Eine Ode an The Wire

Dass Fernsehen dem klassischen Spielfilm mehr und mehr den Rang abläuft, ist ja mittlerweile ein offenes Geheimnis. Die Zeit der in sich abgeschlossenen Folgen sind längst vorbei, seit „Die Sopranos“ und „24“ die episodenübergreifende Handlung salonfähig machten, wird unsere Popkultur mehr und mehr von großen Seriennamen regiert: Breaking Bad, Mad Men, Game of Thrones, The Walking Dead, Boardwalk Empire…die Liste ist mittlerweile viel zu lang als dass man sie in einem Atemzug aufzählen könnte (ich hab’s versucht). Diese Entwicklung sollte nicht groß überraschen, immerhin liegen die Vorteile auf der Hand: Eine Serie hat einfach deutlich mehr Zeit, seine Figuren zu etablieren, entwickeln und mit ordentlich Charaktertiefe vollzupumpen. Dasselbe gilt für die Story. So ein Filmchen hat 90 Minuten, maximal drei Stunden, um seine Geschichte zu erzählen und gleichzeitig zu versuchen, seinen Charakteren eine Persönlichkeit zu verleihen. Entweder muss sich so ein Film, sofern nicht grade extrem talentierte Drehbuchautoren am Werk sind, sich auf ein, zwei Figuren konzentrieren und diese besonders sorgfältig ausbauen oder man heißt halt Michael Bay und verzichtet auf so lächerliche Dinge wie Charakterentwicklung oder Persönlichkeit (oder Handlung).

Auch die Zuschauer scheinen das zu merken, denn Serien explodieren förmlich in Sachen Quoten und Beliebtheit. Als Flaggschiffe seien hierbei nur mal Breaking Bad oder Game of Thrones genannt – ganz ehrlich, wenn ihr diese beiden Seriennamen noch nie gehört habt – unabhängig davon wie ihr sie tatsächlich findet – dann habt ihr ehrlich gesagt entweder die letzten Jahre in Geiselhaft verbracht oder habt eure Zeit lediglich mit Tatort und dem Sat1-Vormittagsprogramm verbracht (ich kann grade spontan nicht einordnen, welches dieser beiden Szenarios schlimmer wäre). Mittlerweile springen nicht nur Sender, sondern auch Online-Anbieter wie Amazon oder Netflix auf den Zug auf und produzieren ihre eigenen Serien. Das Angebot wird immer größer, das Qualitätslevel bleibt überraschend hoch – für mich persönlich gibt es aber nur einen König im Serienmeer – The Wire.

The Wire ist eine dieser einmaligen Geniestreiche, die in ihrer Perfektion nicht reproduzierbar sind und die sich bislang hauptsächlich im Film wiederfanden: Egal wie talentiert Scorsese war, egal wie geil sein Mafia-Film „Goodfellas“ war – an die Genialität der Godfather-Filme (Teil 3 wird hier großzügig übersehen) wird er niemals heranreichen. Und auch The Wire wird in seinem Genre einmalig bleiben. Falls ihr es bis hierhin noch nicht bemerkt habt – dieser Artikel wird weniger ein klassisches Review als vielmehr eine seitenlange orgiastische Schwärmerei über die meines Erachtens beste TV-Serie aller Zeiten. Oh ja, diese Serie ist um Klassen besser als jedes Breaking Bad oder sogar Twin Peaks zusammen. Wer die Serie also bereits kennt oder partout nicht leiden kann – ihr könnt genauso gut aufhören zu lesen, denn das hier ist keine Kritik mehr, das hier ist eine Ode an David Simons The Wire.

Zum näheren Verständnis seien hier zunächst die rohen Fakten genannt – ab geht’s: The Wire. Amerikanische Drama-Serie. Lief von 2002 bis 2008 auf dem Bezahlsender HBO (ebenfalls verantwortlich für Game of Thrones, Boardwalk Empire und Flight of the Conchords). Dauerte schlappe 5 Staffeln an. David Simon, ehemaliger Polizeireporter, basierte die Grundzüge der Serie auf seinen eigenen Erfahrungen aus der Zeit, in der er über das Morddezernat in Baltimore berichtete – zu finden in seinen beiden empfehlenswerten Sachbüchern „Homicide“ und „The Corner“, in denen Wire-Fans zahlreiche Zitate und Anspielungen aus der Serie entdecken können.

