Gone Girl – Review

 

Jeder neue David Fincher-Film ist ja so ein kleiner Grund zum Feiern. Dass der Regisseur solcher Meisterwerke wie Fight Club, Sieben, Zodiac und Panic Room sowie dem unterschätzten Verblendung-Remake einer der besten und fähigsten Regisseure unserer Zeit ist, sollte kein Geheimnis sein (ich weiß, dass in diesem Blog in der Vergangenheit oft und lange Christopher Nolan etwas zu vorbehaltlos begeistert diesen Platz eingenommen hat, aber man entwickelt sich ja stetig weiter, näch?). Selbst durchschnittliches Material wie „Bejamin Button“ oder ungewöhnliche Stories wie „The Social Network“ weiß das Ausnahmetalent zu veredeln. Nun hat er sich „Gone Girl“ vorgenommen, eine Adaption von Gillian Flynns gleichnamigen US-Bestseller aus dem Jahr 2012.

In diesem Film gibt es einen Twist. Einen dicken sogar. Und sogar einen, der bislang verhältnismäßig ungespoilert geblieben ist, was in einer vernetzten Welt, in der jeder abgeschnittene Fingernagel in „Game of Thrones“ zwei Zehntelsekunden nach Ausstrahlung bereits seinen eigenen Tumblr-Blog gewidmet bekommen hat, an einem kleinen Wunder grenzt. Aber nein, dieses Mal hat die Internet-Community weitesgehend dichtgehalten und auch die Trailer haben es vermieden, die große Auflösung hinter David Finchers neuem Film hinauszuposaunen – das ist gar nicht mal so selbstverständlich, wie man annehmen sollte; die Menge an Filmen, die mir durch ihre dämlichen Dreckstrailer verdorben wurden, ist absurd hoch.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass Buchleser den Twist aus Gone Girl sowieso schon kennen. Trotzdem werde ich versuchen, dieses Review komplett spoilerfrei zu halten und trotzdem angemessen über den Film und seine Stärken und Schwächen zu reden. Also, keine eigene Spoilerecke dieses Mal – ihr könnt dieses Review vollkommen unbeschadet durchlesen und trotzdem im Anschluss den Film mit all seinen Überraschungen genießen. Entsprechend kurz bleibt die Inhaltsangabe:

Nick und Amy Dunne (Ben Affleck und Rosamund Pike) sind das perfekte Paar: Verliebt, intelligent, gutaussehend, glücklich verheiratet. Doch nach und nach scheint die Fassade zu bröckeln. Als Amy eines Tages verschwindet, gerät Nick schnell unter Tatverdacht. Diverse schlecht entfernte Spuren von Blut und Nicks widersprüchliche Aussagen lassen Detective Rhonda Boney (Kim Dickens, bekannt aus der unterschätzten Serie Deadwood) und ihren Partner Jim Gilpin (Patrick Fugit) schnell zu dem Schluss kommen, dass Nick Amy ermordet haben können. In diversen Tagebucheinträgen äußert Amy sogar Angst vor ihrem eigenen Ehemann. Aber ist das wirklich schon die ganze Story?

Die erste Hälfte des Films stellt sich, zumindest für mich, als die deutlich stärkere heraus. Zwar geschieht alles etwas hastig (Amy ist kaum einen Tag weg und schon gibts ne fette Pressekonferenz?), aber die gesamte Darstellung fällt sehr realistisch und dadurch besonders spannend aus. Der Protagonist sieht sich zunehmend mehr in die Ecke gedrängt und auch der Zuschauer wird auf effektive Art und Weise dazu gebracht, ihm zu misstrauen. Seine Darstellung der Geschehnisse gerät ins Wackeln und so übertragen sich die Zweifel an seiner Story schnell auch auf den Zuschauer. Verstärkt wird diese Atmosphäre noch durch pointiert eingesetzte Ausschnitte aus Amys Tagebuch, in dem sie beschreibt, wie sie sich vor ihrem Ehemann zu fürchten beginnt.

Geradezu grandios wird Gone Girl, wenn sich der Film auf die Darstellung des Medienzirkus rund um Amys Verschwinden und Nicks verdächtigem Verhalten konzentriert. Wie Raubtiere stürzen sich Reporter und Talkshow-Hosts (in einem gewaltigen Seitenhieb auf die US-Talkmasterin Nancy Grance) auf jede Kleinigkeit; die Sensationslust gleicht an manchen Stellen einem Horrorfilm und ist gerade durch seine überzogene Darstellung besonders realistisch. Auch mit dem großen Perspektivwechsel der zweiten Hälfte bleibt dieses Element des Films seine größte Stärke.

