The Raid 2: Berandal – Review

 

Guilty Pleasure ist einer dieser wunderbaren englischen Ausdrücke, für die es kein passendes deutsches Äquivalent gibt. Filme, von denen man weiß, dass sie weit davon entfernt sind, optimal zu sein – manchmal sogar sehr sehr weit – die man aber trotz aller Vernunft einfach liebt. Für viele Kinogänger scheinen das Michael Bays Transformers-Filme zu sein. Niemand mit funktionierendem Synapsen-Gefüge würde wohl jemals auf den Gedanken kommen, dass Transformers 1 bis Pi  intelligente, hochwertige oder tatsächlich in irgendeiner Form gute Filme sind. Trotzdem fahren die Stinker an den Kinokassen mit erschreckender Regelmäßigkeit Millionengewinne ein und sorgen dafür, dass talentfreie Gehirnhobbits wie Michael Bay sich auch nach einer vergeigten Samsung-Präsentation in einer mit Dollarscheinen gefüllten Badewanne selbst trösten können. Mich persönlich langweilen generische Explosionen, CGI-Fluten und Co. allerdings sehr schnell. Nein, das Genre, von dem ich hier rede, braucht nicht viel, um mich mitzureißen und im Optimalfall nahezu quiekend vor Begeisterung im Sessel verschwinden zu lassen. Ich rede hier von meinem ganz persönlichen Guilty Pleasure: Martial Arts-Filme.

Story. Charaktere. Aufbau. Emotionale Bindung. Alles so Schlüsselworte, die ich normalerweise so in den Raum hineinwerfe, wenn man mich fragt, was einen guten Film ausmacht. Bei Martial Arts-Filmen ist mir das völlig wumpe. Egal wie flach die Handlung oder die Charaktere auch sein mögen – bei stylischen Tritten, Sprüngen und Kampfstilen wird das schnell zweitrangig. Jackie Chan und Bruce Lee-Filme lösen bei mir eine fast schon kindliche Begeisterung aus. In genau diese Kerbe schlug 2011 der Action-Überraschungserfolg „The Raid: Redemption“. Darin reduzierte „Merantau“-Regisseur Gareth Evans die Handlung auf ein fast schon lächerliches Minimum und zelebrierte stattdessen den beeindruckenden indonesischen Kampfstil Silat. Der Film war ein großer Erfolg und so wurde Teil 2 im Vorfeld hoch gehandelt. Aber kann „Berandal“ diese hohen Erwartungen erfüllen?

Nur zwei Stunden nach dem Hochhaus-Massaker aus The Raid 1 wird der junge Polizist Rama (Iko Uwais) als Undercover-Cop in eine Verbrecherorganisation eingeschleust. Im Gefängnis gewinnt er das Vertrauen des heißblütigen Ucock (Arifin Putra), dessen Vater Bangun (Tio Pakusodewo) der Kopf der Organisation ist. Schnell stellt Rama fest, dass die Macht Banguns weiter reicht, als er je gedacht hätte. Sein Sohn jedoch fühlt sich vernachlässigt und fängt bald an, auf eigene Faust zu handeln und einen Krieg mit der japanischen Mafia anzuzetteln. Die Situation spitzt sich zu und für Rama wird die Luft immer dünner. Wird es ihm gelingen, eine Eskalation der Ereignisse zu verhindern und dabei gleichzeitig seine Tarnung aufrecht zu erhalten?

In Sachen Handlung war der erste Raid-Film von 2011 weitesgehend konsequent: Es gab kaum eine. Ja, gegen Ende wurde ein recht belangloser Korruptionsplot drangetackert, aber der spielte in dem Film keine besonders große Rolle und konnte guten Gewissens ignoriert werden. Gareth Evans konzentrierte sich stattdessen auf das Entscheidende: Eine Spezialeinheit ist in einem Hochhaus gefangen und muss sich wieder herauskämpfen. Bei der Fortsetzung ist die Angelegenheit nicht mehr so klar. Evans hatte die Geschichte von Berandal schon lange erzählen wollen, es mangelte allerdings an Kohle, deshalb hatte er die Sparvariante vorweggeschoben. Wir haben es hier also mit deutlich mehr Plot zu tun. Charaktere und Handlungsstränge sind komplexer und vielschichtiger geworden – aber eben leider nur im Direktvergleich zu Teil 1.

Ansonsten haben wir es hier nämlich mit einem eher ins klischeehafte tendierenden Drehbuch zu tun. Grundsätzlich sind Gangster-Plots immer ein Plus, nur leider haben wir das schon im japanischen und koreanischen Kino x-fach und deutlich besser und intelligenter gesehen. Hier gerät alles etwas zu vorhersehbar, geübte Zuschauer sind den Abläufen im Film meist zwei bis drei Szenen voraus. Zu Evans Verteidigung sei hier gesagt, dass die Story von The Raid 2 okay ist. Okay – nur eben nichts Besonderes. Es ist aber passabel genug, dass man durchaus mitfiebern kann, nicht zuletzt dank der zwar nicht gerade spektakulären, durchaus aber sympathischen Darstellerleistungen. Langweilig wird es trotz der fast zweieinhalbstündigen Laufzeit jedenfalls nicht – was vor allem an der Action liegt.

