Kingsman: The Secret Service – Review

 

Ja, James Bond ist ganz schön lächerlich. Wissen wir mittlerweile! Auch wenn uns der Trailer zur neusten Daniel Craig-Iteration einen vom dramatischer Düsternis-Wolf vorfaseln will: Der wohl bekannteste Name der Popkultur war, gerade in seiner Anfangszeit, geprägt von süffisantem Sexismus, hochgradig überzogener Coolness und cartooniger Action. Ein Generationen übergreifendes Konzept, das in stetig modernisierter Form auch heute noch funktioniert – gleichzeitig bitten die Filme um Ian Flemings Meisterspion förmlich darum, parodiert zu werden. Das hatte schon Mike Myers im Jahr 1997 erkannt und mit seinen Austin Powers-Filmen sämtliche Klischees der frühen Bond-Filme aufs Korn genommen. Auch heute finden sich immer wieder Vertreter, die sich an der hohen Kunst der Bond-Parodie versuchen, zuletzt etwa die französischen OSS 117-Filme oder die fantastische amerikanische Animationsserie „Archer“. Aber wie oft kann man sich noch auf den Franchise-Klassiker beziehen, bevor der Gag alt wird? Ist nicht bereits alles über Wodka Martini und Hightech-Gadgets gesagt, ist es nicht an der Zeit, sich nach lohnenderen Zielen umzusehen? Tja, Matthew Vaughn und Comicautor Mark Millar haben da scheinbar keine Lust zu und liefern mit „Kingsman – The Secret Service“ nun ihren eigenen Beitrag zum Superspion-Genre ab.

Gary „Eggsy“ Unwin (Taron Egerton) steht nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens. Der britische Teenager lebt mit seiner heruntergekommenen Mutter und einem aggressiven, Stiefvater in den Londoner Slums. Trotz seiner überdurchschnittlichen Intelligenz und Sportlichkeit verbringt er seine Zeit eher mit ziellosen Sauftouren und Autodiebstählen. Sein Leben ändert sich jedoch rapide, als der elegante Harry Hart (Colin Firth), Codename „Galahad“, in sein Leben tritt. Dieser führt Eggsy in die Welt der Kingsmen ein, eine Vereinigung von Geheimagenten, die sich in der Tradition von König Artus Tafelrunde sieht. Um selbst zum Kingsman zu werden, muss Eggsy ein knochenhartes, jederzeit lebensgefährliches Trainingsprogramm durchlaufen. Die Zeit drängt, denn der Milliardär Richmond Valentine (Samuel L. Jackson) hat einen finsteren Plan, um die Welt auf seine eigene Art zu „verbessern“.

Ich und Matthew Vaughn, das war schon immer so ne Sache, Der britische Regisseur machte sich zunächst als Produzent der Guy Ritchie-Klassiker „Bube, Dame, König, GrAs“ und „Snatch – Schweine und Diamanten“ einen Namen, bevor er mit seinem Film-Debüt „Layer Cake“ einen gewissen Daniel Craig für die Rolle des James Bond interessant machte. „Layer Cake“ war ein recht virtuos inszenierter Gangster-Thriller, der sich leider ein wenig zu ernst nahm und darüber hinaus nicht besonders originell ausfiel. Internationale Bekanntheit erlangte Vaughn dann schließlich neben einem recht gelungenen, wenn auch sich selbst ein wenig zu ernst nehmenden X-Men-Film durch die Superheldenpersiflage“Kick Ass“, eine sich selbst leider viel zu ernst nehmende Verfilmung der überaus brutalen Comicbücher von Marc Millar.. Erkennen wir hier ein Muster?

Dass ich persönlich „Kick Ass“ für keinen besonders guten Film halte, schreibe ich an dieser Stelle ja nicht zum ersten Mal. Der Versuch, eine kompromisslose schwarze Comicparodie zu drehen, wurde leider von zu vielen Kompromissen, Abschwächungen zugunsten von Massentauglichkeit und der Tatsache, dass der Film viel zu unentschlossen zwischen überzogen und konservativ-kischig mäanderte, untergraben, sodass das Endergebnis leider viel zu zahm ausfiel. Da brauchte es schon einen James Gunn, um Vaughn zu zeigen, wie man einen wirklich bösartig-überzogenen Superhelden-Film dreht. Kingsman teilt einige dieser Probleme.

Egal, ob man Kingsman nun als Parodie, Spoof oder Hommage betrachtet, irgendwie will der Film nicht recht zünden. So spielt die erste Szene des Films bereits Vaughn-typisch mit cartoonartigen Gewaltsequenzen und einem recht süffisanten Humor – und kann zudem noch mit einem amüsanten Mark Hamill-Cameo aufwarten. Aber schon die Titelsequenz gerät dann unheimlich ernst und dramatisch, ohne dass man als Zuschauer überhaupt weiß, was da genau los ist – rührende Todesszenen funktionieren einfach nicht so gut, wenn man nicht einmal weiß, wer in der Szene wer ist. Auch danach wird der recht ernsthaft durchgezogene Plot rund um Eggsys Ausbildung immer wieder von Momenten der Absurdität durchbrochen – oder eben umgekehrt. In einem intelligenten Drehbuch oder in den Händen eines wirklich außergewöhnlichen Regisseurs kann sowas funktionieren; hier lassen die ständigen Tonwechsel den Zuschauer eher kalt zurück.

