überraschungsfaktor deutlich ab und wirkt sogar ein wenig ermüdend. Ich sage ja nicht, dass der ganze restliche Film aus einem actionlosen Space-Trip à la 2001 bestehen soll (zugegeben, das wäre sehr geil), aber ein bisschen mehr Abwechslung und vor allem Zurückhaltung (nicht ALLES muss gleich kaputt sein oder explodieren oder brennen, um Spannung und Dramatik zu erzeugen) wäre hier nicht ungeil gewesen.

Leider ist das nicht das einzige Problem von Gravity und es ist leider ein Problem, das schon Cuaróns sehr guten Film Children of Men davon abgehalten hat, ein Meisterwerk zu werden: Er ist leider, leider melodramatisch wie Sau. Anstatt auf seine Schauspieler und die Kraft seiner Bilder zu vertrauen, werden in emotionalen Momenten direkt die schluchzenden Streicher ausgepackt. Manchmal passt das, manchmal geht das aber auch ganz gehörig daneben und sorgte bei mir für das eine oder andere unwillkürliche Augenrollen. Besonders nervig wird es dann im Finale bzw. im Ende des Films. Da wird dann nicht mehr mitgelitten, da wird man eher ungeduldig.

Zudem belässt es Alfonso Cuarón nicht bei der Musik, um seinem Publikum die vermittelten Emotionen ins Gesicht zu kloppen. Er begeht die absolute Totsünde eines jeden Films und dreht das „Show, don’t tell“-Prinzip um. Beinahe jede einzelne Handlung auf der Leinwand wird uns entweder in Mono- oder Dialogen der Protagonisten direkt erklärt. Ganz besonders schlimm ist da Clooneys Charakter, der in einigen Szenen zum „Mr. Exposition“ wird und uns genau erzählt, was Bullock nun als nächstes tun wird und was daran gefährlich sein könnte. Auch Bullocks Charakterentwicklung wird Schritt für Schritt erklärt, teilweise so überdeutlich, dass man sich fast schon an eine Parodie erinnert fühlt. Das mag ein Zugeständnis an die heutigen Kinozuschauer sein, denen man aufgrund des ganzen Billobier-Konsums nicht mehr zutraut, die feinen Nuancen eines nach deutschem Reinheitsgebot gebrauten Pilseners zu unterscheiden, aber es schränkt das Potential des Films eben deutlich ein.

Dann wäre da noch die nicht zu unterschätzende Tatsache, dass dieser Film im Weltraum spielt. Ich bin nun bei weitem kein Astrophysiker und würde es mir niemals anmaßen, diesen Film auf Basis seines Realismus zu bewerten. Film ist ein Unterhaltungsmedium und erzählt Geschichten, das heißt man sollte als Zuschauer bei vielen Filmen auf den sogenannten „Suspension of disbelief“ zurückgreifen – das heißt, man akzeptiert bis zu einem gewissen Grad die Regeln und Gesetze der jeweiligen Filmwelt und ordnet sein Verständnis von Realismus diesen unter, um den Film an sich genießen zu können. Bis zu einem gewissen Punkt funktioniert das in Gravity auch super, aber dann tauchen die ersten Momente auf, in denen sogar ich die Stirn runzeln musste und es wird nicht besser. Sorry, aber ich glaube nicht, dass Präzisionsnavigation im Weltall mit einem verdammten Feuerlöscher so besonders töfte funktioniert wie im Film. Dazu kommt dann wieder der Soundtrack-Overkill und zack, schon hat die Szene seine Zuschauer verloren. Von diesen Momenten gibt es einige in Gravity, über einige kann man hinwegsehen, aber manche überschreiten dann eben leider doch die Grenze.

Die Charaktere sind ziemlich naja. Bullock macht tatsächlich einen ganz sauberen Job, ist aber auch nix, was ich jetzt als oscarreif bezeichnen würde. Das große Problem liegt tatsächlich in ihrer Charakterzeichnung, die für meinen Geschmack etwas zu klischeehaft und unausgereift ist. Der hier erneut mit einwirkende Pathos macht das ganze nicht wirklich besser. Die Entwicklung ihrer Figur über den Film hinweg vermag nicht zu überzeugen, da man keine Chance hat, sich wirklich in die Backstory des Charakters hineinzuversetzen. Wir bekommen erneut nur gesagt, was sie so traurig macht und am Ende verrät sie uns, was sie dazu gelernt hat und gewinnt das nötige Selbstvertrauen, um zu tun, was notwendig ist, um zu überleben. Richtig daneben ist dann eine absolut lächerliche Traum-Cop Out-Szene gegen Ende, nach der für mich der Film im Wesentlichen gelaufen war. Aber immerhin liefert sie ein paar visuelle Zitate an 2001 und das ist immer ein Plus in meinem Buch.

George Clooney gibt, wenig überraschend, den charmanten Macho im All, der über Funk der Basis (Stimme von Ed Harris) von seinen wilden Frauenabenteuern erzählt. Das scheint viele Zuschauer gestört zu haben, ich fands okay, denn sein wir mal ehrlich: Diesen Rollentypus mag man bereits viel zu häufig von Clooney gesehen haben, aber er beherrscht ihn auch nun mal aus dem Effeff. Schauspielerisch absolut unterfordert, aber insgesamt strahlt er Ruhe und Zuversicht in diesem Film aus und erdet (no pun intended) ihn ein wenig. Leider, leider verkackt Alfonso Cuarón auch im Falle seiner Charakterzeichnung und pappt eine völlig überflüssige, melodramatische Selbstopferungsszene an seinen Charakter, die mich dann nun tatsächlich ein wenig an den Michael Bay-Stinker „Armageddon“ erinnerte (wenn auch dankenswerterweise nicht ganz so krass stümperhaft).

Mag der Grundtenor dieses Reviews extrem negativ sein – ich mochte den Film trotzdem. Und das nicht aus purer Dankbarkeit über einen Major Release, der auf einer originellen Idee basiert. Gravity macht einiges richtig und ist an einigen Stellen atemberaubend spannend. Leider wird das hervorragende Potential durch übertriebene Melodramatik, an den Haaren herbeigezogenen Sequenzen und fehlende Abwechslung nicht voll genutzt. All diese Faktoren trüben den Filmgenuss und was man in Children of Men noch verzeihen konnte, ist hier einfach zu enorm, um es zu übergehen. Visuell und technisch lohnt sich die 3D-Eintrittskarte voll und ganz, aber um ihn vorbehaltlos genießen zu können, muss man leider dann doch mehr von seinem Hirn ausschalten als eigentlich gewollt. Gravity ist positiv anzurechnen, dass er Risiken eingeht. Aber manchmal reicht das eben nicht, um es aus der Riege der Durchschnittsbiere zu heben.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Gravity – Review

  1. Pingback: The Raid 2: Berandal – Review | gerry42

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s