Hier zeigt Evans seine wahre Stärke. Die Inszenierung der Kämpfe ist atemberaubend. Allein die Choreographien der einzelnen Fights sind wunderbar anzusehen und bestechen durch ihre Mischung aus Ästhetik und brutaler Wucht. Auf plakative Zeitlupen wird hier verzichtet, stattdessen erlaubt Evans seinen Schauspielern, ihr gesamtes Können in Bewegungen zu zeigen, die beinahe schneller sind, als das menschliche Auge sie wahrnehmen kann. Man spürt als Zuschauer förmlich jeden einzelnen Schlag und Tritt selbst und bei so manchem Stunt fragt man sich anschließend fassungslos, ob man das gerade eben wirklich gesehen hat. Iko Uwais, der gemeinsam mit Yayan Ruhian schon für die Choreographien von The Raid: Redemption  sowie Gareth Evans Erstling „Merantau“ zuständig war, legt für Teil 2 tatsächlich noch mehr als eine Schippe drauf und verbindet die Wucht der Undisputed-Filme mit der Schnelligkeit von Tony Jaa. Silat heißt diese aus Indonesien stammende Kampftechnik und lasst mich euch eines versichern: Bei den letzten Kämpfen in dem Film kam ich aus dem Grinsen nicht mehr heraus, so herrlich ist das anzusehen.

Auch in Sachen graphische Brutalität hält sich Gareth Evans nicht zurück. Im Gegenteil: War schon der erste Teil durch seinen exzessiven Messereinsatz nicht von schlechten Eltern, werden hier die Grenzen des Geschmacks noch weiter ausgetestet. In den Kämpfen fließt literweise Blut, Knochen brechen, Schädel werden eingeschlagen, Kehlen aufgeschlitzt, Gesichter landen auf Herdplatten oder werden gleich gegen Betonmauern gedonnert und spätestens wenn die beiden jetzt schon legendären Figuren „Hammer Girl“ (Julie Estelle) und „Baseball Bat Man“ (Very Tri Yulisman) auftauchen, geht es erst so richtig ab. Ja, die beiden heißen wirklich so. Und ja, die beiden hantieren mit den zu ihren Namen passenden Waffen. Und ja, in diesen Kämpfen geht es dann erst so richtig zur Sache. Aber ich will hier nichts vorwegnehmen.

War The Raid 1 in seinem Setting noch auf Korridore und diverse Räume beschränkt, hat die erweiterte Story hier nun den Vorteil, dass die Auswahl der Schauplätze deutlich breiter aufgestellt ist. Und Gareth Evans wäre nicht Gareth Evans, wenn er sich hier nicht absolut austoben würde. Bereits der erste Kampf in einer Toilettenkabine (!!!) spielt hervorragend mit diesen neuen Möglichkeiten, bevor im Laufe des Films ein Gefängnishof, ein Restaurant oder ein Club zum Schauplatz für heitere Kloppereien werden. Eine denkwürdige Actionszene spielt sich sogar komplett innerhalb eines Autos ab.

Hier zeigt sich auch eine weitere Stärke von Berandal: Die Kameraführung ist grandios. Scheinbar mühelos fährt die Kamera auch in den beengtesten Situationen um den Protagonisten und seine Gegner herum – in der fantastischen Autoverfolgungsjagd fährt das Bild sogar von außen in das Auto hinein, um sich dort direkt neben der abgebildeten Person zu platzieren. Das erinnert in seiner Kreativität und visuellen Meisterschaft an Alfonso Cuaron, der in seinen Werken Children of Men und Gravity bereits eindrucksvoll zeigte, was mit Perspektivtricks und optischen Täuschungen nicht alles machbar ist.

Umso sauerer stoßen einem bei solcher Meisterschaft dann gröbere Patzer im Film auf, denn sie reißen aus dem Geschehen heraus. So ist beispielsweise der Gesang einer Frau in der Karaokeszene so derbe asynchron, dass es ablenkend wirkt. Zudem irritiert der erneute Einsatz von Yayan Ruhian, der [SPOILER!!!] als „Mad Dog“ in Redemption bereits ins Gras biss und nun einen völlig anderen Charakter spielt, was aber eben nicht sofort klar wird, vor allem, weil Ruhian über ein sehr markantes Gesicht verfügt, dass ein paar lange Zotteln und ein Bart nicht mal eben so verdecken können. Was solls, kämpfen kann Ruhian dafür wie kein Zweiter. Positiv anzumerken sei zuletzt noch der Soundtrack, der sich nicht hinter Mike Shinodas (Linkin Park) teilweise etwas penetrantem Score aus Teil 1 verstecken muss. Im Gegenteil wirkt die Musik hier deutlich zurückhaltender und fügt sich besser in die jeweiligen Szenen mit ein. Und für ein bisschen Händel zwischendurch ist sowieso immer Zeit.

The Raid 2: Berandal. Der simple Charme des Vorgängers wurde hier eingetauscht gegen eine episch angelegte Gangster-Story, die leider zu stark in Klischees schwimmt, um zu überzeugen. In Sachen Action übertrifft sich Regisseur Gareth Evans hingegen selbst. Die Kämpfe sind wuchtig, brutal, intensiv, brilliant gefilmt und machen absurd viel Spaß. Iko Uwais dürfte sich mit Berandal wohl endgültig als neuer Stern am Action-Himmel etabliert und gezeigt haben, dass er sich nicht hinter Martial Arts-Größen wie Tony Jaa, Jet Li oder Donny Yen verstecken muss. Ach ja, wo wir grade von Jaa reden, der gute Tony wurde bereits für Teil 3 angekündigt. Das verspricht bereits jetzt die eine oder andere eingenässte Hose.

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Ein Gedanke zu “The Raid 2: Berandal – Review

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