Mad Max: Fury Road – Review

Dass ich mir Mad Max – Fury Road ansehen würde und das auch noch im Kino, ist etwas, das mich selbst sehr überrascht hat. Ein großer Fan des Franchises rund um den ehemaligen Cop in der Wüste Australiens nach einem verheerenden Nuklearkrieg war ich nämlich nie. So einflussreich die ersten beiden Filme auch für das Actiongenre gewesen sein mögen – bis heute gelten sie als direkte Inspiration für Klassiker wie „Stirb Langsam“, „Terminator“ oder sogar „Saw“ – besonders gut waren sie nie. Ja, die Stunts und Explosionen sind auch heute noch nett anzusehen und nach wie vor recht eindrucksvoll – teilweise sind schief gelaufene, beinahe tödliche Unfälle im Film zu sehen – aber der Rest ist leider nicht besonders gut gealtert.

Das liegt zu einem nicht geringen Anteil an Max Rockatansky selbst. Die Figur ist einfach langweilig. An Mel Gibsons Performance ist dabei nichts auszusetzen; unser aller Lieblings-Antisemit ist auch in jungen Jahren ein veritabler und überzeugender Schauspieler gewesen. Nur hat Max selbst einfach nahezu keine Persönlichkeit. Im ersten Film ist er einfach nur „der Gute“, der nach dem Tod seiner Frau und seines Kindes auf den obligatorischen 70er-Jahre Exploitation-Rachefeldzug geht. Das passiert aber eben erst in den letzten 20 Minuten; den Rest der Zeit wird einfach nur gezeigt, wie gut und glücklich Max doch eigentlich ist. Und das ist langweilig.Und belanglos. Und zieht sich tierisch.

Im zweiten Teil wird das Ganze nur geringfügig besser. In der desolaten, postapokalyptischen Wüste wird Max als skrupelloser, nur aufs eigene Überleben bedachter Einzelgänger dargestellt, der typische harte, verschlossene Actionheld mit einem weichen Kern. Ansonsten gibt es auch hier keine nennenswerten Charakterzüge, funktioniert in diesem Fall aber tatsächlich etwas besser, da der Fokus nicht auf Max selber liegt, sondern auf der Verteidigung einer kleinen friedlichen Gemeinschaft mit großem Benzinaufkommen (eines der wichtigsten Ressourcen in dieser Welt) vor einem ganzen Karneval an bizarren Freaks und Kriegern (und ja, der Antagonist des Films hieß Lord Humungus!!!). Das macht dann schon durchaus mehr Spaß; auch das Budget ist in Mad Max 2 deutlich größer und erlaubt eindrucksvollere Verfolgungsjagden und Stunts. Trotzdem wird auch hier in der Mitte des Films viel zu sehr um die wirklich uninteressanten Charaktere mäandert und das Tempo herausgenommen, ohne dass dem Film oder der Handlung irgendetwas relevantes hinzugefügt wird. Auch der bizarre Comic Relief in Form des Hubschrauber-Piloten und das wilde kleine Kind, dem Max eine kleine Musikbox schenkt, helfen da nicht.

„Mad Max – Beyond Thunderdome“, die große „Hollywood“-Version von Mad Max trug das Franchise dann vorläufig zu Grabe. Nicht einmal Hardcore-Fans der Filme verteidigen den dritten Teil, der im Wesentlichen als „der Mad Max-Film mit Tina Turner, ’ner komischen Kampfkuppel und einem Haufen nerviger Kinder“ bekannt ist. Lange Zeit versuchte Regisseur George Miller danach erfolglos, einen neuen Teil zu drehen – Gibson stieg irgendwann aus dem Projekt aus, um sich auf seinen Jesus-Folterporno „Die Passion Christi“ zu konzentrieren und über die Jahre gaben sich bekannte potentielle Schauspieler die Klinke in die Hand, ohne dass es zu einem nennenswerten Ergebnis kam. Und ich muss gestehen, als 30 Jahre nach dem letzten Mad Max-Outing ein neuer Teil mit Tom Hardy als neuen Max Rockatansky angekündigt wurde, habe ich das Ganze schnell als ein weiteres Symptom der aktuellen Remake/Sequel-Welle in Hollywood abgetan. Glücklicherweise lag ich, wie vor nicht allzu langer Zeit mit dem unterschätzten „Dredd“, falsch.

Story? Ist schnell zusammengefasst. Der Einzelgänger Max Rockatansky (Tom Hardy) wird in der Wüste von einer Gruppe „War Boys“ gefangen genommen. Diese dienen unter dem tyrannischen Herrscher Immortan Joe (gespielt von dem „Toecutter“ aus Teil 1 himself, Hugh Keays-Byrne), der in dem „Zitadelle“ genannten Gebiet auf riesigen Wasserreserven sitzt und ein Harem aus Frauen, die ihm einen Nachfolger ausbrüten sollen, sein Eigen nennt. Imperator Furiosa (Charlize Theron) aus Joes Gefolge hat schließlich die Schnauze voll, befreit die fünf versklavten Frauen und stiehlt einen von Joes Kampftrucks. Dieser reagiert nicht eben gnädig auf diesen Verrat und verfolgt Furiosa mit einer ganzen Armada aus War Boys in gewaltigen Kriegsfahrzeugen. Max gelingt es aus diesem Konvoi zu fliehen und schließt sich nach kurzem Widerstand Furiosa und den Frauen an. Wird es ihnen gelingen, Immortan Joe abzuhängen und zu überleben?