Die Serie beginnt an einer Häuserecke bei Nacht. Auf der nassen Straße liegt eine Leiche. Sirenengeheul in der Luft. An einer Häuserecke sitzt ein Detective gemeinsam mit einem Dealer von der Straße. Der Detective fragt, was passiert ist. Der Dealer erzählt von dem Verstorbenen, der von allen nur „Snot Boogie“ genannt. Dieser versuchte regelmäßig, bei Kartenspielen in den Hinterhöfen die Gewinne zu klauen, was dazu führte, dass die Spieler hinter ihm herrannten, das Geld wieder an sich nahmen und Snot verprügelten. Das waren die Regeln, niemand trat darüber hinweg. Das Ganze geschah sehr oft, alle hatten sich bereits daran gewöhnt. Der Detective fragt irritiert, warum man Snot immer noch hatte mitspielen lassen, wo doch jeder wusste, dass er nur wieder versuchen würde, den Topf zu klauen. Der Zeuge sieht ihn irritiert an und antwortet: „We got to. This America, man!“

Diese erste Szene macht direkt klar, wohin die Reise geht: Wir befinden uns in Baltimore, Maryland. Die Metropole ist in den Händen eines mächtigen Drogenrings um Gangsterboss Avon Barksdale (Wood Harris). Das Morddezernat möchte, um die Statistiken möglichst weit unten zu lassen, von der Angelegenheit am liebsten überhaupt nichts wissen, doch dank Störenfried Jimmy McNulty (Dominic West) ist es schließlich gezwungen eine Sondereinheit unter Lieutenant Daniels zu bilden. Unter miesen Konditionen arbeitend gelingt es dem Team schließlich eine komplexe Abhöraktion auf Barksdale zu beginnen.

Soweit zur (stark vereinfachten) Zusammenfassung der ersten Staffel. Eine der größten Stärken, aber auch gleichzeitig die größte Hürde, sind die vielfältigen Handlungsstränge von The Wire. Ein Teil der Handlung konzentriert sich auf die Vorgänge im Morddezernat Baltimore und auf die Spezialeinheit selbst, ja – daneben werden allerdings auch die Vorgänge in Barksdales Drogenring detailiert gezeigt – sowohl aus der Perspektive der Dealer, als auch aus der Perspektive der Süchtigen und der Menschen „auf der Straße“. Jede der fünf Staffeln fügt zudem ein neues gesellschaftliches Problemfeld hinzu: In Staffel 2 spielt ein Großteil der Handlung im Hafenmillieu und setzt sich mit Gewerkschaftsproblemen und Korruption auseinander. Staffel 3 spielt mit dem Gedanken, was eigentlich passieren würde, wenn man Drogenhandel und –konsum in einem bestimmten Bereich der Stadt einfach mal erlauben würde. Staffel 4 adressiert das Schulsystem und die Perspektivlosigkeit der Jugend in Baltimore. Und Staffel 5 bringt schließlich noch den Journalismus und die Jagd nach Schlagzeilen ins Spiel. Achja, und die Politik kommt auch noch ins Spiel. Das alles klingt nach reichlich verschwurbeltem Stückwerk, wird aber im Endprodukt nicht zuletzt dank der genialen Drehbuchautoren wunderbar homogen zusammengeführt.

Die unzähligen Handlungsstränge machen es Einsteigern schon schwer genug. Hinzu kommt, dass es keinen eindeutigen Protagonisten gibt. Ja, Jimmy McNulty spielt eine wichtige Rolle in der Serie, doch wird sein Charakter zugunsten der Story gerne auch mal in den Hintergrund gerückt. Stattdessen wird jeder Charakter in Sachen Charaktertiefe wie ein Protagonist behandelt. Von Jimmys Kollegin Detective Greggs (Sonja Sohn) über den Polizeiinformanten und Junkie Bubbles (Andre Royo) bis hin zu Avon Barksdales Neffen D’Angelo Barksdale (Larry Gilliard Jr.) – jeder erhält eine individuelle Persönlichkeit.

Identifikationsfiguren gibt es hier wenige bis gar keine – es gibt keine „Guten“ und „Bösen“, es gibt nur Graustufen. Vor allem aber sind sie eines: Interessant. Sie sind das Herzstück der Serie und atmen aus jeder Pore Realismus. Nicht zuletzt liegt das an den durch die Bank weg brillanten Schauspielleistungen, dank Michael K. Williams bedrohlicher aber auch verletzlicher Performance ist der Charakter des Gangsters Omar Little mittlerweile legendär (ein besonders ikonischer Moment wurde sogar in der beliebten Sitcom „How I met your Mother“ parodiert) und Idris Elbas Karriere schoss nicht zuletzt durch seine immens kraftvolle Darstellung von Avon Barksdales rechter Hand Stringer Bell in die Höhe.

Der eigentliche Geniestreich ist jedoch die Erzählweise der Serie. Wie schon erwähnt, Einsteiger werden es nicht leicht haben, sich an The Wire zu gewöhnen. Die Geschichte hält niemanden an der Hand, im Gegenteil wird der Zuschauer mitten in die Handlung hineingeworfen, auf dass er oder sie sich gefälligst selbst zurechtfinden soll. Und es funktioniert: Hat man sich erst einmal an die ungewöhnliche Machart gewöhnt, erschließt sich die Handlung völlig von allein, ohne dass erst eine Expositions-Fee auftauchen muss, die auch dem hinterletzten Deppen erklärt, wer grade was und warum macht und was als nächstes passieren wird. Das macht The Wire extrem einzigartig und ist umso hilfreicher beim Eintauchen in diese dunkle Welt.

