Interstellar – Review

 

Hach, Christopher Nolan. Wie oft habe ich in diesem Blog dein Loblied gesungen. Mit The Dark Knight hast du das Superhelden-Genre revolutioniert, mit Insomnia hast du gezeigt, dass Remakes nicht immer für den Eimer sein müssen und sowohl Memento als auch The Prestige zählen zu meinen persönlichen Lieblingsfilmen. Und auch wenn ich mich von vergangene Aussagen, dass du mein absoluter Lieblingsregisseur bist, distanzieren muss, da ich damals noch ein wenig zu vorbehaltlos begeistert von dir war, so bleibt doch kein Zweifel, dass der kreative Kopf hinter dem Publikumserfolg Inception nach wie vor zu den spannendsten Regisseuren unserer Zeit gehört.

Seit kurzem befindet sich der gefeierte Erfolgsregisseur allerdings ein wenig auf dem absteigenden Ast. Schon The Dark Knight Rises empfing eher gemischte Kritiken und das von Nolan produzierte (und visuell wie thematisch sichtlich beeinflusste) Superman-Reboot „Man of Steel“ galt für viele Kritiker als absoluter Schlag ins Wasser. Aber Nolan wäre halt nicht Nolan, der, befreit von seinen Fledermausverpflichtungen, in bester Inception-Tradition einfach mal wieder einen genial konzipierten Teaser-Trailer aus dem Zylinder zauberte, der kaum etwas über „Interstellar“ verriet, aber die Neugier und Begeisterung direkt in die Höhe schnellen ließ. Nun ist das Wunderwerk draußen und die Reaktionen könnten nicht gemischter ausfallen. Von „ein Meisterwerk“ über „ganz okay“ bis hin zu „eine Beleidigung für meine Augen und Ohren“ ist in den einschlägigen Internet-Foren zurzeit wirklich alles zu finden. Zeit, sich Nolans neusten, polarisierenden Streich einmal näher anzugucken.

Die nahe Zukunft. Mutter Erde ist ziemlich im Eimer: Staubstürme wehen durch die Lande, die Nahrungsmittelproduktion wird immer kritischer und der Sauerstoffgehalt in der Luft nimmt stetig ab. Den einzigen Ausweg für die Menschheit verspricht ein Wurmloch in der Nähe des Saturn, der den Weg in eine andere Galaxie zu potentiell bewohnbaren Planeten ermöglicht. Da die Raumfahrt angesichts der Probleme auf der Erde eingestampft wurde, liegt es an dem Familienvater und ehemaligen NASA-Piloten Cooper (Matthew McConaughey) und einem kleinen Team von Wissenschaftlern (Anne Hathaway, Wes Bentley, David Gyasi) die gefährliche Fahrt durch Raum und Zeit zu unternehmen, um die Menschheit vor dem sicheren Untergang zu bewahren.

„2001: Odyssee im Weltraum“. Der Vergleich drängt sich nicht nur auf, weil Stanley Kubricks Meisterwerk von 1968 zu meinen absoluten Lieblingsfilmen zählt. Christopher Nolan hat sich einiges von diesem SciFi-Klassiker abgeguckt und zollt ihm in einigen sehr eindeutigen visuellen wie thematischen Referenzen seinen Tribut. So sind besonders die auf den Raumfähren eingesetzten Roboter eine eindeutige Hommage an die Kubricks Space-Monolithen und bei der kreisrunden, drehenden Raumstation hätte ich um ein Haar laut im Kino losgelacht, denn besonders subtil sind diese Referenzen nun wirklich nicht. Genausowenig wie der Film selbst.

„Interstellar“ behandelt sehr komplexe Themen. In recht kurzer Zeit muss der Film nicht nur das Konzept Wurmlöcher einem Massenpublikum verständlich vermitteln, auch schwarze Löcher, Gravitation und Zeitdilation gehören zu den Dingen, die Nolan unbedingt in einem einzigen Film stemmen will. Und um fair zu sein, wenn jemand komplexe Dinge auf anschauliche Weise in Filmen vermitteln kann, dann ist das Nolan, das wissen wir seit „Inception“ und das ist auch hier keine Ausnahme. Sogar ein absoluter Physik-Toilettentieftaucher wie ich war in der Lage, dem Film weitesgehend zu folgen. An einigen Stellen gerät das sogar äußerst unterhaltsam, etwa wenn McConaughey den Sinn und Zweck eines schwarzen Lochs beschreibt und dabei auf exakt die selbe bildliche Veranschaulichung verwendet, wie die 90er SciFi-Horror-Gurke „Event Horizon“.