Zumal dieser Plot auch nicht besonders innovativ ausfällt. Aber ist ja okay, das war ja bei den Bond-Filmen auch nie der Fall. Dummerweise kann  der Film nicht damit aufhören, diesen Umstand selbst anzusprechen. Immer wieder muss indirekt in die Kamera gegrinst und betont werden, dass man sich hier an den klassischen Spionstreifen orientiert. In einer besonders nervigen Dialogsequenz sprechen Colin Firth und Samuel L. Jackson sogar direkt über die Rollenverteilung in diesen Filmen und müssen auch dem letzten Vollidioten noch verständlich machen: Jaaah, wir spielen hier mit Klischees, aber wir wissen das, denn wir machen das absichtlich.

Immerhin funktioniert Kingsman in seinen Actionsequenzen. Da muss ich durchaus zugeben, dass Vaughn sein Handwerk versteht. Schnitt, Kameraführung, Inszenierung geraten flott und rasant, ohne dass es jemals unübersichtlich wird. Auch die heutzutage so leidige Wackelkamera wird effektiv eingesetzt, vor allem in einer wirklich grandios choreographierten Massenkampfszene in einer Kirche, in der Colin Firths Charakter mal so richtig Amok laufen darf. Im Finale wird dann Vaughn-typisch richtig dick übertrieben, was durchaus für den einen oder anderen Lacher sorgt, aber dann direkt wieder dadurch untergraben wird, dass sich der Film und sein Plot IMMER NOCH viel zu ernst nehmen.

Der Fokus des Films liegt auf dem Charakter Eggsy und seiner Ausbildung zum Kingsman, was für ein paar nette Actionszenen sorgt. Trotzdem ist der Wandel der Figur zu simpel und vorhersehbar. Man wird das Gefühl nicht los, dass Matthew Vaughn da einfach einmal ganz tief in den Character Arc-Klischeetopf gegriffen hat: „Fish out of water“-Szenen (der aus armen Verhältnissen stammende Eggsy wird von reichen, durchtrainierten Schnöseln verspottet), Selbsterkenntnis, Verantwortung übernehmen, persönlicher Wachstum, seine Talente sinnvoll einsetzen, das ganze Trara halt.

Glücklicherweise ist Eggsy ein recht sympathischer Charakter, was vor allem dem Schauspieler-Newcomer Taron Edgerton zuzuschreiben ist, der seiner doch ziemlich blass bleibenden Figur Leben einhaucht. Schön auch, dass er zu keinem Zeitpunkt mit seinem weiblichen Co-Star Roxy (Sophie Cookston) eine erzwungene Liebesszene teilen muss. Colin Firth hingegen hat sichtbare Freude daran, einmal den knallharten Actionhelden herauszulassen und dieser Spaß überträgt sich auch auf den Zuschauer. Hart zulangen kann der gegen Typ besetzte Firth auch in den Actionszenen sehr glaubhaft. Ebenso erfrischend ist es, Mark Strong einmal nicht als Klischee-Bösewicht, sondern eher als rigorose Mentorfigur zu sehen. Der Schauspiellegende Michael Caine wird im Wesentlichen nicht mehr als ein glorifiziertes Cameo zugestanden, aber hey, es ist eben Michael Caine, der alte Knabe wertet schon durch seine bloße Präsenz jeden Film auf.

Der wahre Szenenstehler ist hingegen Samuel L. Jackson. Ob man seine Figur nun als witzig oder nervig bezeichnet: Tatsache ist einfach, dass Jackson hier unfassbar viel Spaß hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen er als Mace Windu oder als Agent Nick Fury einfach stoisch irgendwo im Szenenrand stehen muss. Nein, Jackson dreht einfach völlig ab, lispelt sich einen Wolf, ekelt sich vor Gewalt und Blut (was zu sehr vorhersehbaren, aber trotzdem eben unterhaltsamen Gags führt) und spielt auch sonst vollkommen übertrieben und over the top. Das kann, nein, das muss man einfach respektieren, denn in einem Film, der sich sowieso schon viel zu ernst nimmt, ist die Figur Valentine einfach eine angenehme Erinnerung daran, was der Film tatsächlich sein soll: Eine unterhaltsame, knallige Hommage an klassische Agentenfilme.

Kann man mit Kingsman – The Secret Service Spaß haben? Durchaus – man braucht allerdings genau wie bei Kick Ass eine hohe Toleranz für Kitsch und Klischees. Irgendwie weiß dieser Film nie so ganz genau, wo er hinwill. Es mangelt an Konsequenz – nie wird der Film übertrieben genug, um als Splatter-Satire zu funktionieren und der Plot und die Figuren sind einfach zu belanglos, um als ernsthafter Spionage-Film zu funktionieren. Die grandiose Schauspiel-Besetzung reißt da einiges raus, aber für mehr als bloßen Durchschnitt reicht es leider nicht. Dann doch lieber wieder James Bond.

 

 

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