Schon die eröffnenden Studio-Logos weisen „subtil“ mit rostiger Ästhetik und startenden Motorgeräuschen darauf hin, dass hier, der Tradition des Franchises entsprechend, ordentlich Oktan unterm Kessel folgen wird. Wie viel Oktan jedoch – das konnte wirklich keiner ahnen. Vorbei sind belanglose Plots und langweilige Charaktermomente, die eigentlich keine sind. Vorbei sind schleichendes Pacing und nervige Kinder. Tatsächlich gibt es nicht einmal eine sonderlich nennenswerte Story.

Stattdessen ist der Film tatsächlich eine einzige große Autoverfolgungsjagd. Die erste Stunde lang kommt der Zuschauer kaum zum Atmen, so viel geschossen, explodiert und geprügelt wird hier. Furiosas Kampftruck befindet sich unter nahezu permanentem Beschuss und die Sequenz, in der sie kurzerhand in einen gigantischen Sandsturm steuert, um zumindest einen Teil der Gegnermassen loszuwerden, hätten andere Actionfilme als großes Finale verwendet. Max bleibt dabei zunächst überwiegend ein hilfloser Beobachter, dient er doch einem „War Boy“-Fahrzeug auf die Kühlerhaube geschnallt als Blutreservoir. Nach seinem Entkommen wird erstmal eine Runde mit Furiosa gekämpft (wo Max ganz schön was einstecken muss) und schon sind auch wieder die nächsten Gegner da und so muss erstmal fleißig weitergefahren und -gemetzelt werden, bevor Miller seinen Figuren endlich eine kurze Auszeit gönnt.

Es ist seltsam: Sonst bin ich immer der Erste, wenn es darum geht, eindimensionale Charaktere oder uninspiriertes Storytelling zu kritisieren. Aber hier, so scheint es, hat George Miller endlich herauskristallisiert, was sein Franchise so effektiv macht und beschlossen, alles überflüssige Fett loszuwerden. Es gibt die „Guten“ und sie werden verfolgt von den „Bösen“. Feddich ist die Laube. Keine pseudorelevanten Dialoge, keine Pausen für langwierige Erklärungen. Die Actionszenen sind dabei so abwechslungsreich gestaltet, dass in der Regel keine Ermüdung oder  Langeweile aufkommt.

Die Gegner sind in klassischer Mad Max-Manier kreativ designte Freakshow-Kandidaten. So ist Immortan Joe ein grotesk deformierter Eddie-von Iron Maiden-Verschnitt mit einem Totenkopf als Atemgerät (dankenswerterweise wird hier auf eine langwierige Background-Story verzichtet, was den Charakter mysteriöser und damit auch viel cooler macht). Die War Boys selbst sind kahlköpfige, bleiche Krieger und zu dem Konvoi gehören mitunter ein nasenloser General mit verkrüppelten Füßen, ein grotesker „Scheich“ mit Patronengurten als Kopftuch und ein, nein, das denke ich mir hier nicht aus, vor gigantische Boxentürme geschnallter (!) E-Gitarrist (!!) mit einem Instrument, das ihm gleichzeitig als Flammenwerfer (!!!) dient. Der Spaß, den George Miller beim Drehbuchschreiben gehabt haben muss, quillt förmlich aus der Leinwand.

Character Arcs sind in diesem Film so spärlich gesäht wie ruhige Momente im Allgemeinen. Max ist und bleibt den ganzen Film über ein vor sich hin grummelnder, schweigsamer Kämpfer, dessen einzige Veränderung darin besteht, dass er sich irgendwann, zunächst unfreiwillig, bereit erklärt, den Frauen um Furiosa zu helfen. Furiosa selbst erfährt, mit Ausnahme eines entscheidenden Moments gegen Ende des zweiten Filmdrittels, ebenfalls keine nennenswerte Veränderung. Mehr als erfrischend ist jedoch, dass sie nicht einfach nur zweite Geige zu Macho-Max spielt – im Gegenteil: Anstatt zum klischeehaften Liebes-Subplot zu werden, erweist sie sich nicht nur als überragende Kämpferin, sondern sogar als deutlich fähiger als Max.

Eine jetzt schon berühmte Schlüsselszene zeigt Max mit einem Scharfschützengewehr, das nur noch drei Schüsse übrig hat. Nachdem Max absolut actionfilmuntypisch die ersten beiden Versuche vergeigt, überlässt er nach kurzem Zögern das Gewehr Furiosa, die seine Schulter als Stütze zweckentfremdet und sich mit einem einzigen, meisterhaften Schuss ihrer Verfolger entledigt. Was diese Szene so herausragend macht, ist die Tatsache, dass Max kein großes Gewese darum macht. Für peinliche Geschlechterkriege und Macho-Gehabe ist in diesem Universum kein Platz, hier zählt einzig und allein das Überleben. Die entflohenen Frauen sind hingegen mehr MacGuffin als alles andere und unterscheiden sich lediglich in ihrer Haarfarbe voneinander. Dafür ist der Plot um ihre Flucht vor dem tyrannischen Immortan Joe eine klare Kampfansage gegen Misogynie und die bloße Betrachtung von Frauen als Objekte.