Das alles hat allerdings seinen Preis. Exposition. Viiiiiiiiieeeeel Exposition. Ein Großteil der immerhin stolze 169 Minuten langen Laufzeit des Films wird damit verbracht, so ziemlich alles, was nicht bei fünf in den Sträuchern hockt, zu erklären. Das ist auch alles nachvollziehbar und beeindruckend in seiner Liebe zum Detail (beim Faktencheck half immerhin der renommierte Physiker Kip Thorne und auch Amerikas Lieblingsnerd und Badass-Meme Neil DeGrasse Tyson äußerte sich bereits positiv über die wissenschaftliche Genauigkeit von „Interstellar“), aber es geht alles ein wenig auf Kosten des Handlungsflusses.

Fast scheint es, als hätte Nolan Angst vor seinen eigenen großen Ideen und Ambitionen und versucht verzweifelt, seinen Zuschauern wirklich jedes kleinste Detail zu erklären, um sie auf keinen Fall zu verlieren. „Interstellar“ will an vielen Stellen eindeutig an den „Erfahrungstrip“-Faktor von 2001: Odyssee im Weltraum anknüpfen, verliert dann aber wieder den Mut und schiebt entweder erklärende Dialoge oder künstliche Dramatik durch Action-Szenen, die etwas fehl am Platze wirken, ein. Die kubrick’sche Rätselhaftigkeit, die die Interpretation komplett dem Zuschauer überlässt, geht „Interstellar“ leider vollkommen ab.

Der Film ist sehr lang, leidet aber unter einem Problem, das Nolan in letzter Zeit öfter zu haben scheint: Er ist zu voll gestopft mit Ideen, Konzepten und Plot Points, die mindestens drei Filme hätten füllen können. Das führt dazu, dass das Storytelling sehr unfokussiert bleibt. Besonders der Anfang ist stark gerafft und zwischen Coopers Entdeckung des geheimen NASA-Stützpunktes und dem Raketenstart vergeht viel zu wenig Zeit, sodass der Film dadurch ein wenig unglaubwürdig wirkt. Dahingegen ist der Mittelteil ein wenig zu lang geraten und Nolan hätte ein, zwei Szenen durchaus etwas herunterkürzen können.

Und doch, trotz all dieser Unzulänglichkeiten schafft es „Interstellar“, den Zuschauer emotional mitzureißen. Denn der Film ist zwar weit von einer narrativen Meisterleistung entfernt, aber er wird genau dem gerecht, wovon Protagonist Cooper bereits zu Beginn des Films träumt: Er ist eine Entdeckungsreise. Wer sich darauf einlassen kann und sich auf diese Reise mitnehmen lässt, wird mit Bildern, die man so noch nie gesehen hat, und einem wunderschönen emotionalen Kern belohnt. Auch die Spannungselemente sind zwar bemüht, aber doch effektiv inszeniert und insbesondere die Enthüllung, welche physikalischen und vor allem zeitlichen Auswirkungen die Reise tatsächlich hat, gehört zu den stärksten Momenten des Films.

Überhaupt, das Ende: Hier zeigt sich die wahre Stärke von „Interstellar“. Sicher, nicht jeder wird sich darauf einlassen können, aber hier zahlt sich der holprige, aber doch effektive Spannungsaufbau endlich aus. Hat man die erste Verwirrung über das Gesehene erstmal überwunden, stellt sich eine meterdicke Gänsehaut ein; die Bilder in Kombination mit der majestätischen Musik werden einen auch noch lange nach Filmende begleiten. Unbedingt im Kino sehen, wenn ihr noch die Chance habt, Momente wie diese sind für die Großleinwand gemacht.

In Sachen Spezialeffekte bleibt Nolan nach wie vor über jeden Zweifel erhaben. Der sichtbare Aufwand in jeder Szene sowie seine Bemühungen, so wenig CGI wie möglich einzusetzen und stattdessen praktische Effekte mit Computereffekten zu vermischen, sorgen dafür, dass „Interstellar“ zu den visuell eindrucksvollsten Filmen seit Prometheus gehört.

