Ich mag Regen (Marvin Ruppert) – Review

Marvin Rupperts erstes Buch „Ich mag Regen“ hatte keinen leichten Stand bei mir. Im Gegenteil, die Vorzeichen für das 125-seitige Büchlein hätten nicht schlechter sein können. Das liegt aber weder am Autor noch am Buch. Aber kurz bevor ich „Ich mag Regen“ endlich aufschlug, hatte ich „Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele“ des britischen Gottes unter den Sterblichen, Douglas Adams, vollendet – wie wir alle (hoffentlich) wissen einer der witzigsten und geistreichsten Science Fiction-Autoren aller Zeiten. Marvin Ruppert kam also, ohne dass er davon auch nur den blassesten Schimmer davon hatte, die dankenswerte Aufgabe zu, mich nach einem Douglas Adams-Roman zum Lachen zu bringen. Viel Glück damit…

Letzten Endes ist das natürlich vollkommen übertrieben und ungerechtfertigt noch dazu. „Ich mag Regen“ ist weder inhaltlich noch in Sachen Humor mit Douglas Adams herrlich absurden Werken vergleichbar. Vielleicht wollte ich mit dieser Einleitung auch ein bisschen angeben, wer weiß das schon. Aber ein Quäntchen Wahrheit steckt da eben schon drin, denn mein Gehirn war nach Beendigung von „Fünfuhrtee“ noch immer im anspruchsvollen Hochtakt-Brithumor-Modus. Das passiert öfter mal, nach einer ganzen Staffel Black Books kommt mir so ein How I met your mother einfach verdammt langweilig und einfallslos vor. Umso erstaunlicher, dass Marvin Ruppert diese vollkommen sinnfreie Herausforderung tatsächlich mit Bravour meistert.

Marvin Ruppert ist ein Slam-Poet (für Erklärungen, was das denn nun bitte sein soll, bitte einmal hier klicken). Genauer: Marvin Ruppert ist ein seit 2009 aktiver Slam-Poet aus Marburg und zweifacher hessischer Poetry Slam-Meister (einmal Einzel, einmal Team). Auch er hat sich vielen seiner Slam-Kollegen angeschlossen und ein Buch veröffentlicht. „Ich mag Regen“ trägt den Untertitel „Traurige Liebesgeschichten aus meinem Leben“, erschien im Satyr-Verlag und enthält 21 satirische Kurztexte.

Wie der Titel/Untertitel des Buches bereits erahnen lässt, geht es in den Texten Marvin Rupperts um Liebe. Gescheiterte Liebe, um genau zu sein. Und Liebe. Und Scheitern. Ja, in diesem Buch wird viel geliebt und gescheitert. Das klingt erstmal negativ und ich muss gestehen, ich war skeptisch, zumal das Thema nicht gerade vor Innovation überschäumt und auf Poetry Slams tatsächlich schon ziemlich ausgereizt wurde (der Autor dieser Rezension, selbst semi-gescheiterter Slam-Poet, hält sich übrigens gerne in Glashäusern auf und ist der Auffassung, dass Steine zu werfen dort eine vollkommen vernünftige Idee ist).

Aber vielleicht ist das auch genau richtig so, denn als wolle Marvin Ruppert es allen Kritikern und gescheiterten Slam-Poeten zeigen, wischt er alle Vorwürfe beiseite. Die erste Kurzgeschichte „Looking for Freedom“ über einen Festival-Besuch wirkt noch etwas zahm und konventionell, aber bereits bei dem zweiten Text „Der Sinn des Lebens“ kann selbst der größte Vorab-Skeptiker nicht anders, als laut loszulachen, so herrlich spielt Ruppert da mit seinem Sprachtalent und der Fähigkeit, den Leser mit langen Satzkonstruktionen gezielt in die Irre zu führen.

Ab da hat Marvin Ruppert seine Leser in der Hand. Der enge Themenkomplex Liebe scheint ihn überhaupt nicht zu stören, im Gegenteil, in jeder Story findet er einen neuen Aspekt, den er genüßlich auseinandernimmt. Das ist mal eine heiße, wenn auch recht einseitige Grundschulliebe, mal ein Railtrip von Marburg nach Marburg über Heidelberg und Göttingen (das Semesterticket muss schließlich genutzt werden) und mal von gruseligen Plüschtieren, die einen beim Liebesspiel beobachten. Das Ganze immer in der zynischen Ich-Form. Schließlich gipfelt „Ich mag Regen“ in der brillanten Kurzgeschichte „Woyzeck“, die den fragmentartigen Aufbau des Literaturklassikers ganz im Stil des Films Memento umdreht und immer und immer wieder die Erwartungen des Lesers unterläuft. Außerdem geht es um Mario-Kart. Fantastisch. Das hätte Georg Büchner auch nicht besser hingekriegt.

Jeder Text in „Ich mag Regen“ ist kurz, wirkt aber gerade dadurch wie aus einem Fluss. Zumal Marvin Ruppert niemals in die Falle tappt, einfach unzusammenhängende Gags aneinanderzureihen, um so viele Lacher wie möglich zu kassieren. Nein, Personen und Handlungsort werden etabliert und ausgespielt. Es gibt keine ablenkenden und verwirrenden Seitenhandlungen, es sei denn es geschieht gewollt. Zum Schluss folgen oft unerwartete Pointen, die für viele aus dem Nichts kommende Lachattacken sorgen.

„Ich mag Regen – Traurige Liebesgeschichten aus meinem Leben“ sieht auf den ersten Blick wie eine durchschnittliche Textsammlung zu einem recht ausgelutschten Thema aus. Doch sobald man die ersten Geschichten durchgelesen hat, sind die Lacher garantiert. Hier ist ein routinierter Könner am Werk, dessen Texte glücklicherweise in gedruckter Form genauso gut funktionieren wie auf der Bühne. Zudem erscheint das Buch direkt im handlichen Taschenbuchformat, die nächste Zugfahrt dürfte also gesichert sein. Und wer nach dem Ende noch ein wenig weiterblättert bekommt noch eine kleine Bonustext-Überraschung von Marvin Rupperts Slam-Team „Steffis Vorschlag“ (mit Alex Burkhard) kredenzt. Die ist auch sehr lustig. Wie Douglas Adams halt.

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Ein Gedanke zu “Ich mag Regen (Marvin Ruppert) – Review

  1. Pingback: Ein Monat »Ich mag Regen« bei Satyr | marvinruppert.de

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