Der einzige Charakter, der hier also wenigstens eine kleine Character Arc erfährt, ist Nux (Nicolas Hoult), der vom gehirngewaschenen „War Boy“ nach gescheiterten Versuchen, Furiosa und die Frauen zu stoppen, zum hilfsbereiten Verbündeten wird. Wir erfahren nur wenig über Nux (außer dass er tödlich krank ist und hofft, ehrenvoll auf dem Schlachtfeld zu sterben, um in den Himmel bzw. nach Wallhalla zu gelangen) und seine Wandlung zum Guten geschieht etwas zu plötzlich und lieblos, aber es spielt letzten Endes keine Rolle, denn Hoult spielt sympathisch genug, dass man ihm seine Rolle abkauft.

Der wahre Star in Fury Road ist kurioserweise Imperator Furiosa, die von einer kahlgeschorenen, ölbeschmierten Charlize Theron verkörpert wird. Von ein, zwei ruhigen und emotionalen Momenten mal abgesehen hat sie eigentlich schauspielerisch nicht viel zu tun und konzentriert sich eher darauf, in den zahlreichen Kämpfen sich möglichst vieler Gegner zu entledigen – trotzdem hat Theron eine phänomenale Screen-Präsenz, die dafür sorgt, dass man ihr die vom Krieg und Überleben gestählte Amazone voll und ganz abnimmt. Zumal sie in den Actionszenen eine wirklich gute Figur abgibt. Tom Hardy als neuer Max ist noch verschlossener und schweigsamer denn je, doch dank Hardys subtiler Performance merkt man, dass es in dieser Figur brodelt. Es sind die kleinen Nuancen, die der „Bronson“-Darsteller schon seiner Rolle als Bane in The Dark Knight Rises hinzufügte und die seine Figur auf diese Weise deutlich interessanter und vielschichtiger werden lässt.

In technischer Hinsicht ist Fury Road mehr als gelungen. Die einzelnen Shots sind wunderschön anzusehen und zwischen den zahlreichen Actionszenen findet Miller, ob in felsigen Gebirgen, düsteren Sümpfen oder weitläufigen Dünen, immer wieder kleine Gelegenheiten für eindrucksvolle Bilder. Die Action selbst ist kompetent inszeniert und gibt den Stunts den nötigen Raum sich zu entfalten, ohne auf exzessives Kameragewackel zurückzugreifen. Der Schnitt ist allerdings des Öfteren etwas zu hastig und chaotisch, sodass es manchmal etwas schwierig ist, dem Geschehen zu folgen – besonders im Finale. Auch der Einsatz von Verdis „Dies Irae“ in einer der vielen Actionszenen ist jetzt nicht der alleroriginellste Move der Filmgeschichte, aber spaßig ist es trotzdem.

All das lenkt nur geringfügig ab, denn die Action selbst ist fantastisch. Sehr viele deutlich als solche erkennbare praktische Effekte, die lediglich von unterstützendem CGI ergänzt werden, verleihen den Szenen deutlich mehr Kraft und somit auch Spannung. Was wir auf der Leinwand sehen, ist tatsächlich da und nicht bloß am Computer und vor drölf Quadratkilometern Green Screen-Stoffbahnen zusammengefriemelt. Ebenso sei erwähnt, dass der Film gerade für einen modernen Blockbuster erfrischend farbenfroh und hell erscheint – nix mit dunklen, tausendfach gesehenen Entsättigungs-Farbfiltern.

Mad Max – Fury Road ist kein besonders intelligenter Film. Für Plots oder ausgefeilte Figuren ist hier keine Zeit. Stattdessen besinnt sich George Miller auf seine Stärken und inszeniert die wohl längste Autoverfolgungsjagd der Filmgeschichte, ohne dabei auf die Schwächen der früheren Mad Max-Filme zurückzugreifen. Ähnlich den indonesischen The Raid-Filmen wirkt Fury Road wie eine Rückbesinnung auf die guten alten Zeiten des Actionfilms – echte Stunts, echte Explosionen, starke Bilder und eine Menge Spaß. Das ganze dann erfährt dann noch ein zeitgemäßes Update durch unterstützende (!!!) CGI-Effekte und starke Frauenfiguren, die tatsächlich mal den Bechdel-Test bestehen – zack, fertig sind zwei Stunden Adrenalin und ordentlich Spaß inne Backen. Bester Film des Jahres? Trotz des ganzen aktuellen Hypes vermutlich nicht, dazu ist er dann doch etwas zu doof. Aber über den x-tausendsten Avengers-Aufguss nehme ich einen Film wie Mad Max – Fury Road allemal. Die unvermeidliche Fortsetzung darf also gerne kommen.

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