Diese angesprochene zweite Hälfte mit ihrem großen Twist stellt nämlich ein gewisses Problem dar, was ich mit dem Film habe. So unerwartet er daher kommen mag, so clever er auch erzählt ist, kommt er trotzdem eine abrupten Wechsel von der alptraumhaft realistischen ersten Hälfte hin zu einer eher erzählerischen zweiten Hälfte gleich. Es ist nach wie vor weit von einem schlechten Drehbuch oder gar einem schlechten Film entfernt, aber plötzlich wird man doch daran erinnert, dass man es hier mit einem Buch bzw.einem Film zu tun hat. Zu plötzlich muss man seinen Unglauben erweitern und sich auf eine spannende, aber eben einfach etwas zu konstruiert wirkende Ebene begeben. Ab diesem Moment wird Gone Girl zum Psychothriller. Natürlich ist dies alles der Vorlage geschuldet – es beißt sich nur ein wenig mit dem großartigen Spannungsaufbau des ersten Teils. Man könnte sogar fast sagen, dass Fincher seinen Job in der ersten Hälfte zu gut erledigt hat und das Drehbuch da nicht wirklich mithalten kann.

Gegen Ende wartet dann noch der eine oder andere harte Schockmoment, in denen das Drehbuch zwar endgültig die Gefilde des Realismus verlässt, die von Fincher aber dermaßen eindringlich und drastisch inszeniert werden, dass man da wiederum gerne drüber hinwegsieht. Nicht unschuldig daran ist erneut der grandiose Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross, der genau weiß, wann er sich zurücknehmen muss und wann er die Szene dominiert. Handwerklich sind diese Szenen (besonders diese eine spezielle Szene gegen Ende des Films) einfach so einwandfrei, dass man nicht anders kann, als sich komplett davon gefangen nehmen zu lassen.

Problematisch wird hingegen wieder das Ende. Ich weiß genau, was Gone Girl/Flynn/Fincher hier beabsichtigen, aber es kommt viel zu abrupt. Offene Enden sind grundsätzlich nichts schlimmes, aber hier kommt es einfach zu früh und plötzlich, sodass sich die gewünschte Atmosphäre nicht vollends entfalten kann und der Zuschauer ein wenig unbefriedigt zurückgelassen wird.

Was den Film ab dem Twist weiterhin trägt, sind neben Finchers gewohnt grandioser Regieführung die Schauspielleistungen. Zwar wird aus Ben Affleck für mich wohl nie ein Ausnahmeschauspieler, aber man muss seiner Performance in Gone Girl zugute halten, dass sie mich nie herausgerissen hat. Zwar hätte ein Schauspieler mit etwas mehr Abwechslung im Repertoire den Film bestimmt noch besser gemacht, aber ich habe ihm seine Figur in Gone Girl jederzeit abgekauft, was glaube ich das größte Kompliment ist, das ich jemals einer Affleck-Performance gegeben habe.

Nein, der wirkliche Star von Gone Girl ist Rosamund Pike. Die hervorragende und sehr hübsche Britin, die zuletzt The World’s End veredeln durfte, liefert hier die Performance ihres Lebens ab. Unabhängig von jeder Drehbuch-/Vorlagenschwäche kann man als Zuschauer die Augen nicht von ihr  abwenden, während sie eine unfassbar vielschichtige und, ich muss es sagen, oscarreife Darstellung abliefert. Dank Pike sieht man über so manches unglaubwürdiges, vielleicht sogar dämliches Szenario hinweg, was den Film dann doch noch zu einem überdurchschnittlich guten Psychothriller macht.

Lob gebührt nichtsdestotrotz auch Neil Patrick Harris, der hier eine Art Anti-Barney aus seiner Durchbruch-Sitcom „How I met your mother“ spielt. Leider ist sein Gesicht ein wenig vorbelastet und Harris als Schauspieler ein wenig zu bekannt, sodass man in den ersten Momenten schon ein wenig grinsen muss, wenn er auf der Leinwand auftaucht. Dafür kann er aber nichts und glücklicherweise spielt Harris stark genug, dass man ihm auch diese Nebenfigur voll und ganz abkauft. Das selbe gilt für Tyler Perry, der in den USA vor allem durch seine Comedy-Filme bekannt ist, hier aber als Staranwalt auftrumpft, ohne dass seine Darstellung jemals aufdringlich wirkt.

Die Schwächen von Gone Girl liegen hauptsächlich in der Buchvorlage. Es verlangt ein gewisses Einlassen auf die Story selbst und vor allem auf ihren etwas unglaubwürdigen Twist mit all seinen Folgen. Dies machen allerdings Finchers vorzügliche Regie und die fantastischen Schauspielleistungen von Rosamund Pike mehr als wett. So wird aus Gone Girl dann doch noch ein extrem guter Psychothriller, dessen Schwächen den Gesamteindruck zwar trüben, aber niemals vollkommen zunichte machen können.

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