Die thematische Vielfalt beschränkt sich nicht nur auf das Polizei vs. Drogenthema. Vielmehr zeichnet Simon ein dreckiges, amoralisches Bild von Baltimore, das sich genauso gut auf andere amerikanische Metropolen und zu einem gewissen Grad sicherlich auch auf Deutschland übertragen lässt. Der Idealismus und die Moralvorstellungen anderer Krimiserien ist hier vollkommen fehl am Platz. Die Parallelitäten zwischen den Hierarchien der Polizei und des Drogenrings sind unübersehbar – in beiden geht es nur ums Geschäft, in beiden sind die Untergebenen letzten Endes die ausgebeuteten Schutzschilde für die hochrangigen Bosse. Der Drogenring kann fast schon als reguläres Unternehmen mit professionellem Blick auf eine marktwirtschaftliche Ausrichtung gesehen werden – wären da nicht die Drogen und die gelegentlichen Exekutionen. Am Ende gibt es keinen Sieg auf beiden Seiten, es geht einfach immer so weiter – The Wire ist mehr ein die Gesellschaft reflektierender Roman als viele die Gesellschaft reflektierende Romane.

Zugunsten des Realismus wird neben Musik auch auf typische auflockernde Elemente vollständig verzichtet. Es gibt kaum Action-Momente, auch unnötige Liebesgeschichten werden dankenswerter weise nicht hinten drangetackert. Teilweise gibt es mehrere Folgen hintereinander, in denen im Wesentlichen nur geredet wird, in denen es nicht mal dramaturgische Höhepunkte gibt. Und das ist gut so, denn es verleiht den Handlungen der Charaktere so viel mehr Bedeutung. Wenn es dann mal zu einer Schießerei kommt, schreckt The Wire nicht vor den Konsequenzen zurück. Dramatische Momente sind so deutlich spannungsgeladener und haben umso mehr Wucht, weil sie eben aus der Story heraus kommen und nicht weil die Autoren eine Actionszene brauchen um das Publikum bei der Stange zu halten. Das heißt auch nicht, dass die stillen Momente weniger spannend wären. Fakt ist: Es GIBT keine Füller im Drehbuch; jeder Dialog, jede Charakterinteraktion hilft entweder der Figurentwicklung oder um die Geschichte nach vorne zu treiben. Überflüssige Szenen, in denen die Charaktere endlos lang am Frühstückstisch sitzen und ihre Beziehung ausdiskutieren, findet man hier jedenfalls nicht.

Sollte jetzt jemand den Eindruck haben, es handele sich bei The Wire um eine sperrige, trockene Serie – keine Sorge, nicht nur ist sie komplex und spannend, sondern es gibt auch sehr witzige Momente (ebenso wie die Action-Szenen entspringen sie der Handlung und den Charakteren und nicht einfach nur der Tatsache, dass wir jetzt mal watt lustisches brauchen). Und nicht nur das: The Wire ist auch unfassbar gut zitierbar. Ernsthaft, es gibt Supercuts auf Youtube mit den 100 geilsten Zitaten aus The Wire, die ich mir, genau wie die Serie, immer wieder gerne angucke. Scheiß auf Walter White, wir haben Omar, Marlo und Stringer. Und Herc und Carver. Und Bunk. Und Landsman. Und Snoop. Und…ist ja gut, ich hör auf. Manchmal wirkt das eine oder andere Zitat etwas gewollt cool, aber das wäre nun wirklich ultrakleinlich.

Ich weiß nicht, wer sich bis hierhin tatsächlich durch meine endlose Fanfarenparade gelesen hat. Danke, dass du bis hierhin durchgehalten hast, du bist ein wahrer Soldat. Und jetzt guck The Wire. Vollkommen egal, ob du die Serie schon kennst oder nicht, du guckst das gefälligst nochmal. Ernsthaft, diese Serie verdient hundertfach mehr Aufmerksamkeit. So sehr ich Game of Thrones oder House of Cards auch liebe, sie können insgesamt in Sachen Qualität einfach nicht mit The Wire mithalten. Viele Kritiker wissen das, die Serie wird mit Lob geradezu überschwemmt. Ansonsten jedoch fristet die Serie immer noch ein Nischendasein, zumindest im Vergleich zu ehemaligen Platzhirschen wie Dexter oder Lost (zudem hatte die letzte Staffel von The Wire ein um Lichtjahre besseres Ende als beide Serien zusammen). So etwas wie The Wire ist einmalig auf dieser Welt und wäre im Filmformat und vor allem in Hollywood niemals vorstellbar.

It’s all in the game.

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