Ein weiteres Mal ist Hans Zimmer für den Soundtrack verantwortlich und wie der ganze Film selbst pendelt der Score zwischen kitschig und majestätisch. Positiv anzumerken sei aber, dass Zimmer sich nicht wiederholt und einen völlig neuen und einzigartigen Score erschafft. Die mystischen Orgeltöne geben dem Film eine erhabene, epische Atmosphäre und auch wenn die Musik manchmal ein wenig Überhand nimmt, fügt sie sich immer wunderbar in die Szenen ein. In seinen besten Momenten erinnert Zimmers Soundtrack sogar ein bisschen an den Minimal-Meister Phillip Glass (hört euch das geniale „Pruit Igoe“ von Glass an und ihr wisst, wovon ich rede).

Der ehemalige RomCom-Akteur vom Dienst Matthew McConaughey wird ja in Hollywood mittlerweile als veritabler Charakterdarsteller wahrgenommen. Ich muss gestehen, dass ich mit seiner oscarprämierten Rolle in „Dallas Buyers Club“ nicht ganz warm geworden bin. In „Interstellar“ aber weiß er voll und ganz zu überzeugen. Seine Performance ist sympathisch wie glaubwürdig und die Szenen, in denen er schluchzend die Videobotschaften seiner erwachsen gewordenen Kinder anschaut, gehören nicht zuletzt dank McConaughey zu den berührendsten Szenen des gesamten Kinojahres. Das Südstaaten-Genuschel konnte er leider nicht hundertprozentig abstellen, sodass einige Dialogteile im Original leider für das ungeübte Ohr unverständlich bleiben.

Auch Anne Hathaway zeigt ein weiteres Mal, dass in ihr eine kompetente und verlässliche Schauspielerin steckt, die die Figur der Dr. Amelia Brand glaubhaft verkörpert. Dankenswerterweise darf sie hier als weibliche Figur existieren, ohne dass ihr auch noch eine Liebesszene mit Cooper aufgezwungen werden muss. Die anderen Crewmitglieder, verkörpert von David Gyasi und Wes Bentley, spielen ebenfalls solide, werden als Charaktere allerdings ziemlich an den Rand gedrängt und schließlich recht beiläufig aus dem Film geschmissen. Nolan-Stammgast Michael Caine hat erneut eine recht kleine Rolle, füllt diese jedoch so gekonnt mit Leben, wie es eben nur eine Legende wie Michael Caine kann.

Die Kinder, die Coopers Sohn und Tochter verkörpern, sind nicht unbedingt die Offenbarung in Tüten, aber sie sind auch weit davon entfernt, furchtbar zu sein. Ablenkend kann höchstens die Tatsache wirken, dass die zehnjährige Murphy ausgerechnet von Mackenzie Foy verkörpert wird – zuletzt hatten wir dieses „Vergnügen“ in den Twilight-Filmen (Mackenzie spielte Renesmee; fragt mich nicht, wieso ich das weiß!). Die erwachsenen Versionen der Kinder werden schließlich ausgezeichnet gespielt von Jessica Chastain und Casey Affleck. Als Sahnehäubchen gibt es noch eine kleine Rolle für den immer grandiosen John Lithgow und ein überraschendes Cameo, das hier nicht gespoilert werden soll, in der Mitte des Films.

Die Botschaft des Films mag an manchen Stellen etwas kitschig wirken und doch schafft es Nolan, diesen Kern glaubhaft zu vermitteln. So manche unglaubwürdige Zufälle in der Story sowie die angesprochenen Storytelling-Probleme können störend wirken, doch die emotionale Inszenierung in Kombination mit den grandiosen Performances sorgen dafür, dass Nolans neustes Werk noch lange im Gedächtnis bleiben wird. „Interstellar“ ist ein Film, bei dem man herausgefordert wird, auf den man sich einlassen muss, bei dem man letzten Endes aber einfach ins Staunen gerät. Etwas, das unter den großen Blockbustern in den letzten Jahren viel zu sträflich vernachlässigt wurde.

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